Die Vogelgrippe, wissenschaftlich als hochpathogene aviäre Influenza (HPAI) bekannt, hat Deutschland in diesem Herbst mit einer Intensität erfasst, die Experten als beispiellos bezeichnen. Seit September 2025 wurden allein in Geflügelbetrieben 15 Ausbrüche bestätigt, die zur Notabschlächterung von über 400.000 Tieren führten. Besonders betroffen sind die ostdeutschen Bundesländer, wo Wildvögel wie Kraniche in Massen sterben und das Virus auf Nutztierhaltungen überspringt. Das Friedrich-Löffler-Institut (FLI), das nationale Referenzlabor für Tierseuchen, hat das Risiko für weitere Infektionen auf „hoch“ hochgestuft und warnt vor einer saisonalen Eskalation durch Zugvögel. Während die menschliche Gesundheit derzeit nicht akut bedroht ist, lastet die Seuche schwer auf der Landwirtschaft, der Umwelt und der Lebensmittelversorgung. Dieser Bericht beleuchtet die aktuelle Lage basierend auf offiziellen Daten des FLI, der Europäischen Behörde für Lebensmittelsicherheit (EFSA) und des Robert Koch-Instituts (RKI), ergänzt durch wirtschaftliche Analysen und wissenschaftliche Einschätzungen.
Die Epidemiologie: Ein Virus auf Expansionskurs
Das verursachende Virus, vorwiegend der Subtyp H5N1 der Klade 2.3.4.4b, ist seit 2020 in Europa endemisch geworden. Es stammt ursprünglich aus Asien und hat sich durch wandernde Wasservögel wie Enten und Gänse global verbreitet. In Deutschland begann die Saison 2025 ruhig: Zwischen Januar und August wurden nur acht Ausbrüche in Geflügelbetrieben registriert, darunter drei im März, zwei im April und einer im Sommer. Diese Fälle konzentrierten sich auf Legehennen- und Mastbetriebe in Niedersachsen, Bayern und Schleswig-Holstein, mit einer Gesamtzahl von etwa 20.000 betroffenen Tieren. Die EFSA berichtet in ihrem quartalsweisen Überblick vom Dezember 2024 bis März 2025 von 743 HPAI-Detektionen in Europa, davon 239 in Haustieren und 504 in Wildvögeln – ein Muster, das sich in Deutschland widerspiegelt, wo Wildvogel-Fälle die Übertragung auf Farmen antreiben.
Der Wendepunkt kam im September: Mit dem Herbstzug der Vögel explodierte die Fallzahl. Bis zum 20. Oktober 2025 meldete das FLI 15 Ausbrüche in sieben Bundesländern: Mecklenburg-Vorpommern (zwei Fälle, inklusive 150.000 Legehennen), Schleswig-Holstein (drei), Thüringen (zwei), Brandenburg (einer), Niedersachsen (einer), Nordrhein-Westfalen (einer) und Bayern (einer). Insgesamt mussten über 400.000 Enten, Gänse, Hühner und Puten getötet werden, um eine weitere Ausbreitung zu verhindern. Diese Zahlen übersteigen die des Vorjahres um 50 Prozent und markieren den dritten Peak seit 2021, als die größte Vogelgrippe-Epidemie in der EU-Geschichte 2.500 Ausbrüche verursachte.
Besonders alarmierend ist die Auswirkung auf Wildvögel. Im Oktober 2025 starben Hunderte Kraniche in Brandenburg, Sachsen-Anhalt und Thüringen – ein Phänomen, das das FLI als „sprunghaft gestiegen“ beschreibt. In Kelbra (Sachsen-Anhalt) wurden allein über 200 Kadaver entdeckt, alle positiv auf H5N1 getestet. Kraniche, die in großen Schwärmen rasten, dienen als Vektoren: Das Virus überträgt sich fecal-oral, also über Kot, und bleibt in kühlem, feuchtem Herbstwetter monatelang infektiös. Die EFSA notiert, dass Wasservögel wie Höckerschwäne, Brandgänse und Graugänse die Hauptreservoire bilden, mit sekundärer Ausbreitung auf Greifvögel und Seevögel an Nord- und Ostseeküste. Im Sommer 2025 starben Tausende Seevögel in Kolonien, ein Trend, der sich nun auf das Inland ausdehnt.
