Vitamin B12 (Cobalamin) ist ein wasserlösliches Vitamin, das für die Bildung roter Blutkörperchen, die Funktion des Nervensystems und den Zellstoffwechsel essenziell ist. Ein Mangel entwickelt sich meist schleichend über Monate bis Jahre, weil der Körper große Speicher in der Leber hat (bis zu 3–5 Jahre reichend). Deshalb treten Symptome oft erst spät auf – und sie sind vielfältig. Sie lassen sich grob in hämatologische (blutbildungsbezogene), neurologische, psychiatrische und sonstige Symptome unterteilen.
Wichtig: Die Symptome sind nicht spezifisch – sie können auch bei vielen anderen Erkrankungen auftreten (z. B. Eisenmangel, Schilddrüsenunterfunktion, Depressionen, Multiple Sklerose). Eine Blutuntersuchung (Vitamin B12, Holotranscobalamin, Methylmalonsäure, Homocystein) ist daher entscheidend.
Frühe und unspezifische Symptome (häufig die ersten Anzeichen)
Diese treten oft Monate bis Jahre vor schweren Veränderungen auf und werden meist unterschätzt:
- Starke Müdigkeit und chronische Erschöpfung – selbst nach ausreichend Schlaf
- Abgeschlagenheit, verminderte Leistungsfähigkeit und schnelle Ermüdbarkeit
- Konzentrationsstörungen („Brain Fog“), Vergesslichkeit, Denkblockaden
- Reizbarkeit, Stimmungsschwankungen, leichte depressive Verstimmungen
- Kopfschmerzen, Schwindelgefühl
- Verminderter Appetit, leichter Gewichtsverlust
Hämatologische Symptome (durch megaloblastäre Anämie)
Vitamin B12 ist für die DNA-Synthese in den roten Blutkörperchen notwendig. Bei Mangel entstehen unreife, große (makrozytäre) Erythrozyten ? megaloblastäre Anämie (perniziöse Anämie bei Intrinsic-Factor-Mangel).
Typische Anzeichen:
- Blasse Haut (manchmal blassgelb oder ikterisch durch Hämolyse)
- Kurzatmigkeit, Atemnot bei Belastung
- Schneller Puls (Tachykardie), Herzklopfen
- Schwindel, Benommenheit, Ohnmachtsneigung
- Starke Schwäche und Muskelschwäche
Neurologische Symptome (subakute kombinierte Degeneration des Rückenmarks)
Diese sind besonders typisch und können irreversibel werden, wenn der Mangel lange besteht. Sie betreffen vor allem die Myelinscheiden der Nerven (demyelinisierend).
Häufigste Beschwerden (meist symmetrisch, beginnend an den Füßen):
- Kribbeln, Ameisenlaufen (Parästhesien) in Händen, Füßen, Beinen
- Taubheitsgefühle, Pelzigkeitsgefühl oder „Strümpfe-Handschuhe“-Verteilung
- Brennende Schmerzen oder elektrisierende Missempfindungen
- Gangunsicherheit, Ataxie (schwankender Gang wie „betrunken“), erhöhte Sturzgefahr
- Muskelschwäche, besonders in den Beinen
- Verlust von Vibrations- und Lageempfindung
- In schweren Fällen Lähmungen, Spastik, Blasen-/Mastdarmstörungen
Augensymptome (selten, aber möglich):
- Sehstörungen, verschwommenes Sehen, Optikusneuritis-ähnlich
Psychiatrische und kognitive Symptome
Vitamin B12-Mangel kann das Gehirn stark beeinträchtigen – oft vor neurologischen Ausfällen.
- Depressionen (häufig die erste Manifestation)
- Angststörungen, Panikattacken
- Reizbarkeit, Aggressivität
- Gedächtnisstörungen, Konzentrationsstörungen
- Verwirrtheitszustände, Demenz-ähnliche Bilder (reversibel bei früher Behandlung!)
- In Extremfällen Psychosen mit Halluzinationen oder Wahnvorstellungen
Sonstige charakteristische Symptome
- Hunter-Glossitis (entzündete, rote, glatte, brennende Zunge – sehr typisch!)
- Aphthen, Mundgeschwüre, eingerissene Mundwinkel
- Gelbliche Hautverfärbung (durch leichte Hämolyse)
- Verdauungsbeschwerden: Verstopfung, Durchfall, Völlegefühl
- Haarausfall (diffus)
- Blaugraue Verfärbung der Fingernägel (selten)
Schweregrad und Verlauf
- Leichter Mangel (funktioneller Mangel): Oft nur Müdigkeit, Konzentrationsstörungen, leichte Parästhesien
- Mittelschwerer Mangel: Anämie-Symptome + beginnende neurologische Beschwerden
- Schwerer Mangel: Megaloblastäre Anämie + subakute kombinierte Degeneration + psychiatrische Symptome
Neurologische Schäden können auch ohne Anämie auftreten – ca. 20–30 % der Patienten haben isolierte neurologische Symptome.
Wann sofort zum Arzt?
Bei folgenden Kombinationen dringend abklären lassen:
- Starke Müdigkeit + Kribbeln/Taubheit in Füßen/Händen
- Gangunsicherheit + Sturzneigung
- Brennende Zunge + blasse Haut
- Depressionen + Gedächtnisprobleme bei bisher unauffälliger Psyche
- Plötzliche Sehstörungen oder starke Verwirrtheit
Zusammenfassung der häufigsten Symptome (nach Häufigkeit sortiert)
- Chronische Müdigkeit / Erschöpfung
- Kribbeln, Taubheit oder Brennen in Händen/Füßen
- Konzentrations- und Gedächtnisstörungen
- Blässe, Schwäche, Kurzatmigkeit
- Brennende / rote / glatte Zunge
- Gangunsicherheit, Schwindel
- Depressive Verstimmungen, Reizbarkeit
- Herzklopfen, schneller Puls
Ein Vitamin-B12-Mangel ist behandelbar – je früher, desto besser die Prognose. Bei neurologischen Symptomen sollte die Therapie (meist Injektionen) innerhalb weniger Wochen bis Monate begonnen werden, um irreversible Schäden zu vermeiden.
Hinweis: Dieser Artikel ersetzt keine ärztliche Untersuchung. Bei Verdacht immer Blutwerte bestimmen lassen (nicht nur Serum-B12, sondern idealerweise Holotranscobalamin + Methylmalonsäure).
