Zukunftslabor Gesundheit: Plattform für sicheren Datenaustausch revolutioniert medizinische Forschung in Niedersachsen
Das Zentrum für digitale Innovationen Niedersachsen (ZDIN) treibt mit dem Projekt Zukunftslabor Gesundheit die Digitalisierung des Gesundheitswesens voran. Eine neu entwickelte Plattform ermöglicht den sicheren, standortübergreifenden Austausch medizinischer Daten basierend auf dem internationalen Standard openEHR. Dies schafft eine gemeinsame Basis für Analysen und Entwicklungen, die Diagnosen präziser und Therapien effizienter machen. Forscher des Labors erarbeiten zudem Empfehlungen zur Aufbereitung von Gesundheitsdaten, um sie nutzbarer und transparenter zu gestalten. Das Projekt unterstreicht die Rolle Niedersachsens als Innovationshub in der Medizininformatik und adressiert zentrale Herausforderungen wie Datensilos und Datenschutz in einer vernetzten Medizinlandschaft.
Das Zukunftslabor Gesundheit ist eines von acht thematischen Plattformen des ZDIN, das 2020 vom Land Niedersachsen ins Leben gerufen wurde. Mit einem Budget von rund 50 Millionen Euro über sechs Jahre vernetzt das Zentrum Hochschulforschung, außeruniversitäre Institute wie das OFFIS in Oldenburg und Industriepartner, um digitale Lösungen für Schlüsselbereiche zu erarbeiten. Im Gesundheitslabors arbeiten Experten aus Universitätsmedizin Göttingen, der Medizinischen Hochschule Hannover und anderen Einrichtungen zusammen, um Technologien zu entwickeln, die den Menschen im Mittelpunkt halten. Der Fokus liegt auf Health Enabling Technologies (HET), die Daten aus Sensoren, Wearables und elektronischen Patientenakten verarbeiten, um Gesundheitszustände zu überwachen und zu verbessern – etwa durch Sturzerkennung bei Älteren oder Feinstaub-Monitoring für Risikogruppen.
Die Kerninnovation des Projekts ist die openEHR-basierte Datenplattform, die den Austausch sensibler medizinischer Informationen erleichtert. openEHR, ein offener Standard für elektronische Gesundheitsakten, strukturiert Daten so, dass sie unabhängig von Herstellern oder Systemen interoperabel sind. Im Gegensatz zu proprietären Formaten wie HL7 oder FHIR umfasst openEHR eine vollständige Spezifikation für Speicherung, Modellierung und Zugriff, was den Aufwand für Integrationen minimiert. Die Plattform integriert Komponenten wie die EHRbase-Software für Datenverwaltung und das NUM-Portal des Netzwerks Universitätsmedizin für Suche und Abruf. Forscher testeten den Upload von Beispieldatensätzen aus verwandten Projekten wie HiGHmed, das den Transfer von Forschungsergebnissen in die Klinik beschleunigt. Dies ermöglicht es Kliniken und Instituten, Daten aus verschiedenen Quellen zu bündeln, ohne sensible Informationen preiszugeben – ein entscheidender Vorteil in Zeiten strenger Datenschutzvorgaben wie der DSGVO.
Die Entwicklung der Plattform begann 2021 und umfasst mehrere Phasen. Zunächst wurde ein Konzept für die Infrastruktur erarbeitet, das den Import heterogener Datenformate über ETL-Tools (Extract, Transform, Load) ermöglicht. Im Fokus steht die Modellierung: Forscher analysieren Ansätze wie openEHR, FHIR und OMOP, um ein Handbuch zu schaffen, das bewährte Praktiken bewertet und Empfehlungen gibt. Interviews mit Experten aus laufenden Projekten lieferten Einblicke in reale Herausforderungen, etwa die Harmonisierung von Daten aus ambulanten und stationären Einrichtungen. Die Plattform schützt vor Cyberangriffen durch Verschlüsselung und Zugriffssteuerung, was besonders für sensible Gesundheitsdaten essenziell ist. Bis 2024 entstand eine Online-Dokumentation mit Anleitungen und Links, die den Aufbau ähnlicher Systeme erleichtert – ein Wissenstransfer, der auch Netzwerke wie COFONI (COVID-19-Forschungsnetzwerk Niedersachsen) nutzt.
Neben der technischen Umsetzung betont das Labor die Aufbereitung von Daten. Empfehlungen zielen darauf ab, Rohdaten so zu transformieren, dass sie leicht verständlich und vielseitig einsetzbar sind – etwa durch Standardisierung von Variablen oder Visualisierungen für Kliniker. Dies schafft eine gemeinsame Basis, die Forschung beschleunigt: Statt isolierter Datensilos entsteht ein Ökosystem, in dem Algorithmen für prädiktive Analysen trainiert werden können, wie die Vorhersage von Komplikationen bei chronischen Erkrankungen. Ergänzend werden Weiterbildungsangebote entwickelt: Ein interaktiver Online-Kurs zu openEHR vermittelt praxisnahe Fähigkeiten, von der Modellierung mit „Legosteinen“ bis hin zu Hands-On-Übungen. Ein weiterer Kurs zu Gesundheitsmonitoring und Sensorik steht an, ergänzt durch e-Learning-Module zu HET. Diese Angebote richten sich an Studierende der Medizininformatik, neue Mitarbeiter in Datenintegrationszentren und Fachkräfte im Gesundheitswesen, um digitale Kompetenzen aufzubauen.