Die genetische Analyse durch das FLI zeigt, dass das Virus hochpathogen bleibt: Es verursacht bei Geflügel eine Sterblichkeitsrate von bis zu 100 Prozent innerhalb von 48 Stunden. Symptome umfassen Atemnot, Schwellungen am Kamm und plötzlichen Tod. Bei Wildvögeln, die als natürliche Wirte gelten, verläuft die Infektion oft subklinisch, was die unbemerkte Verbreitung begünstigt. Eine Neuigkeit aus diesem Jahr ist die zunehmende Anpassung an Säugetiere: In Deutschland wurden H5N1 bei Füchsen nachgewiesen, die sich an infizierten Vogelkadavern ansteckten. Die EFSA berichtet erstmals seit Frühjahr 2024 von Fällen bei Hauskatzen und Wildkarnivoren in Europa, inklusive zwei Rotfüchsen in Deutschland im Frühjahr 2025. Global, etwa in den USA, sprang das Virus auf Milchkühe über, mit über 800 betroffenen Herden seit 2024 – ein Szenario, das in Europa bisher vermieden wurde, aber durch den One-Health-Ansatz (Verknüpfung von Tier-, Mensch- und Umwelgesundheit) engmaschig überwacht wird.
Auswirkungen auf die Landwirtschaft: Wirtschaftliche Verluste in Millionenhöhe
Die Geflügelbranche, die in Deutschland jährlich rund 1,5 Milliarden Euro Umsatz generiert und 50.000 Arbeitsplätze sichert, steht vor einer existentiellen Krise. Die Notabschlächterungen allein verursachen direkte Verluste von geschätzten 50 Millionen Euro, basierend auf FLI-Daten und Branchenrechnungen des Zentralverbands der Deutschen Geflügelwirtschaft (ZDG). In Mecklenburg-Vorpommern, wo zwei Betriebe mit 150.000 Hennen betroffen waren, entfallen Einnahmen von 10 Millionen Euro pro Monat. Indirekt wirken sich Lieferkettenstörungen aus: Eierpreise stiegen seit September um 15 Prozent, und Importe aus der EU (z. B. aus Polen und Ungarn, die ebenfalls Ausbrüche melden) werden durch Zonenbeschränkungen behindert.
Die EU-Kommission hat am 13. Oktober 2025 mit der Implementing Decision (EU) 2025/2079 Schutz- und Überwachungszonen um betroffene Betriebe eingerichtet, die den Handel mit Lebendgeflügel und Eiern für drei Monate einschränken. In Deutschland gelten in acht Bundesländern Stallpflichten: Geflügel muss in geschlossenen Räumen gehalten werden, Märkte und Ausstellungen sind verboten. Diese Maßnahmen, vorgeschrieben durch die Tierseuchengesetzgebung, verhindern eine Kettenreaktion, erhöhen aber Kosten für Futter und Energie um bis zu 20 Prozent pro Betrieb. Kleine Hobbyhalter sind besonders vulnerabel: In Thüringen und Sachsen-Anhalt wurden Dutzende Kleinstbetriebe evakuiert, was zu emotionalen und finanziellen Belastungen führt.
Langfristig drohen Neueinführungsverbote: Nach einem Ausbruch dürfen Farmen monatelang keine Tiere neu besetzen, was zu Leerständen und Insolvenzen führt. Das BMEL schätzt, dass die Saison 2025 bis zu 200 Millionen Euro an Entschädigungen kosten wird, finanziert aus Steuergeldern. Die Tierschutzorganisation VIER PFOTEN kritisiert die Intensivtierhaltung als Risikofaktor: Große Bestände in engen Ställen begünstigen schnelle Ausbreitungen, was zu unnötigen Massentötungen führt. Dennoch hat die Branche durch Biosicherheitsinvestitionen – wie Netze gegen Wildvögel und Desinfektionsprotokolle – die Ausbrüche lokalisiert gehalten.
