Mit der weltweiten Verbreitung von Elektrofahrzeugen und Energiespeichersystemen ist die Nachfrage nach Kobalt sprunghaft angestiegen, was die Besorgnis um Versorgungssicherheit, geopolitische Konzentration sowie ökologische und soziale Risiken verstärkt hat. Traditionelle Bewertungen kritischer Mineralien betrachten Länder, Materialien oder Handelsströme oft isoliert und vernachlässigen dabei die komplexen Verflechtungen entlang der gesamten Wertschöpfungskette, die moderne Lieferketten kennzeichnen. Jüngste Störungen – von Exportbeschränkungen und Handelsspannungen bis hin zu pandemiebedingten Schocks – haben gezeigt, dass selbst lokale Beeinträchtigungen globale Produktionssysteme durchdringen können. Bestehende Analysemethoden können jedoch nicht erfassen, wie sich Risiken gleichzeitig über mehrere Produktionsstufen und Volkswirtschaften ausbreiten. Angesichts dieser Herausforderungen ist es notwendig, die Risiken in der Kobalt-Lieferkette aus einer systemischen, netzwerkbasierten Perspektive eingehend zu untersuchen.
In einer Studie (DOI: 10.1016/j.ese.2025.100654), die in Environmental Science and Ecotechnology angenommen und Ende 2025 online veröffentlicht wurde, analysierten Forschende verschiedener Institutionen, darunter die Chinesische Akademie der Wissenschaften, die Universität Peking und die Universität Süddänemark, die globalen Kobaltströme von 1998 bis 2019. Mithilfe eines mehrschichtigen Lieferkettennetzwerks und eines iterativen Schockausbreitungsmodells untersuchte das Team, wie sich Störungen horizontal zwischen Ländern und vertikal über sechs Lebenszyklusphasen ausbreiten – von der Gewinnung und Raffination über die Herstellung und Nutzung bis hin zum Recycling. Ihre Ergebnisse bieten eine der bisher umfassendsten Bewertungen des systemischen Risikos in der globalen Kobalt-Lieferkette.
Die Forschenden erstellten ein globales Kobalt-Lieferkettennetzwerk, das 230 Länder über sechs miteinander verbundene Produktionsstufen hinweg verknüpft. Dabei kombinierten sie eine Analyse handelsbezogener Materialflüsse mit einem dynamischen Schockausbreitungsmodell. Dieser Ansatz ermöglichte es ihnen zu simulieren, wie Angebotsengpässe oder Nachfragerückgänge an einem Knotenpunkt kaskadierende Ausfälle im gesamten System auslösen können. Die Ergebnisse zeigen, dass sich Schocks über abwechselnd direkte und indirekte Wege ausbreiten und dabei häufig sowohl Handelsbeziehungen als auch inländische Produktionsketten betreffen. Während Störungen im Bergbau – insbesondere in stark konzentrierten vorgelagerten Regionen – häufige Risikoquellen darstellen, konzentrieren sich die schwerwiegendsten systemischen Auswirkungen an den Schnittstellen zwischen Raffinerien und der verarbeitenden Industrie, wo dichte vertikale und horizontale Verbindungen Ausfälle verstärken.
Die Analyse zeigt, dass das resultierende „Lawinennetzwerk“ potenzieller Ausfälle etwa viermal dichter ist als das physische Handelsnetzwerk selbst, was auf weitreichende, verborgene Abhängigkeiten hindeutet. Länder wie China und die USA weisen eine hohe systemische Fragilität auf, d. h. Störungen, die dort ihren Ursprung haben, können weitreichende Zusammenbrüche auslösen. Umgekehrt sind mehrere Länder mit relativ geringen Produktionsmengen, aber hohen Expositionsraten besonders anfällig für häufige, zufällige Störungen und verfügen weder über ausreichende Resilienz noch über wirksame Reaktionsmöglichkeiten. Insgesamt kommt die Studie zu dem Ergebnis, dass die globalen Kobaltversorgungsrisiken in den letzten zwei Jahrzehnten einem volatilen, aber steigenden Trend gefolgt sind, der durch zunehmende Konzentration und Diskrepanz zwischen Angebot und Nachfrage bedingt ist.
