In Deutschland häufen sich Berichte über gewalttätige Übergriffe auf medizinisches Personal. Vor allem Ärztinnen, Krankenschwestern und Sanitäter, die tagtäglich Leben retten und Patienten versorgen, sehen sich immer häufiger mit verbaler und physischer Aggression konfrontiert. Dieser alarmierende Trend spiegelt sich in aktuellen Statistiken wider und wirft Fragen nach den Ursachen, Tätern und möglichen Lösungsansätzen auf.
Die Dimension des Problems: Statistiken und Entwicklungen
Die Polizeiliche Kriminalstatistik (PKS) des Bundeskriminalamtes (BKA) zeigt einen deutlichen Anstieg von Gewalttaten in medizinischen Einrichtungen. Zwischen 2019 und 2022 stieg die Zahl der sogenannten Rohheitsdelikte – darunter Körperverletzung, Raub und Bedrohung – in Krankenhäusern bundesweit um etwa 18 Prozent von 5.245 auf über 6.190 Fälle. In Berlin wurden im Jahr 2023 allein 802 solcher Delikte registriert. Auch gegen Rettungskräfte und Feuerwehrleute nahm die Gewalt zu: 2023 verzeichnete das BKA rund 2.740 Gewalttaten gegen diese Berufsgruppen, ein Höchststand in den letzten Jahren.
Eine Umfrage des Deutschen Krankenhausinstituts (DKI) im Auftrag der Deutschen Krankenhausgesellschaft (DKG) aus dem Jahr 2024 ergab, dass 73 Prozent der befragten Kliniken in den letzten fünf Jahren eine Zunahme von Übergriffen meldeten – 53 Prozent stuften den Anstieg als mäßig, 20 Prozent als deutlich ein. Besonders betroffen sind Notaufnahmen, wo lange Wartezeiten und hoher Stress häufig als Auslöser genannt werden. In Hessen stieg die Zahl der Körperverletzungen gegen medizinisches Personal von 246 im Jahr 2019 auf 314 im Jahr 2023, während Bedrohungen von 75 auf 96 Fälle zunahmen.
Wer sind die Täter?
Die Tätergruppen sind vielfältig, lassen sich jedoch teilweise klar identifizieren. In Kliniken und Notaufnahmen spielen Patienten und deren Angehörige eine zentrale Rolle. Häufig sind es Menschen in akuten Stresssituationen, etwa durch Schmerzen, Angst oder Alkohol- und Drogenkonsum. Eine repräsentative Erhebung der Kassenärztlichen Bundesvereinigung (KBV) aus dem Jahr 2018 zeigte bereits damals, dass jeder vierte Arzt körperlich angegriffen oder bedroht wurde – ein Trend, der sich laut aktuellen Berichten verschärft hat. In Baden-Württemberg meldete das Landeskriminalamt für 2023 einen Anstieg der Übergriffe, insbesondere in psychiatrischen Einrichtungen und Notaufnahmen.
Ein weiteres Phänomen ist die Gewalt durch Personen mit Migrationshintergrund, die in einigen Regionen überproportional häufig auffällt. In einem Krankenhaus in Sigmaringen wurden im September 2023 allein 40 gewaltsame Vorfälle durch Asylbewerber registriert, darunter Anspucken und Beißen von Pflegekräften. Die Krankenhausleitung berichtete, dass 80 Prozent der Notaufnahme-Patienten aus dieser Gruppe alkoholisiert waren, was die Aggressivität verstärkte. Ähnliche Beobachtungen gibt es aus anderen Bundesländern, etwa Niedersachsen und Bremen, wo Kliniken von einer Zunahme aggressiven Verhaltens sprechen.
Gegen Rettungskräfte richtet sich die Gewalt oft im öffentlichen Raum. Das BKA meldete für 2023 bundesweit 3.970 Opfer von Übergriffen auf Feuerwehr- und Rettungsdienste. In Sachsen-Anhalt sank die Zahl der Angriffe im Jahr 2023 zwar leicht auf 121, bleibt jedoch auf hohem Niveau. Häufig sind es Schaulustige, Passanten oder Personen in eskalierenden Einsatzsituationen, die Sanitäter attackieren. In Berlin verdoppelte sich die Zahl der Polizeieinsätze an Kliniken in den letzten fünf Jahren nahezu, oft ausgelöst durch Konflikte in Rettungsstellen.
