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Statine als Cholesterinsenker: Wirkungsweise im Detail

Statine (HMG-CoA-Reduktase-Hemmer) gehören zu den am besten untersuchten und am häufigsten verordneten Medikamentenklassen weltweit. Sie sind die erste Wahl zur Senkung des LDL-Cholesterins und zur Primär- sowie Sekundärprävention kardiovaskulärer Ereignisse. Ihre Hauptwirkung entfalten sie durch eine gezielte Hemmung der Cholesterinbiosynthese in der Leber, ergänzt durch zahlreiche weitere (sogenannte pleiotrope) Effekte.

Primärer Wirkmechanismus: Hemmung der HMG-CoA-Reduktase

Der zentrale Angriffspunkt aller Statine ist das Enzym 3-Hydroxy-3-Methylglutaryl-Coenzym-A-Reduktase (kurz: HMG-CoA-Reduktase oder HMGCR). Dieses Enzym katalysiert den geschwindigkeitsbestimmenden (rate-limiting) Schritt in der endogenen Cholesterinbiosynthese:

  • Es wandelt HMG-CoA (3-Hydroxy-3-Methylglutaryl-Coenzym-A) in Mevalonat um – eine vier-Elektronen-Reduktion unter Verbrauch von zwei NADPH-Molekülen.
  • Dieser Schritt findet hauptsächlich in den Hepatozyten (Leberzellen) statt und ist der erste committed step im Mevalonat-Weg, der nicht nur zu Cholesterin, sondern auch zu zahlreichen Isoprenoiden führt.

Statine wirken als kompetitive Inhibitoren:

  • Sie binden mit sehr hoher Affinität (ca. 10.000-fach höher als das Substrat HMG-CoA) an das aktive Zentrum der HMG-CoA-Reduktase.
  • Dadurch verändern sie die Konformation des Enzyms und blockieren den Zugang des natürlichen Substrats.
  • Die Hemmung ist reversibel und dosisabhängig.

Folgen der HMG-CoA-Reduktase-Hemmung in der Leberzelle:

  1. Verminderte intrazelluläre Cholesterinsynthese Absinken des freien Cholesterins in den Hepatozyten.
  2. Kompensatorische Hochregulation der LDL-Rezeptoren (durch Aktivierung des Transkriptionsfaktors SREBP-2 mehr mRNA für LDL-Rezeptor und HMGCR selbst).
  3. Erhöhte Aufnahme von LDL-Partikeln aus dem Blut in die Leberzellen.
  4. Starkes Absinken des Serum-LDL-Cholesterins (LDL-C): Je nach Statin und Dosis 30–60 % Reduktion (z. B. Atorvastatin 80 mg oder Rosuvastatin 40 mg erreichen oft >50 %).
  5. Moderate Senkung von Triglyceriden (10–30 %) und leichte Erhöhung von HDL-Cholesterin (5–15 %).

Die LDL-C-Senkung korreliert linear mit der Risikoreduktion: Pro 1 mmol/l (39 mg/dl) LDL-C-Absenkung sinkt das relative Risiko für schwere kardiovaskuläre Ereignisse um ca. 20–25 % pro Jahr (CTT-Metaanalysen).

Pleiotrope (nicht-lipidbezogene) Effekte

Da die HMG-CoA-Reduktase nicht nur Cholesterin, sondern den gesamten Mevalonat-Weg blockiert, entstehen Zwischenprodukte (Isoprenoide) weniger:

  • Farnesyl-PP und Geranylgeranyl-PP ? wichtig für die Prenylierung (Lipid-Modifikation) kleiner GTPasen wie Rho, Rac, Ras und Rab.
  • Hemmung dieser Prenylierung führt zu veränderter Lokalisation und Funktion dieser Proteine.

Wichtige pleiotrope Effekte (evidenzbasiert, aber teilweise unabhängig von LDL-Senkung nachweisbar):

  • Verbesserte Endothelfunktion ? ? eNOS-Expression und NO-Bioverfügbarkeit ? bessere Vasodilatation.
  • Anti-inflammatorische Wirkung ? ? CRP, ? proinflammatorische Zytokine (TNF-?, IL-6), ? Adhäsionsmoleküle (VCAM-1, ICAM-1) ? reduzierte Monozytenadhäsion und Plaque-Entzündung.
  • Plaque-Stabilisierung ? ? Matrix-Metalloproteinasen, ? Kollagengehalt ? geringere Rupturgefahr vulnerabler Plaques.
  • Antithrombotische Effekte ? ? Thrombozytenaktivierung, ? Gewebefaktor-Expression, ? t-PA / ? PAI-1-Balance ? verbesserte Fibrinolyse.
  • Antioxidative Wirkung ? ? NADPH-Oxidase-Aktivität (über Rac-Hemmung) ? weniger reaktive Sauerstoffspezies (ROS).
  • Anti-proliferative Effekte ? Hemmung glatter Gefäßmuskelzellen (Migration & Proliferation) ? weniger Intima-Hyperplasie.
  • Weitere ? mögliche neuroprotektive, immunmodulatorische und anti-karzinogene Effekte (in Präklinik und Beobachtungsstudien diskutiert, aber nicht primäre Indikation).

Ob diese pleiotropen Effekte klinisch relevant über die reine LDL-Senkung hinaus einen großen Zusatznutzen bringen, ist kontrovers: Die meisten großen Outcomes-Studien (4S, HPS, JUPITER, IMPROVE-IT usw.) korrelieren den Benefit stark mit der erreichten LDL-Reduktion. Dennoch erklären pleiotrope Mechanismen teilweise den frühen Benefit (innerhalb Wochen/Monate) und Effekte bei Patienten mit normalem oder nur leicht erhöhtem LDL.

Unterschiede zwischen den Statinen

StatinLDL-Senkung (max. Dosis)Lipophil/HydrophilHalbwertszeitCYP-MetabolismusPotenz (HMGCR-Affinität)
Simvastatin~40–50 %lipophil1–3 hCYP3A4mittel
Atorvastatin~50–60 %lipophil14 hCYP3A4hoch
Rosuvastatin~55–63 %hydrophil19 hminimal (CYP2C9)sehr hoch
Pravastatin~30–40 %hydrophil1–3 hSulfatierungniedrig
Lovastatin~40 %lipophil2–4 hCYP3A4mittel
Pitavastatin~45–50 %lipophil12 hminimalhoch

Rosuvastatin und Atorvastatin gelten als „high-intensity“-Statine (?50 % LDL-Senkung).

Zusammenfassung

Statine hemmen kompetitiv und hochaffin die HMG-CoA-Reduktase ? ? Cholesterinsynthese in der Leber ? ? LDL-Rezeptoren ? massive LDL-C-Senkung im Blut. Zusätzlich blockieren sie den Mevalonat-Weg ? weniger Isoprenoide ? pleiotrope Effekte auf Endothel, Inflammation, Plaque-Stabilität, Thrombose und Oxidation.

Der klinische Benefit ist primär LDL-abhängig, pleiotrope Effekte tragen jedoch wahrscheinlich zum Gesamtnutzen bei – besonders bei vulnerablen Plaques und akuten Koronarsyndromen. Statine bleiben 2026 das Rückgrat der lipidsenkenden Therapie mit exzellentem evidenzbasiertem Nutzen-Risiko-Verhältnis bei Patienten mit hohem kardiovaskulärem Risiko.

Dieser Artikel ersetzt keine ärztliche Beratung. Bei Fragen zur Therapie immer den behandelnden Arzt oder Kardiologen konsultieren.

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