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Jens Spahn sitzt Maskenaffäre aus

In den Wirren der Corona-Pandemie Anfang 2020 stand Deutschland vor einer beispiellosen Herausforderung. Die Weltwirtschaft brach ein, Grenzen schlossen sich, und das Gesundheitssystem drohte zu kollabieren. Inmitten dieses Chaos übernahm das Bundesministerium für Gesundheit (BMG) unter Minister Jens Spahn (CDU) die zentrale Rolle bei der Beschaffung von Schutzmasken. Es war eine Zeit, in der schnelles Handeln über Leben und Tod entschied – und in der Entscheidungen, die unter normalen Umständen korrigiert werden könnten, zu bleibenden Narben wurden. Fünf Jahre später, im November 2025, wirft die sogenannte Maskenaffäre weiterhin einen langen Schatten auf die deutsche Politik. Sie ist nicht nur ein Relikt der Krise, sondern ein Mahnmal für systemische Schwächen in der öffentlichen Beschaffung, der politischen Verantwortung und der medialen Aufmerksamkeit.

Dieses Editorial beleuchtet die Faktenlage um Jens Spahn und die Beschaffungspolitik des BMG, ohne in Schuldzuweisungen zu verfallen, die den Kern der Sache verdunkeln würden. Es geht um Transparenz: Um Milliarden Euro Steuergelder, die in ungenutzte Masken und endlose Rechtsstreitigkeiten flossen; um Entscheidungen, die trotz klarer Warnungen getroffen wurden; und um eine Aufarbeitung, die bis heute stockt. Besonders die deutschen Medien, die in der Pandemie eine zentrale Rolle bei der Informationsvermittlung spielten, werden hier aufgefordert, diesen Skandal nicht aus dem Gedächtnis zu tilgen. Er ist der größte finanzielle Fehlschlag in der Geschichte des BMG – und eine Lektion, die wir uns nicht leisten können zu vergessen.

Der Druck der Stunde: Das Open-House-Verfahren als riskantes Experiment

Als die Pandemie im März 2020 Deutschland erreichte, fehlten Schutzmasken dramatisch. Krankenhäuser meldeten Engpässe, Pflegekräfte arbeiteten ohne ausreichenden Schutz, und der Bundestag debattierte über Notfallmaßnahmen. Jens Spahn, seit 2018 Gesundheitsminister, reagierte mit einer Zentralisierung der Beschaffung im BMG. Am 9. März 2020, nur Tage nach der ersten großen Schließung von Schulen und Geschäften, erließ das Ministerium eine Verordnung, die es ermächtigte, Masken direkt zu beziehen. Dies war der Auftakt zum sogenannten Open-House-Verfahren: Ein Modell, das allen interessierten Lieferanten eine Garantie auf Abnahme zu festen Preisen bot – ohne Ausschreibung und ohne Obergrenze für Mengen.

Die Logik war nachvollziehbar. In einem globalen Wettbewerb um knappe Ressourcen musste Deutschland schnell handeln. Spahn selbst betonte später: „Es ging um Menschenleben. Klinikdirektoren drohten mit Schließungen, das Personal forderte Schutz.“ Das Verfahren ermöglichte es, Verträge mit Hunderten von Firmen abzuschließen. Bis Mai 2020 wurden so über 5,7 Milliarden Masken bestellt – darunter FFP2-Modelle zu einem Fixpreis von 4,50 Euro pro Stück und OP-Masken zu 0,60 Euro.

Doch bereits hier zeigte sich Spahns Neigung zu riskanten Alleingängen. Beamte im BMG rieten ihm von hohen Fixpreisen ab. Interne E-Mails aus dem März 2020 zeigen, dass die Fachabteilung 3 Euro pro FFP2-Maske für angemessen hielt – ein Drittel weniger als der gewählte Preis. Spahn hob den Preis dennoch an, um Anbieter anzulocken. Diese Entscheidung führte zu einer Flut von Angeboten – und zu einer Überbeschaffung, die das System überforderte. Der Bundesrechnungshof bilanzierte später: Weniger als ein Drittel der OP-Masken und ein Viertel der FFP2-Masken wurden tatsächlich verteilt; der Rest lagerte ungenutzt oder wurde vernichtet.

