In einer der renommiertesten Spezialkliniken Deutschlands, der Helios Endo-Klinik, hat sich ein Vorfall ereignet, der die Grundfesten der Patientensicherheit erschüttert. Vergangene Woche wurden frisch operierte Patienten auf Station 4 der Klinik bis zu 60 Stunden lang ohne eine einzige ärztliche Visite versorgt. Stattdessen übernahmen Pflegekräfte, die keine medizinische Ausbildung als Ärzte besaßen, die alleinige Betreuung. Betroffene berichteten von starken Schmerzen, die nicht adäquat von qualifizierten Fachkräften bewertet werden konnten, und einem besonders alarmierenden Fall: Ein Patient entwickelte nur drei Stunden nach der Operation schwere Atemnot und kollabierte. Die Pfleger reagierten prompt, doch ohne die Expertise eines Arztes hätte eine potenziell lebensbedrohliche Komplikation wie eine Lungenembolie unentdeckt bleiben können. Dieser Vorfall, der durch eine Versicherung der betroffenen Person gegenüber LabNews Media LLC dokumentiert ist, wirft schwere Vorwürfe gegen den Helios-Konzern auf. Er offenbart nicht nur einen lokalen Ausreißer, sondern ein systemisches Problem in einem der größten privaten Klinikbetreiber Europas: Personalmangel, Kostendruck und mangelnde Einhaltung gesetzlicher Standards, die die Sicherheit vulnerabler Patienten gefährden.
Die Helios Endo-Klinik in Hamburgs Altona-Altstadt ist kein unbekanntes Haus. Als Europas größte Spezialklinik für Endoprothetik, Knochen-, Gelenk- und Wirbelsäulenchirurgie versorgt sie jährlich über 9.000 Patienten aus ganz Deutschland und dem Ausland. Mit 204 Betten und einem Fokus auf Hüft- und Knieersatz-Operationen hat sie sich einen Namen als Zentrum der Exzellenz gemacht. Bundesweit führt sie die Statistiken bei künstlichen Gelenkersatz-Operationen an, und Kooperationen mit der Techniker Krankenkasse, wie der Qualitätsvertrag PROvalue Endo seit 2022, unterstreichen ihren Anspruch auf höchste Standards. Patientenbewertungen loben oft die OP-Teams und die postoperative Rehabilitation, doch hinter der Fassade lauern Schatten: Überlastung, Hygieneprobleme und nun dieser Skandal um ausbleibende Visiten. Er passt in ein Muster wiederholter Kritik am Helios-Konzern, der als Teil des Fresenius-Imperiums mit einem Umsatz von über 6,7 Milliarden Euro jährlich agiert, aber unter dem Vorwurf steht, Gewinne über die Versorgung zu stellen.
Der Vorfall im Detail: 60 Stunden ohne Arzt – Eine Kette aus Versäumnissen
Der Vorfall ereignete sich in der Woche vom 3. bis 9. November 2025. Patienten, die sich einer Routine-Endoprothetik unterzogen hatten – einer der Kernkompetenzen der Klinik –, wurden nach der Operation direkt auf Station 4 verlegt. Statt der üblichen täglichen Visite, die den Verlauf kontrolliert, Medikamente anpasst und Komplikationen abfängt, wartete das Personal vergeblich auf einen Arzt. In einem Extremfall erstreckte sich diese Wartezeit auf fast 60 Stunden. Pfleger, die mit der Grundversorgung wie Vitalparametern und Schmerzlinderung betraut sind, mussten allein entscheiden, ob Symptome harmlos waren oder Eskalation erforderten. Ein Betroffener, der anonym bleiben möchte, beschreibt, wie er mit unertraeglichen Schmerzen dalag, ohne dass ein Arzt seine Wunde inspizierte oder die Medikation überprüfte. Drei Stunden postoperativ brach ein Patient mit Atemnot zusammen – ein Symptom, das auf eine Lungenembolie hindeuten könnte, eine der häufigsten und tödlichsten Komplikationen nach Gelenkoperationen. Die Pfleger stabilisierten ihn notdürftig, doch erst nach weiteren 30 Stunden traf ein Arzt ein. Wäre es eine Embolie gewesen, wäre die Reaktionszeit entscheidend gewesen.

