Streeck und die unheilvolle Rückkehr der Selektion – ein Kommentar

Die Deutsche Stiftung Patientenschutz hat empört auf Überlegungen des Suchtbeauftragten der Bundesregierung, Hendrik Streeck, zu einer eingeschränkten Arzneivergabe an Hochbetagte reagiert. Diese Empörung ist nicht nur berechtigt – sie ist ein Alarmsignal. Denn Streecks öffentliche Frage, ob eine 100-Jährige mit Krebs noch eine kostspielige Therapie erhalten solle, markiert den Moment, in dem die Selektion – jenes Prinzip, das zwischen 1933 und 1945 zur systematischen Vernichtung „unwerten Lebens“ führte – in neuer, vermeintlich rationaler Gestalt in die deutsche Medizin zurückkehrt.

Streeck sprach am 12. November 2025 bei Welt TV von „Phasen im Leben“, in denen bestimmte Medikamente „nicht mehr einfach so eingesetzt“ werden sollten. Er forderte „klarere Richtlinien“ für die Vergabe teurer Arzneimittel – mit Blick auf die Gesundheitskosten. Was als ökonomische Überlegung daherkommt, ist in Wahrheit eine ethische Grenzüberschreitung: Die Bewertung von Leben nach Alter, Prognose und Preis. Genau hier beginnt die Logik der Selektion.

Die historische Parallele: Von der „Vernunft“ zur Vernichtung

1933 begann die NS-Medizin nicht mit Gaskammern, sondern mit scheinbar rationalen Argumenten. Das „Gesetz zur Verhütung erbkranken Nachwuchses“ rechtfertigte Zwangssterilisationen als „Kostenersparnis“ und „Volksgesundheit“. Ärzte kalkulierten den „Wert“ von Patienten: Wie viel Brot kostet ein „erbkranker“ Mensch dem Staat? 1939 folgte die „Kinder-Euthanasie“, 1941 die „Aktion T4“ – die systematische Ermordung von 70.000 behinderten und psychisch kranken Menschen. Die Begründung: Ressourcenknappheit im Krieg, Nutzen für die Volksgemeinschaft.

Vernichtungslager Auschwitz. Credits: Unsplash

Die Parallele zu Streeck ist nicht identisch – aber strukturell erkennbar. Auch heute wird Knappheit beschworen: 2035 werden 22 Millionen Rentner auf 35 Millionen Erwerbstätige treffen. Die Gesundheitsausgaben steigen. Doch statt die Ursachen anzugehen – etwa durch Prävention, Digitalisierung oder eine gerechtere Beitragsfinanzierung –, wird die Lösung in der Aussortierung der Ältesten gesucht. Die Sprache ist sanfter, die Mittel sind Leitlinien statt Giftspritzen. Das Prinzip aber ist dasselbe: Leben wird verhandelbar.

Ethische Kernfragen: Würde, Solidarität, Slippery Slope

  1. Menschenwürde als absoluter Wert
    Artikel 1 GG ist nicht verhandelbar. Die Würde eines 100-Jährigen ist nicht geringer als die eines 50-Jährigen. Medizinische Indikation entscheidet über Therapie – nicht das Geburtsdatum. Wer Alter zum Kriterium macht, öffnet die Tür für weitere Kategorien: Chronisch Kranke? Demenzkranke? Menschen mit Behinderung?
  2. Solidarität oder Utilitarismus?
    Das deutsche Gesundheitssystem basiert auf Solidarität: Junge zahlen für Alte, Gesunde für Kranke. Streecks Modell ersetzt dies durch utilitaristische Kosten-Nutzen-Rechnung. Doch Utilitarismus kennt keine Grenze: Warum nicht auch bei 90-Jährigen? Bei 80-Jährigen mit Diabetes? Die slippery slope ist real – und historisch bewiesen.
  3. Wer entscheidet?
    Streeck will „die Selbstverwaltung“ entscheiden lassen. Doch wer kontrolliert diese? Wer definiert „Nutzen“? In der NS-Zeit waren es Ärzte, die Selektionsbögen ausfüllten. Heute könnten es Algorithmen sein. Beides entmündigt den Patienten und entlastet die Politik.

Das politische Versagen

Die eigentliche Katastrophe ist nicht Streecks Äußerung – sie ist das Symptom. Die Politik hat drei Jahrzehnte versäumt, das System demografiefest zu machen. Statt Strukturreformen (z. B. Ambulantisierung, Prävention, KI-gestützte Diagnostik) wird nun die Opferung der Schwächsten als Lösung präsentiert. Das ist nicht nur unmoralisch – es ist feige.

Fazit: Die Grenze ist überschritten

Wer heute sagt, eine 100-Jährige brauche keine Therapie mehr, sagt morgen: Ein 85-Jähriger mit Herzinsuffizienz auch nicht. Die Selektion beginnt nicht mit Massenmord – sie beginnt mit einer Talkshow-Frage.

Deutschland steht an einem ethischen Scheideweg. Die Antwort darf nur lauten: Nein. Keine Rationierung nach Alter. Keine Selektion light. Stattdessen: Politischer Mut, strukturelle Reformen, uneingeschränkte Solidarität.

Denn wenn wir die Würde des Menschen verhandelbar machen, haben wir bereits verloren.

Die Geschichte wiederholt sich nicht – aber sie reimt sich. Und dieser Reim klingt verdächtig nach 1933.

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