Schmerzmittel gegen Krebs, Blutdruckpräparate gegen Alzheimer – die Pharmaindustrie weist immer häufiger auf „positive“ Wirkungen ihrer alt gediegenen Medikamente hin. Doch Fachleute warnen vor zu viel Optimismus. Hinter den stark beworbenen Effekten steckt allzu oft knallhartes Kalkül.
Die Pillenwirkstoff ist weiß und seit über 100 Jahren am Markt – doch an neuen Erkenntnissen über positive Effekte der Acetylsalicylsäure (ASS) mangelt es in der Fachliteratur wahrlich nicht. Danach besiegt ASS Schmerz ebenso wie Migräne, und entpuppt sich sogar als Schutzschild gegen Alzheimer, Dickdarmkrebs und Lungentumore. Selbst dem meist tödlich endenden Bauchspeicheldrüsenkarzinom entgehen jene, die lang genug ASS-Präparate zu sich nehmen – wenn man den Studien Glauben schenken mag.
Wie kein anderer Medikamentwirkstoff symbolisiert ASS einen neuen Trend der Pharmabranche. Mit hohem Aufwand bewerben Arzneimittelgiganten die positive Wirkungen ihrer alten Präparate und rücken selbst tot geglaubte Mittel wieder ins Blickfeld der Zulassungsbehörden.
Ob Aspirin, Viagra oder der gegen Bluthochdruck entwickelte Wirkstoff Mibefradil, die Liste der bisher gewollt-entdeckten „Nebenerscheinungen“ ist lang:
- Wie amerikanische Mediziner in der Fachzeitschrift „Neurology“ berichteten, können so genannte „ichtsteroidale entzündungshemmende Arzneimittel“(NSAIDs), zu denen auch Aspirin gehört, das Alzheimer-Risiko fast halbieren. Studien mit mehr als 5000 Rentnern belegten diese Aussage.
- Gewöhnliche Schmerzmittel könnten fast jeden zweiten Fall von Bauchspeicheldrüsen-Krebs verhindern. Das ergab eine groß angelegte Studie in den USA, über die das „Journal of the National Cancer Institute“ berichtete.
- Die regelmäßige Einnahme von Aspirin soll bei weiblichen Rauchern das Lungenkrebsrisiko um die Hälfte senken. Davon sind zwar Forscher der New York School of Medicine überzeugt.
- Acetylsalicylsäure hilft möglicherweise auch gegen ein weit verbreitetes Virus. Das Mittel blockierte in Laborversuchen die Fortpflanzung des menschlichen Cytomegalo-Virus (HCMV), berichtete das Magazin „Proceedings“ der Amerikanischen Akademie der Wissenschaften.
- Viagra hilft nicht nur bei Erektionsproblemen, es könnte auch ein wirkungsvolles Mittel gegen die Folgen von Schlaganfällen sein. Das berichteten Wissenschaftler der Henry-Ford-Klinik Detroit auf einer Tagung für Schlaganfallforschung in San Antonio
- ASS, die mitunter Verschlüssen von Gefäßen vorbeugen kann, werde nicht konsequent genug eingesetzt, kritisierte unlängst das «British Medical Journal» (Bd. 324, S. 71). Rund 40.000 Menschenleben könnten jährlich weltweit gerettet werden, wenn alle Patienten mit hohem Risiko für Herzattacken und Hirnschläge Aspirin verabreicht bekämen, fanden Experten nach Auswertung von dreihundert klinischen Studien heraus.
Was auf ersten Blick nach reiner Wissenschaft aussieht, erweist sich bei näherer Betrachtung als hartes, wirtschaftliches Kalkül. Denn jede neue, positive Wirkung eines Mittels steigert die Verkaufszahlen der Präparate. Die Konzerne jedenfalls sind sich ihrer Strategie bewusst. Innerhalb von nur fünf Jahren stiegen beispielsweise in den USA die Gesamtwerbeausgaben für rezeptpflichtige Medikamente um 70 Prozent auf 15,7 Mrd. Dollar. Die selbe Wachstumsrate verzeichnet auch der Medikamentenverkauf, wie die Studie „Direct-to-Consumer Advertising-Education or Emotion Promotion?“, die das renommierte New England Journal of Medicine (Vol. 346, Nr.7) veröffentlichte, belegt.
Unumstritten ist diese Praxis indes nicht. Den immer wieder erwähnten positiven Effekten stehen nämlich oft gravierende Risiken gegenüber.
So müssen inzwischen Patienten vor Operationen erfahren, dass regelmäßige „ASS-Schlucker“ in manchen Fällen auf dem OP-Tisch verbluten. Die blutverdünnende Wirkung, gerade in den letzten Jahren als Präventivfunktion gegen Schlaganfall und Herzinfarkt gepriesen, beeinträchtigt nämlich die Blutgerinnung. Doch solche Nebenwirkungen erfasst in der Regel der Beipackzettel – publik gemacht werden sie in der Werbung nicht.
Vielmehr erweisen sich neu entdeckte Positivmerkmale alter Präparate für die Hersteller manchmal als Rettungsanker. Magdeburger Wissenschaftler etwa fanden heraus, dass der ursprünglich gegen Bluthochdruck entwickelte Wirkstoff Mibefradil im Tierversuch auch gegen Epilepsie wirkt. Für den damaligen Hersteller Roche möglicherweise mehr als eine gute Nachricht. Denn das Mittel war 1998 wegen unerwünschter Wirkungen auf die Leber vom Markt genommen worden.
Selbst totgesagte Medikamente könnten dank neu entdeckter Eigenschaften den Weg zurück in die Regale der Apotheken finden. Die Europäische Agentur für die Beurteilung von Arzneimitteln (EMEA) beispielsweise erwägt einem Bericht der BBC zufolge die Wiederzulassung des Wirkstoffs Thalidomid. Die Substanz solle in Zukunft Patienten mit Knochenkrebs zur Verfügung stehen.
Mehr als 10.000 Menschen, die mit verkrüppelten Gliedmaßen vor rund 40 Jahren das Licht der Welt erblickten, ist Thalidomid unter den Handelsnamen des damals noch zugelassenen und längst aus dem Verzehr gezogenen Mittels gegen Schwangerschaftsübelkeit bekannt: Contergan.
