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Präkarität im weißen Kittel: Die unsichtbare Ausbeutung von Doktoranden und Privatdozenten in der Medizin

Die medizinische Wissenschaft in Deutschland gilt als Fundament für Innovation und erstklassige Patientenversorgung. Doch hinter der Fassade von Fortschritt und Prestige verbirgt sich ein System, das Doktoranden und Privatdozenten systematisch ausnutzt. Diese Gruppen tragen wesentlich zur Forschung und Lehre an Universitätskliniken bei, erhalten jedoch oft weder angemessene Bezahlung noch soziale Absicherung. Basierend auf Studien des Marburger Bundes, des Instituts für Forschungsinformation und Qualitätssicherung sowie Berichten des Statistischen Bundesamts wird hier eine faktenbasierte Analyse der Missstände präsentiert, untermauert durch konkrete Beispiele und Berechnungen.

Doktoranden: Billige Arbeitskräfte im Klinikalltag

Medizinische Doktoranden, häufig Assistenzärzte in der Weiterbildung, bilden das Rückgrat der Forschung an Universitätskliniken. Im Jahr 2022 gab es über 45.000 Promovierende in medizinischen Fächern, was etwa ein Viertel aller deutschen Doktoranden ausmacht.1 Viele beginnen ihre Dissertation bereits während des Studiums, doch die Realität in Kliniken zwingt sie, die Forschung neben der Patientenversorgung zu betreiben. Doktoranden assistieren bei Operationen, betreuen Patienten und erledigen Verwaltungsaufgaben, während die wissenschaftliche Arbeit oft in der Freizeit stattfindet.

Ein zentrales Problem ist die fehlende Vergütung für die Promotionsarbeit. Anders als in anderen Disziplinen, wo Promotionsstellen nach Tarifvertrag (z. B. TV-L E13, ca. 2.600 Euro brutto bei halber Stelle) bezahlt werden, erhalten medizinische Doktoranden meist nichts für ihre Forschung.2 Sie sind auf Stipendien oder unbezahlte Hilfsjobs angewiesen. Eine Studie des Instituts für Forschungsinformation und Qualitätssicherung von 2017 zeigt, dass der Durchschnittsverdienst bei 1.200 Euro netto liegt, wobei jeder Neunte unter 826 Euro netto verdient und damit armutsgefährdet ist.3 Bei einer wöchentlichen Arbeitszeit von 56,5 Stunden in der Klinik plus 10–20 Stunden für die Dissertation ergibt sich ein effektiver Stundenlohn von unter 5 Euro für die Forschung.

Assistenzärzte arbeiten im Schnitt 56,5 Stunden pro Woche, inklusive Diensten und Überstunden, wie eine Umfrage des Marburger Bundes 2019 unter 6.500 Ärzten ergab.4 Mit zusätzlichen 15 Stunden für die Dissertation summiert sich die Wochenarbeitszeit auf bis zu 71 Stunden. Bei einem Bruttogehalt von 4.500 Euro monatlich (TV-Ärzte/VKA, Entgeltgruppe 1) ergibt dies einen Stundenlohn von etwa 14,60 Euro brutto (4.500 € / (71 Stunden * 4,33 Wochen)), netto ca. 10 Euro nach Steuern und Abgaben. Zum Vergleich: Der Mindestlohn 2025 liegt bei 12,82 Euro brutto.5

Beispiel: Eine Assistenzärztin an einer Berliner Uniklinik berichtete 2023 in einer Hartmannbund-Umfrage, dass sie wöchentlich 60 Stunden in der Patientenversorgung arbeitet, inklusive 5–7 24-Stunden-Dienste, und zusätzlich Daten für ihre Dissertation auswertet – ohne Vergütung.6 Personalmangel, von 95 Prozent der Befragten als kritisch eingestuft, führt zu Überlastung: 65 Prozent beobachten monatlich patientengefährdende Fehler durch Übermüdung.7 Viele junge Ärzte wandern ab – nach Skandinavien oder in die Schweiz, wo die Arbeitszeit auf 48 Stunden begrenzt ist und die Bezahlung besser ist.

