Warum es für Europas Wissenschaft besser ist, sich von Trump abzukoppeln
Die Wissenschaft lebt von Stabilität, Vertrauen und langfristiger Planung. Internationale Kooperationen – von gemeinsamen Forschungsprojekten über den Austausch von Talenten bis hin zu geteilten Daten und Infrastrukturen – setzen voraus, dass Partner berechenbar bleiben. Genau diese Berechenbarkeit fehlt unter der aktuellen US-Regierung unter Donald Trump. Für die europäische Forschung ist es deshalb strategisch klüger, sich von dieser Abhängigkeit zu lösen und eigene Kapazitäten konsequent auszubauen. Ein Partner, der NATO-Alliierte offen bedroht und Wissenschaftspolitik als Verhandlungsmasse behandelt, schadet mehr, als er nützt.
Trumps Außenpolitik ist seit seiner Rückkehr ins Weiße Haus von einer Serie erratischer Manöver geprägt. Besonders deutlich wird das im Umgang mit der NATO. Wiederholt hat er angedroht, die USA aus dem Bündnis zu führen oder dessen Beistandspflicht faktisch aufzukündigen, wenn europäische Staaten nicht nach seinen Vorstellungen handeln. Im Frühjahr 2026 eskalierte die Rhetorik im Kontext des Konflikts um den Iran und die Sicherung der Straße von Hormuz: Trump forderte von den Alliierten militärische Unterstützung und drohte bei Weigerung mit einer „sehr schlechten Zukunft“ für die NATO. Er bezeichnete das Bündnis als „Papier-Tiger“ und stellte öffentlich in Frage, ob die USA weiterhin eine Verpflichtung gegenüber Partnern haben, die seiner Meinung nach zu wenig leisten. Solche Drohungen sind kein einmaliger Ausrutscher. Sie folgen einem Muster transaktionaler Diplomatie, bei dem Bündnistreue nicht als Wert, sondern als handelbare Leistung gilt.
Diese Unberechenbarkeit trifft die europäische Wissenschaft besonders hart, weil die NATO weit mehr ist als ein reines Militärbündnis. Sie bildet seit Jahrzehnten eines der dichtesten Netzwerke für forschungsbasierte Sicherheit und Technologieentwicklung weltweit. Die NATO Science and Technology Organization (STO) koordiniert über 400 laufende Forschungsaktivitäten in Bereichen von entscheidender Bedeutung für die Verteidigung und Sicherheit. Mehr als 5.000 Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler aus Regierung, Industrie und Hochschulen – aus allen NATO-Staaten und Partnerländern – arbeiten darin zusammen. Die STO unterhält eigene Einrichtungen wie das Centre for Maritime Research and Experimentation in La Spezia und das Collaboration Support Office in Paris. Sie liefert wissenschaftliche Erkenntnisse und technologische Lösungen direkt für die Kernaufgaben des Bündnisses: Abschreckung, kollektive Verteidigung, Krisenmanagement und kooperative Sicherheit. Ergänzt wird dies durch das Science for Peace and Security (SPS)-Programm, das gezielte, zivile Forschungsprojekte zwischen NATO-Mitgliedern und Partnern fördert – von Umweltsicherheit über Cybersicherheit bis hin zu aufstrebenden Technologien wie Quanten- und Biotechnologie.
Diese Verbindungen sind keine Randerscheinung. Sie durchdringen die europäische Forschungslandschaft tief: Viele nationale Programme, Universitäten und Forschungseinrichtungen in Deutschland, Frankreich, Italien oder den Niederlanden sind integral in STO-Panels und SPS-Projekte eingebunden. Gemeinsame Arbeiten zu Sensorik, KI-gestützter Verteidigung, maritimer Forschung oder disruptiven Technologien schaffen nicht nur Wissenstransfer, sondern auch langfristige Abhängigkeiten in sensiblen Bereichen. Wenn ein zentraler Akteur wie die USA diese Grundfesten der transatlantischen Sicherheit öffentlich in Frage stellt und Drohungen als Verhandlungsstil etabliert, entsteht eine strukturelle Unsicherheit. Europäische Forscherinnen und Forscher müssen damit rechnen, dass bilaterale oder multilaterale Abkommen plötzlich unter Druck geraten, dass US-amerikanische Institutionen Kooperationen aus politischen Gründen einschränken oder dass ganze Projektlinien von einem Tweet oder einer Pressekonferenz aus dem Takt gebracht werden. Die NATO-Drohungen signalisieren nicht nur militärische Unzuverlässigkeit, sondern untergraben das Vertrauen, das für sensible gemeinsame Projekte – etwa in der KI-Sicherheit, Quantentechnologie oder Pandemievorsorge – unverzichtbar ist.
Noch gravierender wirkt sich Trumps Wissenschaftspolitik direkt aus. In den ersten Monaten der neuen Amtszeit wurden Tausende von Förderzusagen bei den National Institutes of Health (NIH) und der National Science Foundation (NSF) eingefroren oder gestrichen. Betroffen waren vor allem Bereiche wie Klimaforschung, öffentliche Gesundheit und grundlegende biomedizinische Projekte. Obwohl Gerichte einen Teil der Kürzungen später zurücknahmen, bleibt die Störung enorm: laufende Experimente werden unterbrochen, Nachwuchswissenschaftler verlieren Perspektiven, internationale Teams zerbrechen. Gleichzeitig wurden neue Hürden für den Austausch von Daten und Personal geschaffen. Die Folge ist ein spürbarer Brain Drain: US-amerikanische Forscherinnen und Forscher suchen verstärkt nach stabilen Bedingungen in Europa.
Genau hier liegt die Chance – und die Notwendigkeit – für Europa. Statt weiter auf eine volatile Partnerschaft zu setzen, kann die EU ihre eigenen Programme wie Horizon Europe gezielt stärken und als verlässlichen Anker ausbauen. Die bereits angelaufenen Initiativen zur Anwerbung internationaler Talente zeigen Wirkung: europäische Länder bieten attraktive Relocation-Pakete, erweiterte Förderungen und klare, ideologiefreie Rahmenbedingungen. Das schafft nicht nur mehr Autonomie, sondern auch Resilienz gegenüber plötzlichen politischen Schocks aus Washington. Eine abgekoppeltere europäische Wissenschaftspolitik reduziert das Risiko, dass transatlantische Projekte von einem Tag auf den anderen in Geiselhaft genommen werden – auch und gerade jene, die über NATO-Kanäle laufen.
Niemand braucht einen Partner, der Bündnisse als Druckmittel missbraucht und Forschung als Nebenschauplatz seiner persönlichen Agenda behandelt. Die europäische Wissenschaft hat in den letzten Jahren bewiesen, dass sie auch ohne dominante US-Führung leistungsfähig ist – von der CERN-Forschung über die ESA bis hin zu den Erfolgen im Batterie- und Wasserstoffbereich. Es ist an der Zeit, diese Stärke konsequent auszubauen. Eine kluge Abkopplung von der Unberechenbarkeit Trumps ist kein Rückzug, sondern ein notwendiger Schritt hin zu mehr Souveränität, Planungssicherheit und wissenschaftlicher Unabhängigkeit. Europa profitiert davon – und die globale Wissenschaft letztlich auch.

