Deutsches Uni-Know-how für US-Konzerne: Der Fall Gilead und LMU

Durch | 2026-04-14

Am 7. April 2026 kündigte der US-Pharmakonzern Gilead Sciences die Übernahme des Münchner Biotech-Unternehmens Tubulis GmbH an – für bis zu 5 Milliarden US-Dollar (3,15 Milliarden upfront plus bis zu 1,85 Milliarden meilensteinabhängig). Tubulis, 2019 als Spin-off der Ludwig-Maximilians-Universität München (LMU) und des Leibniz-Instituts für Molekulare Pharmakologie (FMP) in Berlin gegründet, entwickelt neuartige Antikörper-Wirkstoff-Konjugate (ADCs) gegen Krebs. Die LMU pries den Deal als „erfolgreichen Forschungstransfer“. München soll als ADC-Forschungshub bei Gilead erhalten bleiben.

Auf den ersten Blick ein Erfolg: Steuerfinanzierte Grundlagenforschung aus LMU-Biocenter und FMP wird in ein klinisch fortgeschrittenes Unternehmen umgesetzt. Tubulis hatte zuvor massive Finanzierungsrunden eingesammelt, darunter eine Series C über 308 Millionen Euro (später auf 344 Millionen Euro erweitert) im Oktober 2025 – die größte für ein europäisches Biotech auf dieser Stufe. Investoren: US-Fonds wie Venrock Healthcare Capital Partners sowie deutsche und europäische Akteure wie High-Tech Gründerfonds (HTGF), Bayern Kapital, EQT Life Sciences und Evotec.

Doch der schnelle Exit nach nur sieben Jahren wirft eine harte Frage auf: Ist das wirklich der beste Transfer für Deutschland? Oder ein klares Beispiel dafür, wie öffentlich finanzierte Universitäten hochqualifiziertes Know-how systematisch an internationale Konzerne abgeben – statt langfristig unabhängige Champions im Land aufzubauen?

Seit 2002 gehört das geistige Eigentum den Universitäten

Mit der Abschaffung des Hochschullehrerprivilegs 2002 gingen Erfindungen von Wissenschaftlern in das Eigentum der Hochschulen über. Technologietransferstellen sollen das Wissen verwerten – per Lizenz oder Spin-off. In der Praxis bevorzugen viele TTOs sichere Lizenzdeals mit etablierten Konzernen statt risikoreicher Beteiligungen an Ausgründungen. Gründer kritisieren bürokratische Hürden, lange Verhandlungen und fehlende Anreize.

Die Zahl der Spin-offs aus Hochschulen und außeruniversitären Einrichtungen ist gestiegen. Dennoch hinkt die Kommerzialisierung hinter US- oder britischen Standards her. Frühe Finanzierung kommt oft aus Europa, bei der Skalierung und im Late-Stage-Bereich dominieren jedoch häufig US-Investoren. Viele Biotech-Spin-offs erreichen klinische Phasen – und landen dann bei großen internationalen Playern.

Das wiederkehrende Muster: Forschung hier, Wertschöpfung anderswo

Tubulis ist kein Einzelfall. Deutsche Universitäts-Spin-offs in Life Sciences und Deep Tech liefern starke Technologien, doch strategische Kontrolle, hohe Gewinne und langfristige Arbeitsplätze wandern oft ins Ausland ab. Gründe sind strukturell: zu wenig Risikokapital für späte Phasen in Europa, fehlender liquider Börsenmarkt für Biotech und der Druck von Investoren auf schnelle Exits.

Die Kerntechnologie von Tubulis (Plattform für stabile, hochbeladene ADCs) stammt aus öffentlich geförderter Forschung. Das Unternehmen profitierte von Programmen wie dem m4-Award Bayern und EXIST. Gilead hatte bereits 2024 eine Lizenzoption vereinbart. Nun geht die volle Kontrolle an den US-Konzern (Marktkapitalisierung vor dem Deal rund 172 Milliarden Dollar). Strategische Entscheidungen werden künftig aus Kalifornien getroffen – auch wenn Teile der Forschung in München bleiben.

Berichte des Stifterverbands und der SPRIND kritisieren diese Dynamik seit Jahren: Der IP-Transfer ist oft intransparent, langsam und nicht ausreichend gründerfreundlich. Initiativen wie „IP-Transfer 3.0“ mit Musterverträgen sollen helfen, doch die Praxis ändert sich nur schleppend.

Wer profitiert wirklich?

Der Deal spült Geld in die Kassen von LMU, FMP, Gründern und Investoren. Für Deutschland bleibt vor allem eine R&D-Einheit. Langfristige Steuereinnahmen auf hohe Gewinne, echte technologische Souveränität und die Entstehung eines globalen Champions gehen verloren.

Deutschland glänzt bei der Grundlagenforschung, scheitert aber oft bei der Skalierung und Verwertung. Solange VC-Ökosystem, Kapitalmarkt und Rahmenbedingungen schnelle Verkäufe an ausländische Konzerne begünstigen, bleibt der „Forschungstransfer“ einseitig: Öffentliche Mittel finanzieren das Know-how, globale Konzerne sichern sich die Früchte.

Der Tubulis-Fall macht es deutlich: Lukrative Exits sind schön für die Beteiligten. Ein echter Erfolg für den Standort wären jedoch unabhängige Unternehmen mit Hauptsitz, IP-Kontrolle und nachhaltiger Wertschöpfung in Deutschland.

Verifizierte Quellen (Stand April 2026):

  • Gilead Sciences Pressemitteilung zum Tubulis-Deal: https://www.gilead.com/news/news-details/2026/gilead-to-acquire-tubulis-adding-potentially-best-in-class-antibody-drug-conjugate-and-next-generation-platform-to-further-strengthen-oncology-pipeline
  • LMU-Pressemitteilung: https://www.lmu.de/en/newsroom/news-overview/news/successful-research-transfer-us-corporation-gilead-acquires-lmu-spin-off-tubulis-58756fcd.html
  • Leibniz-FMP zur Übernahme: https://leibniz-fmp.de/newsroom/news/detail/gilead-acquires-fmp-and-lmu-spin-off-tubulis-and-expands-oncology-pipeline-with-next-generation-adc
  • Tubulis Series-C-Finanzierung: https://tubulis.com/news/tubulis-raises-e308-million-series-c-to-accelerate-clinical-development-of-lead-adc-candidate-tub-040-and-expand-pipeline/
  • Reuters-Bericht zum Deal: https://www.reuters.com/legal/transactional/gilead-acquire-tubulis-gmbh-up-5-billion-2026-04-07/
  • Stifterverband / SPRIND zu IP-Transfer 3.0: https://www.stifterverband.org/ip-transfer-3-0 und https://www.sprind.org/worte/magazin/ip_transfer
  • Fraunhofer ISI und weitere Analysen zum Technologietransfer an deutschen Hochschulen (diverse Berichte zu Spin-offs und IP-Verwertung seit 2002).
Autor: LabNews Media LLC

The Editors in Chief of labnews.io are Marita Vollborn and Vlad Georgescu. They are bestselling authors, science writers and science journalists since 1994.More details about their writing on X-Press Journalistenbüro (https://xpress-journalisten.com).More Info on Wikipedia:About Marita: https://de.wikipedia.org/wiki/Marita_Vollborn About Vlad: https://de.wikipedia.org/wiki/Vlad_Georgescu

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