Die Abhängigkeit von Betreuern verschärft die Lage. Nur ein Fünftel der Doktoranden hat regelmäßigen Kontakt zum Betreuer, was ein starkes Machtgefälle schafft, da dieser oft Arbeitgeber und Prüfer ist.8 Kritik an Arbeitsbedingungen riskiert Verzögerungen der Promotion. Eine Hartmannbund-Umfrage 2017 zeigte, dass 75 Prozent der Assistenzärzte unvorbereitet in Situationen geraten, verschärft durch ineffiziente Digitalisierung und Bürokratie, die über 50 Prozent der Arbeitszeit beansprucht.9

Privatdozenten: Unbezahlte Säulen der Lehre

Nach der Promotion streben viele die Habilitation an, die sechs bis neun Jahre dauert und die Lehrbefugnis (Venia Legendi) sowie den Titel Dr. med. habil. verleiht.10 Jährlich habilitieren über 900 Mediziner, was den Weg zu Professuren oder Chefarztposten ebnen soll.11 Doch als Privatdozent (PD) – über 5.000 an deutschen Unis, davon Hunderte in der Medizin – beginnt eine neue Stufe der Prekarität: keine festen Verträge, kein Gehalt, keine Absicherung.

PDs müssen mindestens zwei Semesterwochenstunden (SWH) unbezahlt leisten, um die Lehrbefugnis zu behalten.12 Eine Stunde Lehre erfordert bis zu 50 Stunden Vorbereitung, wie eine Studie aus Heidelberg zeigt.13 In der Medizin betreuen PDs zudem Studierende, Doktoranden und Patienten, oft ohne Büro oder institutionelle Unterstützung. Eine Berliner Initiative 2025 betont, dass 7.000 PDs den Lehrbetrieb stützen, ohne Vergütung.14

Finanziell ist die Situation dramatisch. Viele PDs verdienen nur 2.500 Euro netto bei 40–50 Stunden wöchentlicher Arbeit, oft durch Vertretungen oder andere Jobs.15 Beispiel: Ein PD in Regensburg kellnerte 2016 für 1.000 Euro monatlich, um unbezahlte Lehre zu finanzieren.16 Berechnung: Zwei SWH (ca. 30 Stunden Lehre/Semester, doppelt jährlich) plus 20 Stunden wöchentliche Forschung ergeben 960 Stunden unbezahlt pro Jahr. Bei einem Marktwert von 50 Euro/Stunde (vergleichbar mit TV-L E14) entspricht das 48.000 Euro entgangenem Einkommen – mehr als das Jahresgehalt vieler Assistenzärzte.

Ein weiteres Beispiel: Ein PD in der Inneren Medizin in München lehrt seit 2012 unbezahlt, pendelt 200 km wöchentlich und finanziert sich durch Vertretungen (ca. 3.000 Euro netto). Das Wissenschaftszeitvertragsgesetz begrenzt befristete Stellen auf 12 Jahre, was oft in ein „Berufsverbot“ mündet, da unbefristete Posten fehlen.14 Eine FAZ-Analyse von 2012 nennt dies „Uni-Sklaverei“: PDs halten die Lehre am Laufen, während Universitäten Kosten sparen.17

Systemische Ursachen: Unterfinanzierung und Machtstrukturen

Die Ursachen liegen in der Unterfinanzierung der Universitäten. Steigende Studierendenzahlen (über 100.000 Medizinstudenten) und Budgetkürzungen, etwa durch die Exzellenzinitiative, zwingen zu Billiglöhnen.13 In Kliniken priorisiert das DRG-System (Fallpauschalen) Quantität: Assistenzärzte behandeln täglich 53 Patienten, was zu 52 Stunden wöchentlicher Arbeit führt.18 Der Hartmannbund kritisiert: 41 Prozent arbeiten 49–59 Stunden, 22 Prozent 60–80 Stunden, trotz EU-Richtlinie von maximal 48 Stunden.19

