Psychotherapie gilt als wirksames Verfahren bei einer Vielzahl psychischer Erkrankungen. Doch wie jede Behandlung birgt auch sie Risiken. Ein internationales Autorenteam unter Leitung des Universitätsklinikums Jena hat in der Fachzeitschrift Nature Reviews Psychology den aktuellen Stand der Forschung zu Nebenwirkungen psychotherapeutischer Verfahren zusammengefasst und Empfehlungen für Praxis und Wissenschaft formuliert.
Nach den Analysen treten bei mehr als jeder zehnten Therapie unerwünschte Effekte auf, schwere Nebenwirkungen sind jedoch deutlich seltener. Das Spektrum reicht von einer vorübergehenden Verstärkung bestehender Symptome über Beeinträchtigungen im sozialen Umfeld bis hin zu akuten psychischen Krisen. Auch Folgen im Berufsleben oder Belastungen durch die Auseinandersetzung mit Ängsten können dazugehören. Manche dieser Reaktionen sind Teil des therapeutischen Prozesses, andere lassen sich auf gestörte Behandlungsbeziehungen oder sogar Kunstfehler zurückführen.
Zu den möglichen Ursachen negativer Effekte zählen fehlerhafte therapeutische Entscheidungen, ein nicht mehr tragfähiges Patienten-Therapeuten-Verhältnis oder mehrere Formen von Fehlverhalten, die in Einzelfällen bis zu sozialen und sexuellen Übergriffen reichen können. Die Forscher betonen, dass bei der Bewertung stets zwischen subjektiv belastenden, aber intendierten Therapieinhalten und tatsächlich schädlichen Folgen unterschieden werden müsse.
Während zur Wirksamkeit psychotherapeutischer Verfahren eine robuste Studienlage vorliegt, wurden Risiken lange Zeit deutlich seltener untersucht. Das Jenaer Team plädiert deshalb für ein systematisches Erfassen und Publizieren auch negativer Effekte, um vollständigere Risikoprofile zu erhalten. Bereits in der Ausbildung angehender Psychotherapeuten solle die Sensibilität für mögliche unerwünschte Wirkungen gestärkt werden. Zudem könnten Berichts- und Qualitätssicherungssysteme in der klinischen Praxis helfen, Schwierigkeiten frühzeitig zu erkennen und zu adressieren.
Zentrale Bedeutung kommt der transparenten Aufklärung zu. Eine Verknüpfung von Chancen und Risiken fördert Vertrauen, stärkt die Autonomie der Patienten und trägt dazu bei, falsche Erwartungen, Therapieabbrüche und Unzufriedenheit zu vermeiden. Damit steht das Grundprinzip ärztlicher Ethik – nicht zu schaden – auch im Mittelpunkt psychotherapeutischer Behandlungen.
