Selektive Serotonin-Wiederaufnahmehemmer (SSRI), die häufigsten Antidepressiva, sind während der Schwangerschaft mit einem erhöhten Risiko für Schwangerschaftsdiabetes und frühen Anpassungsstörungen beim Neugeborenen verbunden – unabhängig von der zugrunde liegenden Depression der Mutter. Gleichzeitig senken sie jedoch das Risiko für Frühgeburten und niedriges Geburtsgewicht. Dies zeigt eine große registerbasierte Kohortenstudie aus Finnland.
Die Untersuchung umfasst über 1,27 Millionen Geburten zwischen 1996 und 2018 und wurde vom Forschungszentrum für Kinderpsychiatrie der Universität Turku in Kooperation mit der Columbia University (New York) durchgeführt. Verglichen wurden Schwangere mit SSRI-Einnahme während der Gravidität mit depressiven Frauen ohne Medikation sowie mit solchen, die SSRIs vor der Schwangerschaft abgesetzt hatten. Zusätzlich kamen Geschwistervergleiche zum Einsatz, um erbliche und umweltbedingte Einflüsse zu kontrollieren. Die Analysen berücksichtigten mehrere Indikatoren für den Schweregrad der Depression.
Ergebnisse im Detail:
- SSRI-Exposition war mit einem erhöhten Risiko für Gestationsdiabetes assoziiert.
- Das Risiko für Kaiserschnitt, sehr frühe Frühgeburt (< 32 Wochen) sowie niedriges und sehr niedriges Geburtsgewicht war hingegen geringer.
- Bei Neugeborenen zeigten sich häufiger niedrige Apgar-Werte (1 und 5 Minuten), Atemprobleme sowie die Notwendigkeit intensivmedizinischer Betreuung oder NICU-Aufnahme.
- Kein erhöhtes Risiko für größere angeborene Fehlbildungen wurde festgestellt.
- Im Vergleich zum Absetzen vor der Schwangerschaft reduzierte die Fortsetzung der Medikation das Risiko später Frühgeburten und niedrigen Geburtsgewichts, während die neonatalen Anpassungsprobleme bestehen blieben.
Die Autoren betonen, dass die negativen Effekte auf die Neugeborenenanpassung nicht allein durch die mütterliche Depression erklärt werden können, sondern mit der Medikation selbst zusammenhängen. Gleichzeitig schützt die Behandlung offenbar vor depressionsbedingten Risiken wie Frühgeburt.
Die Befunde unterstreichen die Notwendigkeit individualisierter Risiko-Nutzen-Abwägungen in der Schwangerschaft. Depressionen müssen behandelt werden, da unbehandelte Erkrankungen selbst schwere Folgen für Mutter und Kind haben können. SSRIs bieten hier einen klaren Vorteil hinsichtlich des Geburtszeitpunkts und -gewichts, erfordern jedoch eine engmaschige Überwachung von Schwangerschaftsverlauf, Glukosestoffwechsel und neonataler Adaptation. Der neu beobachtete Zusammenhang mit Gestationsdiabetes bedarf weiterer mechanistischer Studien.
Objektiv betrachtet liefert die Arbeit eine der umfassendsten Analysen zum Thema: Die Verwendung mehrerer Kontrollgruppen und Geschwistervergleiche minimiert Confounding durch die Grunderkrankung erheblich. Dennoch bleiben Limitationen registerbasierter Studien bestehen – etwa fehlende Angaben zu Dosierung, exakter Einnahmedauer oder Lebensstilfaktoren. Die Ergebnisse widersprechen nicht grundsätzlich der aktuellen Leitlinienempfehlung, SSRIs bei schwerer Depression in der Schwangerschaft einzusetzen, mahnen aber zu erhöhter Vorsicht und individualisierter Betreuung.
Die Studie entstand im Rahmen des INVEST Research Flagship Centre des Research Council of Finland.
Originalquelle: Volltext unter https://www.utu.fi/en/news/press-release/ssri-medication-during-pregnancy-is-associated-with-increased-risk-of.