Diese Situation ist kein Einzelfall, sondern das Ergebnis chronischer Unterbesetzung. Die Endo-Klinik, die als akademisches Lehrkrankenhaus der Universität Hamburg agiert und jährlich Hunderte von Assistenzärzten ausbildet, leidet unter einem Mangel an Ober- und Chefärzten. Interne Berichte deuten auf Schichtmodelle hin, die durch Urlaube, Krankheiten und Kündigungen überfordert sind. Pflegekräfte, die primär für Hygiene und Basisbetreuung ausgebildet sind, werden in die Bresche gesprungen – eine Praxis, die nicht nur ethisch fragwürdig, sondern auch rechtlich angreifbar ist. Der Konzern argumentiert oft mit „Skill-Mix“-Modellen, bei denen unqualifiziertes Personal mehr übernimmt, um Kosten zu senken. Doch Experten warnen: Solche Ansätze erhöhen das Risiko medizinischer Fehlentscheidungen, insbesondere in der sensiblen Post-OP-Phase, wo Infektionen oder Thrombosen innerhalb von 24 bis 48 Stunden auftreten können.
Hintergrund: Der Helios-Konzern – Von Expansion zu Kritik
Helios, gegründet 1997 von Bernhard Helmig und seit 2005 Teil des Fresenius-Konzerns, hat sich zu einem Koloss entwickelt: 87 Kliniken in Deutschland, über 65.000 Mitarbeiter und 5,2 Millionen Behandlungen jährlich. Der Fokus liegt auf Profitabilität – 2021 erzielte der Konzern 6,7 Milliarden Euro Umsatz. Doch diese Expansion geht einher mit Skandalen. Bereits 2013 deckte eine Recherche der Westdeutschen Allgemeinen Zeitung massive Hygieneprobleme in nordrhein-westfälischen Helios-Kliniken auf: MRSA-Infektionen explodierten durch Personalmangel und unzureichende Reinigung. 2016 enthüllte „Team Wallraff“ in RTL-Beiträgen Dreck auf Bettwäsche, Blutspuren auf Gängen und überlastete Stationen in Berlin-Buch und Wiesbaden. Die Horst-Schmidt-Kliniken in Wiesbaden, die Helios 2014 übernahm, verloren über 300 Stellen – mit Folgen für die Versorgung.

Der Personalmangel ist das Dauerbrenner-Thema. Während Helios von 2015 bis 2019 die Ärztemenge um 4 Prozent steigerte, sanken die Patientenfälle pro Arzt um 16 Prozent – ein bundesweiter Trend, doch bei Helios verschärft durch Stellenstreichungen. In der Pandemie 2020, als Fallzahlen um 15 Prozent einbrachen, fror der Konzern Neubesetzungen ein. 2021 planten sie 150 offene Stellen nicht zu füllen, was Gewerkschaften wie ver.di als „Gefährdung der Patientensicherheit“ brandmarkten. In München protestierten Pflegekräfte 2025 gegen die Übertragung von Reinigungsaufgaben, da sie dadurch weniger Zeit für Patienten hätten. In Schwerin warnten Mitarbeiter der Kinderklinik im Juni 2025 per offener Brief vor Überlastung; die Leitung wies die Vorwürfe als „nicht nachvollziehbar“ zurück, doch das Gesundheitsministerium Mecklenburg-Vorpommerns prüfte nach.

Besonders brisant sind die „blutigen Entlassungen“. Dieser Begriff beschreibt Fälle, in denen Patienten mit offenen Wunden oder unzureichender Stabilisierung entlassen werden, um Betten freizumachen und DRG-Pauschalen (Diagnose-Related Groups) zu maximieren. In Helios-Kliniken wie Erfurt oder Schwerin häufen sich Berichte: Patienten mit blutenden Verbandswechseln werden nach Hause geschickt, weil die Auslastung hoch ist und Servicekräfte fehlen. Eine Recherche der Süddeutschen Zeitung 2025 offenbarte, dass Pflegekräfte Betten reinigen müssen, statt Wunden zu versorgen – eine Kostenoptimierung, die zu Infektionsrisiken führt. In Zerbst schloss Helios 2025 den stationären Betrieb, trotz 270 Jobs und regionaler Abhängigkeit; ambulante Dienste bleiben, doch Kritiker sehen darin eine „Entlassung in die Ambulanz“, wo Notfälle länger dauern.