Besonders betroffene Gruppen: Frauen im Fokus
Frauen im Gesundheitswesen sind überdurchschnittlich oft Opfer von Gewalt. Laut der European Federation of Nurses Associations (EFN) aus dem Jahr 2021 bestätigten 28 nationale Krankenpflegeverbände in Europa, dass Gewalt gegen Pflegekräfte ein gravierendes Problem darstellt, wobei Frauen ein doppelt so hohes Risiko tragen. Eurostat zufolge machten Frauen 2020 etwa 78 Prozent der Beschäftigten im Gesundheitswesen aus, was ihre hohe Gefährdung teilweise erklärt. In Deutschland berichten Krankenschwestern insbesondere von verbaler Gewalt, aber auch von tätlichen Angriffen, etwa in Nachtdiensten oder bei der Versorgung aggressiver Patienten.
Ursachen und gesellschaftliche Entwicklungen
Die Gründe für die steigende Gewalt sind komplex. Lange Wartezeiten, Personalmangel und Überlastung im Gesundheitssystem führen zu Frust bei Patienten und Angehörigen, der sich gegen das Personal entlädt. Der gesellschaftliche Wandel hin zu mehr Enthemmung und Respektlosigkeit wird ebenfalls als Faktor genannt. Die Corona-Pandemie hat die Situation verschärft: 2021 befasste sich der Deutsche Ärztetag mit Drohungen und Angriffen auf impfende Ärzte, ein Zeichen für eine gestiegene Aggressionsbereitschaft in Teilen der Bevölkerung.
Inflation, Mobilität nach der Pandemie und Migration werden vom BKA als zusätzliche Einflüsse auf die allgemeine Kriminalitätsentwicklung genannt, die auch Gewalt im Gesundheitswesen befeuern könnten. In Notaufnahmen und bei Rettungseinsätzen sind Alkohol und Drogen oft entscheidende Eskalationsfaktoren.
Maßnahmen und Forderungen
Kliniken reagieren zunehmend mit Sicherheitsdiensten – fast die Hälfte der deutschen Krankenhäuser beschäftigt mittlerweile eigenes Sicherheitspersonal. Videoüberwachung und Deeskalationstrainings für Mitarbeiter werden ebenfalls häufiger eingesetzt. In Wolfsburg plant ein Klinikum den Einsatz von Kameras in der Notaufnahme, während das DRK bundesweit Schulungen zur Gewaltprävention anbietet. Politisch wird eine Verschärfung des Strafrechts diskutiert: Das Bundesjustizministerium legte 2024 einen Entwurf vor, der bei schweren Übergriffen auf Einsatzkräfte Freiheitsstrafen von sechs Monaten bis fünf Jahren vorsieht.
Die Deutsche Krankenhausgesellschaft und der Marburger Bund fordern mehr Schutzmaßnahmen und eine gesellschaftliche Ächtung von Gewalt gegen Helfer. In Berlin bewachen Polizei bereits einige Zufahrten zu Rettungsstellen, ein Modell, das bundesweit diskutiert wird.
Fazit: Ein Problem, das dringend angegangen werden muss
Die zunehmende Gewalt gegen Ärzte, Krankenschwestern und Sanitäter ist ein Symptom tieferliegender gesellschaftlicher und struktureller Probleme. Während Patienten, Angehörige und vereinzelt Personen mit Migrationshintergrund als Tätergruppen auffallen, sind die Ursachen vielfältig – von Überlastung bis hin zu Alkohol und Drogen. Die Zahlen sprechen eine klare Sprache: Ohne effektive Maßnahmen droht eine weitere Eskalation. Krankenhäuser und Rettungsdienste sollten Orte der Heilung bleiben, nicht Schauplätze von Aggression.
