Die von Bundeskanzler Friedrich Merz angestoßene Debatte über längere Arbeitszeiten in Deutschland hat weitreichende Diskussionen ausgelöst. Die neue Bundesregierung plant, das Arbeitszeitgesetz zu lockern, um eine wöchentliche statt einer täglichen Höchstarbeitszeit einzuführen. Dies würde tägliche Arbeitszeiten von über 12 Stunden ermöglichen, warnt eine Kurzstudie des Hugo Sinzheimer Instituts für Arbeitsrecht (HSI) der Hans-Böckler-Stiftung. Die vorgeschlagenen Änderungen könnten jedoch die Gesundheit der Beschäftigten gefährden und die Vereinbarkeit von Beruf und Familie verschlechtern, ohne die angeführten wirtschaftlichen Ziele zu erreichen. Die Studie, verfasst von Dr. Amélie Sutterer-Kipping und Dr. Laurens Brandt, stützt sich auf aktuelle Daten des Instituts für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung (IAB) und arbeitsmedizinische Erkenntnisse.
Gesundheitsrisiken durch längere Arbeitszeiten
Das geltende Arbeitszeitgesetz erlaubt bereits eine tägliche Arbeitszeit von bis zu 10 Stunden, sofern innerhalb von sechs Monaten ein Ausgleich auf durchschnittlich acht Stunden pro Werktag erfolgt. Die geplante Einführung einer wöchentlichen Höchstarbeitszeit würde jedoch nach Abzug der gesetzlichen Mindestruhezeit von 11 Stunden und einer Ruhepause von 45 Minuten tägliche Arbeitszeiten von bis zu 12 Stunden und 15 Minuten ermöglichen. Arbeitsmedizinische Forschung zeigt, dass Arbeitszeiten über acht Stunden pro Tag die Gesundheit erheblich gefährden. Langfristig steigt das Risiko für stressbedingte Erkrankungen, darunter Burnout, psychische Erschöpfung, Schlaganfälle, Diabetes und Krebs. Laut Daten der DAK aus dem Jahr 2023 verursachen psychische Erkrankungen durchschnittlich 33 Fehltage, was sowohl die Beschäftigten als auch das Gesundheitssystem und Arbeitgeber belastet.
Darüber hinaus erhöht sich das Unfallrisiko bei Arbeitszeiten über acht Stunden exponentiell. Ab der zehnten Stunde verdoppelt sich die Unfallrate im Vergleich zu einem Acht-Stunden-Tag, was nicht nur die Arbeitnehmer, sondern auch Dritte wie Patienten in medizinischen Berufen oder Verkehrsteilnehmer gefährdet. Die HSI-Forscher betonen, dass längere Arbeitszeiten das Arbeitspotenzial der Bevölkerung schwächen, anstatt es zu stärken, da gesundheitliche Probleme die Produktivität langfristig mindern.
Verschlechterung der Vereinbarkeit von Beruf und Familie
Die geplante Deregulierung würde die Vereinbarkeit von Beruf und Familie weiter erschweren, insbesondere für Frauen. Die HSI-Studie verweist auf die gestiegene Erwerbsquote von Frauen, die zwischen 1991 und 2022 um 16 Prozentpunkte auf 73 Prozent stieg. Dies hat das Gesamtarbeitsvolumen in Deutschland auf Rekordwerte gehoben: 2023 leisteten abhängig Beschäftigte 54,59 Milliarden Stunden, inklusive Selbstständiger und mithelfender Familienangehöriger sogar 61,44 Milliarden Stunden. Im Jahr 2024 lag das Arbeitsvolumen mit 61,37 Milliarden Stunden nahezu auf diesem Niveau. Der Anstieg ist maßgeblich auf die Zunahme von Zweiverdienerhaushalten zurückzuführen, während die durchschnittliche Jahresarbeitszeit pro Kopf von 1.478 Stunden (1991) auf 1.295 Stunden (2023) gesunken ist, vor allem durch höhere Teilzeitquoten.
