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Grünenthal startet Phase-I-Studie mit neuem NaV1.8-Inhibitor gegen Schmerzen

Der Pharmakonzern Grünenthal hat die erste Phase-I-Studie mit einem eigenen, oral verfügbaren Inhibitor des spannungsgesteuerten Natriumkanals NaV1.8 begonnen. Die ersten gesunden Probanden wurden bereits eingeschlossen. Das Unternehmen prüft das Prüfpräparat als potenziell nicht-opioides Therapeutikum für akute und chronische Schmerzzustände. Ergebnisse der Studie werden für die zweite Jahreshälfte 2026 erwartet.

Die Untersuchung umfasst 70 gesunde Freiwillige und gliedert sich in einen Single Ascending Dose- (SAD) und einen Multiple Ascending Dose-Teil (MAD). Primäre Ziele sind Sicherheit, Verträglichkeit und pharmakokinetische Eigenschaften. Ergänzend wird ein Cold-Pressor-Test durchgeführt, um erste pharmakodynamische Hinweise auf analgetische Wirkung zu gewinnen.

Uli Brödl, Chief Scientific Officer von Grünenthal, betonte, die selektive Blockade von NaV1.8 biete eine vielversprechende Möglichkeit, dringend benötigte nicht-opioide Schmerztherapien zu entwickeln. Während bereits ein erster NaV1.8-Inhibitor 2025 die FDA-Zulassung erhalten habe, wolle Grünenthal mit seinem Kandidaten eine umfassendere Blockade und damit potenziell bessere Wirksamkeit erreichen.

NaV1.8 ist ein klinisch und genetisch validiertes Schmerz-Target. Der Kanal spielt eine zentrale Rolle bei der Auslösung nozizeptiver Signale in peripheren sensorischen Neuronen. Seine Hemmung kann schmerzhemmende Effekte bei verschiedenen akuten und chronischen Schmerzformen erzeugen.

Grünenthal positioniert das Programm als Beitrag zur Vision einer „Welt ohne Schmerz“ und als Teil seiner langjährigen Fokussierung auf Schmerzmanagement und nicht-opioide Alternativen.

Objektive Bewertung
Die Aufnahme in die klinische Entwicklung eines eigenen NaV1.8-Inhibitors ist ein logischer und strategisch nachvollziehbarer Schritt für Grünenthal. Der Target ist wissenschaftlich solide validiert: Genetische Loss-of-Function-Mutationen beim Menschen führen zu Schmerzunempfindlichkeit, und präklinische Modelle zeigen konsistent analgetische Effekte ohne die typischen opioid-assoziierten Nebenwirkungen (Atemdepression, Abhängigkeitspotenzial, Sedierung).

Stärken des Ansatzes:

  • NaV1.8 ist peripher exprimiert und weitgehend auf nozizeptive Neuronen beschränkt ? geringes ZNS-Nebenwirkungsrisiko im Vergleich zu zentral wirkenden Analgetika.
  • Orale Verfügbarkeit und Selektivität versprechen eine patientenfreundliche Anwendung.
  • Grünenthal verfügt über langjährige Expertise in der Schmerztherapie und ein etabliertes globales Netzwerk.
  • Der Cold-Pressor-Test in Phase I ist ein sinnvoller früher pharmakodynamischer Biomarker.

Kritische Punkte und Risiken:

  • NaV1.8-Inhibitoren sind kein neues Konzept. Mehrere Kandidaten (z. B. von Vertex, AbbVie, Genentech) sind in den vergangenen 15 Jahren in der klinischen Entwicklung gescheitert – meist wegen mangelnder Wirksamkeit in breiten Schmerzindikationen oder unerwarteter Toxizität (v. a. kardiovaskulär oder neurologisch).
  • Der erste zugelassene NaV1.8-Inhibitor (Vertex’ Suzetrigine, 2025) ist auf akute Schmerzen nach abdomineller Chirurgie beschränkt; breitere chronische Indikationen (z. B. neuropathischer Schmerz) blieben bisher unerreicht. Grünenthal muss zeigen, dass sein Molekül eine bessere Wirksamkeits-/Sicherheitsbalance bietet.
  • Phase-I-Daten (Sicherheit, PK, Cold-Pressor) sind zwar wichtig, aber prädiktiv begrenzt für spätere Wirksamkeit bei Patienten mit chronischen Schmerzen.
  • Der Wettbewerb ist intensiv: Vertex dominiert derzeit das Feld, und mehrere andere Unternehmen arbeiten an NaV1.7/1.8-Kombinationen oder alternativen Schmerz-Targets.

Zusammenfassung: Das Programm ist wissenschaftlich interessant und strategisch konsequent, aber hoch riskant. Der Erfolg hängt entscheidend von einer überlegenen pharmakologischen Profilierung (bessere Selektivität, höhere Wirksamkeit, günstigeres Sicherheitsfenster) ab – etwas, das bisher keinem NaV1.8-Inhibitor dauerhaft gelungen ist. Die Phase-I-Ergebnisse 2026 werden erste wichtige Hinweise liefern, ob Grünenthal hier einen echten Differenzierungsvorteil hat. Bis zu belastbaren Phase-II-Daten (2027/2028) bleibt das Projekt spekulativ.

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