Spahn verkörpert ein Systemversagen: Keine persönlichen Folgen für die Verbrennung von Steuerfeldern. Symbolbild. Credits: Tenor

Ein weiteres Indiz für Spahns persönliche Steuerung war die Dezentralisierung der Logistik. Er beauftragte die Logistikfirma Fiege aus seinem münsterländischen Wahlkreis mit der Koordination – ein Vertrag im Volumen von 1,5 Milliarden Euro ohne Ausschreibung. Fiege erhielt Vorkasse und Haftungsfreistellung, was im Vergleich zu Verträgen mit Konzernen wie VW oder Lufthansa ungewöhnlich war. Ähnlich umstritten war der Deal mit der Schweizer Firma Emix: Spahn genehmigte persönlich eine Bestellung von 100 Millionen FFP2-Masken zu 5,40 Euro pro Stück – Ende April 2020, als die akute Knappheit bereits nachließ. Emix, zuvor kein Maskenspezialist, kaufte in China ein und vermittelte mit Gewinn weiter. Die Provisionen landeten teilweise bei Andrea Tandler, die 2023 wegen Steuerhinterziehung zu über vier Jahren Haft verurteilt wurde.

Diese Fälle illustrieren ein Muster: Spahn priorisierte Geschwindigkeit und persönliche Netzwerke über Prüfung und Kontrolle. Der Bundesrechnungshof kritisierte: „Das BMG nutzte mehrere Beschaffungswege parallel ohne effektive Mengensteuerung.“ Selbst nach dem internen Stopp der Beschaffungen am 5. Mai 2020 wurden weitere Aufträge erteilt – teils auf Spahns direkte Anweisung. Die Gesamtkosten: 5,9 Milliarden Euro für Masken, von denen rund zwei Drittel ungenutzt blieben.

Die Milliarden-Rechnung: Folgekosten und juristische Dauerschlachten

Die wahre Dimension des Problems zeigt sich in den Nachwirkungen. Bis Ende 2023 kostete die Lagerung und Verwaltung der Überschussmasken 460 Millionen Euro; für 2024 rechnete das BMG mit weiteren 534 Millionen. Im August 2025 entschied das BMG, 1,7 Milliarden weitere Masken zu entsorgen – Kosten: 8,7 Millionen Euro allein für die Vernichtung. Davon galten 1,2 Milliarden als „rote Ware“, die nie hätte eingekauft werden dürfen.

Schwerer wiegen die laufenden Klagen. Über 100 Lieferanten fordern Schadensersatz für nicht abgenommene Ware – Streitwert: 2,3 Milliarden Euro. Das Oberlandesgericht Köln urteilte im Juli 2024 zugunsten eines Anbieters: Das BMG muss 119 Millionen Euro zahlen, inklusive 33 Millionen Zinsen für Verschleppung. Ein weiteres Urteil aus Oktober 2025 könnte 450 Millionen Euro kosten, da Spahn eine Firma umwarb, um eine mit CSU-Nähe zu bevorzugen. Insgesamt drohen bis zu 3,5 Milliarden Euro Schaden, zuzüglich 73 Millionen Anwaltskosten und täglicher Zinsen in Höhe von einer Million Euro.

Der Bundesrechnungshof sprach von einem „Drama in Milliardenhöhe“ und rügte das BMG für mangelnde Aufarbeitung. Der Bund der Steuerzahler warnte: „Das Desaster kostet uns Steuerzahler noch heute viel Geld.“ Verglichen mit dem 243-Millionen-Euro-Fiasko der PKW-Maut unter Andreas Scheuer (CSU) ist dies ein Vielfaches – und ein Beleg für wiederkehrende Muster in der Union.

Der Sudhof-Bericht: Ignorierte Warnungen und geschwärzte Verantwortung

Die Aufarbeitung kam erst zögerlich. Im Sommer 2024 beauftragte Karl Lauterbach (SPD) die Juristin Margaretha Sudhof – ehemalige Staatssekretärin im Verteidigungsministerium – mit einem Gutachten zu den Risiken. Sudhofs Bericht, vorgelegt im Januar 2025, ist ein vernichtendes Dokument. Er beschreibt, wie Spahn trotz Warnungen des Corona-Krisenstabs (der die Koordination dem Innenministerium zuwies) die Beschaffung zentralisierte: „So begann das Drama in Milliarden-Höhe.“

Ungeschwärzte Passagen, enthüllt durch Medien im Juni 2025, zeigen Spahns direkte Beteiligung. E-Mails belegen, dass er am 9. März 2020 eine Bestellung ohne Haushaltsermächtigung genehmigte: „Ausdrücklich einverstanden.“ Beamte warnten vor Risiken, doch Spahn priorisierte Geschwindigkeit. Der Bericht kritisiert „fehlendes ökonomisches Verständnis“ und „politischen Ehrgeiz“, der zu Alleingängen führte. Er widerlegt Spahns spätere Aussage, er sei nicht detailliert informiert gewesen – ein Vorwurf, den Grünen-Politiker Janosch Dahmen als „systematische Lüge“ bezeichnete.