Ähnlich alarmierend sind die „Minus-Patienten“. Dieser interne Fachbegriff bezieht sich auf Kliniken mit unterdurchschnittlicher Auslastung, die Helios schließt oder umstrukturiert, um Verluste zu vermeiden. In Sachsen-Anhalt, wo Kliniken 230 Millionen Euro im Minus sind, fiel Zerbst 2025 dem Opfer: Trotz Versprechen der Gesundheitsministerin, kein Haus zu schließen, übernahm der Markt. Ballenstedt verlor seine Lungenklinik, Seehausen ging an die Salus-Gesellschaft. Helios rechtfertigt dies mit „Zukunftsfähigkeit“, doch Betroffene kritisieren: Ländliche Regionen verlieren Versorgung, Patienten müssen weite Wege fahren, was Komplikationen verzögert. In Niedersachsen zwang Helios 2020 Mitarbeiter zu Minusstunden, um Kosten zu drücken – eine Praxis, die ver.di als „Profite auf dem Rücken der Beschäftigten“ verurteilt.
Gesetzesverstöße: Eine klare Überschreitung der Pflichten
Der Vorfall in der Endo-Klinik verstößt gegen zentrale Vorgaben des deutschen Krankenhausrechts. Das Krankenhausfinanzierungsgesetz (KHG) und die Landesklinikgesetze, wie das Hamburgische Krankenhausgesetz, schreiben vor, dass stationäre Versorgung eine kontinuierliche ärztliche Betreuung umfasst. Tägliche Visiten sind Standard, um den Heilzweck zu erfüllen (§ 1 KHG). Nach Operationen, besonders in der Hochrisikophase, fordert die S3-Leitlinie der Deutschen Gesellschaft für Orthopädie und Unfallchirurgie (DGOU) Untersuchungen innerhalb von 24 Stunden. Eine 60-stündige Lücke widerspricht dem Patientenrechtegesetz (PatRG, § 630a BGB), das umfassende Aufklärung und Behandlungspflichten garantiert. Pflegekräfte dürfen keine diagnostischen Entscheidungen treffen – das wäre eine unzulässige Delegation (§ 630g BGB).
Zudem verletzt Helios das Infektionsschutzgesetz (IfSG), da unzureichende Visiten Infektionsketten begünstigen. Die Anerkennung als Endoprothetik-Zentrum im Hamburger Krankenhausplan setzt Qualitätsstandards voraus, die hier ignoriert werden. Solche Verstöße können zu Bußgeldern, Schließungen oder Haftungsansprüchen führen. Der Konzern riskiert Klagen vor dem Sozialgericht, wie in früheren Fällen um Hygiene (z.B. Duisburg 2013).
Auswirkungen: Patienten, Personal und das System im Fokus
Für Patienten bedeutet das: Erhöhtes Risiko für Komplikationen, längere Heilungszeiten und Misstrauen. In der Endo-Klinik, wo internationale Patienten auf Exzellenz setzen, schadet das dem Ruf. Personal leidet unter Burnout: Überstunden häufen sich, Fluktuation steigt – in Wiesbaden kündigten 2023 mehrere Oberärzte. Das System insgesamt bröckelt: Bundesweit fehlen 20.000 Pflegekräfte, doch private Konzerne wie Helios priorisieren Dividenden (Fresenius erhöhte 2021 die Auszahlung). Die Politik fordert Reformen, doch der Krankenhausplan Hamburg 2018, der Zentren wie Endo auswies, adressiert Personalmangel zu lasch.
Schluss: Zeit für Veränderung
Der Vorfall in Hamburg ist ein Weckruf. Helios muss Visiten priorisieren, Stellen nachbesetzen und Transparenz schaffen. Patienten fordern Aufklärung, Gewerkschaften Streiks. Ohne Handeln droht ein Kollaps der Versorgung. Die Endo-Klinik, Symbol für Fortschritt, darf nicht zum Mahnmal werden.