Knapp ein Drittel der Beschäftigten, bei Frauen fast die Hälfte, arbeitet in Teilzeit, oft unfreiwillig aufgrund von Sorgearbeit und unzureichenden Betreuungsmöglichkeiten. Eine wöchentliche Höchstarbeitszeit würde die Planbarkeit von Arbeitszeiten reduzieren, was Betreuungskonflikte verschärft. Dies könnte die Erwerbstätigkeit von Frauen weiter einschränken, Aufstiegs- und Weiterbildungschancen verringern und das Risiko für Altersarmut erhöhen. Die HSI-Forscher kritisieren, dass der Koalitionsvertrag keine Maßnahmen vorsieht, um Arbeitnehmern mehr Einfluss auf die Verteilung ihrer Arbeitszeit zu geben. Derzeit liegt die Festlegung der Arbeitszeit oft im Direktionsrecht der Arbeitgeber, was die Autonomie der Beschäftigten einschränkt.
Wirtschaftliche Ziele in Frage gestellt
Die Bundesregierung begründet die geplante Reform mit wirtschaftlichen Impulsen, mehr Flexibilität für Beschäftigte und der Bewältigung des demografischen Wandels. Die HSI-Studie widerspricht jedoch: Die Deregulierung würde die Rekordwerte bei Erwerbstätigkeit und Arbeitsvolumen gefährden, die durch gestiegene Frauenerwerbstätigkeit und Zweiverdienerhaushalte erreicht wurden. Eine Verschärfung gesundheitlicher Probleme und Betreuungskonflikte könnte die Arbeitskraft langfristig reduzieren, was wirtschaftlich kontraproduktiv wäre. Zudem bietet das geltende Arbeitszeitgesetz bereits erhebliche Flexibilität, etwa durch die Möglichkeit, die Arbeitszeit auf zehn Stunden täglich auszuweiten oder durch branchenspezifische Ausnahmen via Tarifverträge oder behördliche Genehmigungen.
Die HSI-Forscher betonen, dass der Acht-Stunden-Tag auf arbeitsmedizinischen Erkenntnissen basiert, die die Gesundheit schützen. Eine wöchentliche Höchstarbeitszeit würde diese Schutzfunktion untergraben, da die tägliche Arbeitszeit nur durch Mindestruhezeiten begrenzt wäre. Dies ignoriere sowohl wissenschaftliche Erkenntnisse als auch die soziale Realität von Sorgearbeit und Teilzeitbeschäftigung.
Alternative Lösungen gefordert
Statt einer Deregulierung fordern die HSI-Experten mehr Arbeitszeitsouveränität für Beschäftigte, etwa durch stärkere Mitbestimmung bei der Verteilung der Arbeitszeit. Die Einführung der Brückenteilzeit 2019 war ein Schritt zur Bekämpfung der „Teilzeitfalle“, doch bestehende Einschränkungen begrenzen ihre Wirkung. Eine Stärkung der institutionellen Kinderbetreuung sei essenziell, um die gleichberechtigte Verteilung von Sorgearbeit zu ermöglichen und die Erwerbstätigkeit von Frauen zu fördern. Solche Maßnahmen würden die Vereinbarkeit von Beruf und Familie verbessern, das Arbeitsvolumen sichern und die wirtschaftlichen Ziele der Regierung nachhaltiger erreichen als eine Deregulierung der Arbeitszeit.
Fazit
Die geplante Lockerung des Arbeitszeitgesetzes birgt erhebliche Risiken für die Gesundheit der Beschäftigten und die Vereinbarkeit von Beruf und Familie. Die HSI-Studie zeigt, dass tägliche Arbeitszeiten von über 12 Stunden das Risiko für psychische und physische Erkrankungen sowie Arbeitsunfälle erhöhen. Gleichzeitig würde die Reform Betreuungskonflikte verschärfen und die Erwerbstätigkeit von Frauen einschränken, was die wirtschaftlichen Ziele der Regierung untergräbt. Angesichts der bereits bestehenden Flexibilität im Arbeitszeitgesetz und der Rekordwerte bei Erwerbstätigkeit und Arbeitsvolumen fordern die Forscher, auf wissenschaftliche Erkenntnisse zu setzen und die Arbeitszeitsouveränität sowie Betreuungsangebote zu stärken. Nur so könne Deutschland die Herausforderungen des demografischen Wandels meistern, ohne die Gesundheit und soziale Gerechtigkeit zu gefährden.
Quelle:
Wöchentliche Höchstarbeitszeit: Gefahr für Vereinbarkeit und Gesundheit – Hans-Böckler-Stiftung