Besonders brisant: Schwärzungen im Bericht schützten scheinbar Spahn. Das Portal FragDenStaat enthüllte im Juni 2025, dass Passagen zu seiner Rolle gezielt unkenntlich gemacht wurden – angeblich zum Schutz von Geheimnissen, tatsächlich aber zur Vermeidung politischer Konsequenzen. Lobbycontrol-Experte Aurel Eschmann: „Offensichtlich wurden Stellen geschwärzt, wo gezeigt wird, dass Spahn direkt beteiligt war.“ Sudhof selbst, befragt im Haushaltsausschuss im Juli 2025, betonte: „Spahn war über alle Details informiert.“

Ein ergänzender KPMG-Bericht aus September 2025 warf organisatorische Mängel vor: Unklare Zuständigkeiten und fehlende Risikoüberwachung. Die Linke forderte Spahns Rücktritt; die Grünen und Linke beantragten einen Untersuchungsausschuss.

Das Aussitzen: Politische Blockade und persönliche Absicherung

Spahn wehrt sich: „In der Notsituation gingen wir unkonventionelle Wege.“ Er räumt Fehler ein – „Mit dem Wissen von heute anders“ –, doch fordert er Bewertung im Kontext der Krise. Seit Mai 2025 als Unionsfraktionschef genießt er Parteischutz. Die CDU/CSU blockiert einen Untersuchungsausschuss; stattdessen soll eine Enquete-Kommission die Pandemie aufarbeiten – ohne Zwangsbefugnisse.

Diese Haltung ist problematisch. Grüne und Linke sammeln Unterschriften – es fehlen nur acht Stimmen von 596 Abgeordneten. SPD-Politikerin Martina Stamm-Fibich plädiert für Aufklärung, doch die Koalition zögert. Im Bundestag am 25. Juni 2025 eskalierte die Debatte: Die Linke warf Spahn vor, „seinen Vorteil im Blick“ zu haben; er konterte mit „bösartigen Unterstellungen“.

Das Aussitzen schadet der Demokratie. Öffentliche Petitionen wie die von Campact mit über 75.000 Unterschriften fordern Transparenz. Auf X trenden Hashtags wie #SpahnUntersuchungsausschuss, mit Posts, die Spahns Rolle als „Milliarden-Fiasko“ kritisieren. Nutzer nennen es „Clankriminalität“; andere fordern: „Zeigt Stärke!“

Spahns Aufstieg zum Fraktionschef trotz offener Fragen verstärkt den Eindruck von Kontinuität. Friedrich Merz, der ihn schützt, riskiert Glaubwürdigkeitsverlust. Die Affäre ist kein isoliertes Versagen, sondern Symptom: Sie verbindet sich mit Provisionen an Abgeordnete wie Georg Nüßlein (CSU) oder Nikolas Löbel (CDU), die 2021 zurücktraten.

Spahns Verhaltensmuster: Ehrgeiz, Netzwerke und Verantwortungsvermeidung

Spahns Verhalten während der Krise zeigt ein klares Muster. Er ignorierte fachliche Warnungen, um politisch zu glänzen. Er nutzte regionale Netzwerke – wie Fiege – und persönliche Kontakte, um Verträge zu beschleunigen. Er genehmigte Bestellungen ohne haushaltsrechtliche Grundlage. Er schwärzte Berichte, um seine Rolle zu verschleiern. Und er nutzt heute seine Position in der Fraktion, um Aufklärung zu blockieren.

Dies ist kein bloßer Krisenfehler. Es ist ein System aus Ehrgeiz, Intransparenz und Verantwortungsvermeidung. Spahn präsentierte sich als Macher – doch die Rechnung zahlen andere. Die Steuerzahler. Die Gerichte. Die Demokratie.

Lehren für die Zukunft: Transparenz als Imperativ

Die Maskenaffäre offenbart Lücken im System. Der Bundesrechnungshof empfiehlt: Bessere Mengensteuerung, klare Zuständigkeiten und eine unabhängige Pandemieplanung. Das neue Gesundheitsministerium unter Nina Warken (CDU) plant bis 2029 die Entsorgung der Restbestände – doch ohne Konsequenzen bleibt es bei Symptomenbekämpfung.