Patienten sollten bei Fehlen der täglichen Visite die 112 anrufen – dann kommt der Notarzt in die Klinik. Was mittlerweile in Deutschland ebenfalls vorkommt.
Quellen und Gesetzesquellen (als Linkliste)
- Helios Endo-Klinik Hamburg – Offizielle Website: https://www.helios-gesundheit.de/kliniken/hamburg-endo-klinik/
- Wikipedia: Helios Endo-Klinik Hamburg: https://de.wikipedia.org/wiki/Helios_Endo-Klinik_Hamburg
- Techniker Krankenkasse: PROvalue Endo Qualitätsvertrag: https://www.tk.de/presse/themen/medizinische-versorgung/krankenhausversorgung/provalue-endoklinik-hamburg-2159944
- Klinikbewertungen.de: Erfahrungen Helios Endo-Klinik: https://www.klinikbewertungen.de/klinik-forum/erfahrung-mit-endo-klinik-hamburg
- RV-Gemeinschaft: Helios-Kritik zu Hygiene und Personal: https://rv-gemeinschaft.de/helios-eine-unendliche-gesachichte/
- Welt: Helios in der Kritik (Wallraff): https://www.welt.de/wirtschaft/article153376659/Stimmt-es-war-nicht-alles-sauber.html
- Regionalheute.de: Minusstunden bei Helios: https://regionalheute.de/helios-erzwingt-minusstunden-bei-mitarbeitern-skandal-oder-gaengige-praxis-1587128529/
- ZEIT: Stellenabbau bei Helios: https://www.zeit.de/2021/20/helios-kliniken-corona-hilfen-stellenabbau-krankenhauskette-patienten
- MDR: Klinikschließung Zerbst: https://www.mdr.de/nachrichten/sachsen-anhalt/dessau/bitterfeld/zerbst-helios-klinik-schliesst-106.html
- Süddeutsche Zeitung: Pflegekräfte und Bettenreinigung: https://www.sueddeutsche.de/muenchen/muenchen-pflege-protest-helios-kliniken-li.3337040
- Tagesspiegel: Abrechnungskritik Helios: https://www.tagesspiegel.de/wirtschaft/versicherer-werfen-helios-kliniken-abzocke-vor-6536725.html
- Stern: Razzia bei Helios: https://www.stern.de/gesundheit/durchsuchung-von-helios-kliniken–aerzte-begingen-womoeglich-abrechnungsbetrug-3032500.html
- Wikipedia: Helios Kliniken: https://de.wikipedia.org/wiki/Helios_Kliniken
- MSD Manual: Typischer Tag im Krankenhaus (Visite): https://www.msdmanuals.com/de/heim/spezialthemen/behandlung-im-krankenhaus/ein-typischer-tag-im-krankenhaus
- Gesundheit.gv.at: Aufnahme und Visite: https://www.gesundheit.gv.at/gesundheitsleistungen/krankenhausaufenthalt/im-krankenhaus.html
- DocCheck: Visite-Definition: https://flexikon.doccheck.com/de/Visite
- Deutsches Ärzteblatt: Kommunikation in der Visite: https://www.aerzteblatt.de/archiv/204268/Kommunikation-So-gelingt-die-Visite
- Stiftung Gesundheitswissen: Patientenrechte: https://www.stiftung-gesundheitswissen.de/gesundes-leben/patient-arzt/patientenrechte-im-krankenhaus
- Bundesgesundheitsministerium: Ratgeber Krankenhaus: https://www.bundesgesundheitsministerium.de/fileadmin/Dateien/5_Publikationen/Praevention/Broschueren/180503_BMG_RG_Krankenhaus.pdf
- BGB § 630a (Aufklärungspflicht): https://www.gesetze-im-internet.de/bgb/__630a.html
- KHG (Krankenhausfinanzierungsgesetz): https://www.gesetze-im-internet.de/kh_g/
- IfSG (Infektionsschutzgesetz): https://www.gesetze-im-internet.de/ifsg/
- Hamburgisches Krankenhausgesetz: https://www.landesrecht-hamburg.de/jportal/?quelle=jlink&query=KrG%20HA&psml=bskha.prod.psml&max=true