Der Hintergrund des Projekts spiegelt breitere Entwicklungen wider. Das deutsche Gesundheitswesen kämpft mit Fragmentierung: Über 1.500 Kliniken und Tausende Praxen nutzen unterschiedliche Systeme, was den Datenaustausch behindert. Die Digitalstrategie des Bundesministeriums für Gesundheit sieht bis 2025 eine flächendeckende Telematikinfrastruktur vor, doch Umsetzung hinkt hinterher. In Niedersachsen, mit starken Akteuren wie der Medizinischen Hochschule Hannover und dem Universitätsklinikum Göttingen, positioniert sich das ZDIN als Vorreiter. Kooperationen mit EU-weiten Initiativen wie EHDS (European Health Data Space) verstärken dies: openEHR passt nahtlos in den Fokus auf interoperable Standards, die grenzüberschreitenden Austausch ermöglichen. Die Pandemie hat den Bedarf beschleunigt – Projekte wie HiGHmed zeigten, wie vernetzte Daten Infektionswellen vorhersagen können. Gleichzeitig wächst der Markt für Medizininformatik: Bis 2030 soll er in Europa auf 100 Milliarden Euro ansteigen, getrieben durch KI und Big Data.
Die Implikationen sind weitreichend. Für Patienten bedeutet die Plattform personalisiertere Versorgung: Daten aus Wearables und Akten fließen in Echtzeit-Algorithmen, die Therapien anpassen. Kliniker sparen Zeit durch automatisierte Analysen, was Engpässe in der Pflege lindert. Forscher gewinnen Zugang zu hochwertigen Datensätzen, die Entwicklungen wie smarte Notfall-Algorithmen oder Physiotherapie-Apps vorantreiben – letztere App des Labors bewertet Übungen anhand von Kameradaten. Wirtschaftlich stärkt dies Niedersachsen: Als Exportregion für Medizintechnik profitiert das Land von Innovationen, die Startups und Mittelstand anziehen. Das Labor testet Prototypen wie Feinstaub-Sensoren oder Haltungsschutz für Pflegekräfte, die in der Industrie skalierbar sind.
Herausforderungen bleiben: Datenschutz erfordert robuste Governance, und Akzeptanz bei Nutzern muss gefördert werden. Das Zukunftslabor adressiert dies durch Evaluations und Netzwerktreffen, wie jenes in Göttingen 2023. Bis Projektende 2026 soll die Plattform als Referenzmodell dienen, mit Open-Source-Elementen für breite Adaption. Der Wissenstransfer zu Partnern wie COFONI zeigt: Digitale Gesundheit ist kollaborativ. In einer alternden Gesellschaft, wo Niedersachsen bis 2040 20 Prozent mehr Pflegebedürftige erwartet, ist dies essenziell. Die Plattform verkörpert den Slogan „Digital. Klar. Voraus.“: Sie macht Komplexes zugänglich und schafft Vertrauen in datenbasierte Medizin.
Das Zukunftslabor Gesundheit demonstriert, wie Forschung Niedersachsens Zukunft gestaltet. Durch openEHR und praxisnahe Tools entsteht ein vernetztes Gesundheitswesen, das effizienter, sicherer und patientennäher ist. Die Ergebnisse – von der Plattform bis zu Kursen – bieten skalierbare Lösungen, die über regionale Grenzen wirken. In Zeiten globaler Herausforderungen wie Antibiotikaresistenzen oder Pandemien unterstreicht das Projekt: Gute Daten sind der Schlüssel zu besserer Gesundheit. Mit dem ZDIN im Rücken positioniert sich das Labor als Katalysator für eine datengetriebene Revolution im Gesundheitssektor.
Quellen:
- https://zdin.de/zukunftslabore/gesundheit
- https://www.zdin.de/aktuelles/openehr-workshop-des-zukunftslabors-gesundheit-erfolgreich-virtuell-durchgefuehrt
- https://zdin.de/einblicke/unsere-forschung/medizinische-daten-auswerten-und-vor-angriffen-schuetzen
- https://zdin.de/einblicke/unsere-forschung/datenplattform-zum-austausch-medizinischer-daten-konzipiert
- https://zdin.de/aktuelles/wissenstransfer-zwischen-dem-zukunftslabor-gesundheit-und-cofoni
- https://zdin.de/einblicke/interaktiver-jahresbericht/projektfortschritt/anleitung-zum-aufbau-einer-interoperablen-datenplattform-konzipiert
- https://www.zdin.de/einblicke/unsere-forschung
- https://www.zdin.de/zukunftslabore
- https://www.zdin.digital/zukunftslabore/gesundheit
- https://www.zdin.de/einblicke/unsere-forschung/physiotherapie-app-und-interaktiven-online-kurs-erfolgreich-getestet