Risiken für Mensch und Umwelt: Gering, aber wachsend
Für die menschliche Bevölkerung bleibt das Risiko niedrig. Das RKI berichtet: Von 2020 bis Oktober 2025 gab es in Deutschland keine bestätigten Übertragungen auf Menschen. Weltweit wurden seit 2003 über 890 humane Fälle gemeldet, meist bei direkten Kontakten zu infizierten Vögeln, mit einer Letalitätsrate von 50 Prozent. In den USA starb im Januar 2025 ein 65-Jähriger nach Kontakt mit Wildvögeln; in Europa sind Fälle rar. Das Bundesinstitut für Risikobewertung (BfR) betont: Eine Übertragung über verzehrfertige Lebensmittel ist unwahrscheinlich, da das Virus hitzeempfindlich ist. Rohes Geflügel sollte jedoch separat gelagert werden, und Verbraucher werden aufgefordert, tote Wildvögel nicht zu berühren.
Umweltmäßig ist die Vogelgrippe ein Ökosystem-Schocker. Kranichsterben in Rastgebieten wie der Rheinaue bedroht Biodiversität: Kraniche sind Indikatorarten für Feuchtgebiete, und ihr Massensterben signalisiert eine Kaskade auf Insekten und Kleinvögel. Die EFSA warnt vor einer Ausbreitung auf Säugetiere, die in der Nahrungskette höher stehen – in Norwegen starben Arktische Füchse an H5N5. In Deutschland könnten Füchse und Marder als Brückenwirte dienen, was die Überwachung in Naturschutzgebieten intensiviert. Der Klimawandel verstärkt das Problem: Wärmere Winter verlängern die Überlebenszeit des Virus in stehenden Gewässern.
Bekämpfungsstrategien: Von Stallpflicht bis Impfung
Die Bekämpfung folgt einem dreistufigen Ansatz: Früherkennung, Eindämmung und Prävention. Das FLI koordiniert die Meldungspflicht: Verdächtige Fälle müssen innerhalb von 24 Stunden gemeldet werden, mit Labortests in Greifswald. Stallpflichten in Risikogebieten wie Mansfeld-Südharz und Thüringen zielen auf die Schnittstelle Wild-Domestik ab. Die Agrarminister von Bund und Ländern tagten am 23. Oktober 2025, um den Austausch zu stärken – ein interdisziplinärer Ansatz, der Veterinärmedizin, Virologie und Ökologie verknüpft.
Impfungen sind ein Hoffnungsträger: Die EFSA bewertet seit 2023 Strategien für Geflügel, und in der EU sind Zulassungen für H5N1-Impfstoffe im Gange. In Deutschland testet das BMEL Impfkampagnen in Hochrisikobetrieben, ergänzt durch das Tierseucheninformationssystem (TSIS) für Echtzeit-Überwachung. Biosicherheit bleibt Schlüssel: Farmen müssen Zäune, Schutznetze und Schutzkleidung einsetzen. Die WHO und FAO fordern globale Kooperation, da 304 Ausbrüche weltweit (Stand August 2025) die Migrationsrouten betreffen.
Ausblick: Eine Saison mit ungewissem Ende
Der Winter 2025 könnte der bisher schwerste werden, prognostiziert das FLI: Mit sinkenden Temperaturen und mehr Zugvögeln drohen weitere Wellen. Die EFSA erwartet eine Stabilisierung im Frühjahr, wie in Vorjahren, doch die anhaltende Zirkulation von H5N1 erfordert Vigilanz. Die Landwirtschaft appelliert an mehr Förderungen für nachhaltige Haltungen, während Umweltschützer auf Klimaschutz drängen, um Wildvogelpopulationen zu stärken. Insgesamt unterstreicht die Krise die Fragilität globaler Lieferketten: Deutschland, als Eier- und Geflügelproduzent, muss resilienter werden.
Die Vogelgrippe ist kein isoliertes Ereignis, sondern Symptom vernetzter Herausforderungen – von Biodiversitätsverlust bis Pandemievorbereitung. Mit evidenzbasierten Maßnahmen kann Deutschland die Welle brechen, doch der Preis ist hoch. Experten mahnen: Ohne systemische Veränderungen drohen Wiederholungen in größerem Maßstab.Quellen: FLI-Berichte 2025, EFSA-Quarterly Reviews 2024/2025, RKI-Update Oktober 2025, BMEL-Pressemitteilungen, ZEIT und MDR-Artikel vom 22./23.10.2025.)
Quellen: FLI-Berichte 2025, EFSA-Quarterly Reviews 2024/2025, RKI-Update Oktober 2025, BMEL-Pressemitteilungen, ZEIT und MDR-Artikel vom 22./23.10.2025.