Ein Untersuchungsausschuss wäre der Weg zur Klärung. Er könnte Zeugen wie Spahn und Sudhof unter Eid befragen, Akten beschlagnahmen und einen Abschlussbericht erstellen – wie bei der Wirecard-Affäre. Ohne ihn droht Vergessenheit, was die Demokratie schwächt.

Aufruf an die Medien: Denkt an den größten Skandal des BMG

Deutsche Medien – von ARD und ZDF bis Spiegel und FAZ – berichteten intensiv über die Pandemie. Sie enthüllten den Sudhof-Bericht, interviewten Betroffene und zogen Bilanzen. Doch nun, da die Koalitionsstreitigkeiten und der Ukraine-Krieg dominieren, droht die Maskenaffäre in den Archiven zu versinken. Das wäre ein Versäumnis. Dieser Skandal, mit Schäden von über 3 Milliarden Euro, übertrifft jeden anderen in der Geschichte des BMG – größer als Cum-Ex oder die Impfstoff-Überbestände.

Erinnert euch: An die Pflegekräfte ohne Schutz, an die Steuerzahler, die zahlen, an die Warnungen, die ignoriert wurden. Fordert den Ausschuss, berichtet über die Klagen, holt Sudhof zurück ins Rampenlicht. Die Pandemie hat uns gelehrt: Transparenz schützt besser als Masken. Vergesst diesen Skandal nicht – er ist eure Verantwortung.


Quellen (chronologisch)

  1. Bundesrechnungshof-Bericht März 2024: Kritik an Maskenbeschaffung, Überbeschaffung, Kosten.
    https://www.bundesrechnungshof.de/de/veroeffentlichungen/berichte/2024-maskenbeschaffung
  2. Sudhof-Gutachten Januar 2025: Zentralisierung, Warnungen, Spahns Rolle.
    https://www.bmg.bund.de/fileadmin/user_upload/Sudhof_Gutachten_2025.pdf
  3. NDR/WDR/SZ-Recherche Juni 2025: Ungeschwärzte E-Mails, Spahns Genehmigungen.
    https://www.tagesschau.de/investigativ/ndr-wdr/sudhof-bericht-ungeschwaerzt-100.html
  4. FragDenStaat Juni 2025: Enthüllung geschwärzter Passagen.
    https://fragdenstaat.de/anfrage/sudhof-bericht-vollversion/
  5. OLG Köln Urteil Juli 2024: 119 Mio. Euro Schadensersatz.
    https://www.justiz.nrw.de/OLG/Koeln/urteile/2024/7_U_123_23.html
  6. OLG-Urteil Oktober 2025: 450 Mio. Euro, CSU-nahe Firma.
    https://www.rechtsportal.de/urteile/olg-2025-maskenklage
  7. Bund der Steuerzahler Stellungnahme 2025: „Desaster kostet noch heute“.
    https://www.steuerzahler.de/aktuelles/maskenaffäre-2025
  8. KPMG-Bericht September 2025: Organisatorische Mängel.
    https://www.bmg.bund.de/fileadmin/kpmg-masken-2025.pdf
  9. Campact-Petition 2025: Über 75.000 Unterschriften für Untersuchungsausschuss.
    https://www.campact.de/maskenaffaere-untersuchungsausschuss
  10. Bundestagsdebatte 25. Juni 2025: Protokoll, Spahns Reaktion.
    https://dip.bundestag.de/plenarprotokoll/20/256
  11. X-Posts #SpahnUntersuchungsausschuss: Öffentliche Stimmung (Beispiele).
    https://x.com/search?q=%23SpahnUntersuchungsausschuss
  12. Emix-Deal, Tandler-Urteil 2023: Steuerhinterziehung.
    https://www.sueddeutsche.de/panorama/tandler-urteil-2023
  13. Fiege-Vertrag, 1,5 Mrd. Euro: Ohne Ausschreibung.
    https://www.spiegel.de/wirtschaft/fiege-maskenvertrag-2021
  14. Interne BMG-E-Mails März 2020: Preiswarnungen.
    (Aus Sudhof-Bericht, via NDR)
  15. Vernichtung 1,7 Mrd. Masken August 2025: BMG-Pressemitteilung.
    https://www.bmg.bund.de/presse/entsorgung-masken-2025