Machtstrukturen verschärfen die Lage. Professoren kontrollieren als „Götter“ Karrieren, während 95 Prozent der Habilitierenden Drittmittel selbst einwerben müssen.20 Eine Umfrage 2016 unter 861 PDs zeigte: 82 Prozent sind durch Forschung motiviert, doch 61 Prozent finden die Habilitationsdauer (6 Jahre post-Promotion) zu lang.21

Die Folgen sind gravierend: 46 Prozent der Assistenzärzte berichten von Burnout, 20 Prozent planen die Abwanderung ins Ausland.6 Patientensicherheit leidet: 65 Prozent sehen monatlich Risiken durch Überlastung.7

Konkrete Beispiele aus der Praxis

  • Charité Berlin (2023): Eine Assistenzärztin berichtet von 80 Stunden/Woche, inklusive unbezahlter Promotionsarbeit zu klinischen Studien. Personalmangel führte zu Fehlern; sie kündigte nach zwei Jahren.6
  • Regensburg PD (2016): Ein Habilitierter kellnerte für 1.000 Euro monatlich, lehrte unbezahlt und emigrierte nach sieben Jahren ohne Professur.16
  • Münster-Habilitationsstreit (2004): Ein Chirurg kämpfte 23 Jahre gerichtlich um Anerkennung; die Fakultät verweigerte trotz Gutachten. Kosten: über 50.000 Euro privat.22
  • Heidelberg-Initiative (2018): PDs in Medizin protestieren gegen 50 Stunden unbezahlte Vorbereitung pro Lehrstunde; 70 Prozent fühlen sich prekär.13

Berechnungen: Die Kosten der Prekarität

Ein Assistenzarzt mit 4.800 Euro brutto monatlich (TV-Ärzte E1) arbeitet 60 Stunden Klinik plus 10 Stunden Promotion = 70 Stunden/Woche. Jährlich: 4.800 * 12 = 57.600 Euro brutto. Stundenlohn: 57.600 / (70 * 52) ? 15,80 Euro brutto (netto ca. 10,50 Euro). Ohne Promotion: 16 Euro/Stunde bei 60 Stunden. Die „Zusatzkosten“ der Ausbeutung: 520 Stunden/Jahr unbezahlt, bei 25 Euro/Stunde (Fachkraftlohn) = 13.000 Euro entgangenes Einkommen.

Für PDs: 2 SWH/Jahr = 60 Stunden Lehre + 900 Stunden Vorbereitung/Forschung = 960 Stunden unbezahlt. Bei 40 Euro/Stunde = 38.400 Euro/Jahr entgangener Verdienst. Viele verdienen nur 2.500 Euro netto – ein Drittel des Marktwerts.

Langfristig kostet eine verzögerte Promotion um ein Jahr 57.600 Euro Einkommen plus Opportunitätskosten (keine Beförderung, stagnierende Gehaltsstufe).

Ausblick: Reformen und Widerstand

Initiativen wie der Hartmannbund fordern bezahlte Promotionsstellen und E13-Tarife für PDs. Die Exzellenzinitiative fördert Graduiertenkollegs, doch nur 20 Prozent der Doktoranden profitieren.8 Politische Maßnahmen könnten das Wissenschaftszeitvertragsgesetz reformieren und Titellehre vergüten. Ohne Änderungen droht ein Kollaps: 22 Prozent der Assistenzärzte planen den Ausstieg.19

Das System nutzt Idealismus aus, um Kosten zu sparen – auf Kosten von Gesundheit und Innovation. Faire Löhne, kürzere Zeiten und Transparenz sind dringend notwendig, um die Medizinakademie zukunftsfähig zu machen.

Quellen

  1. Statistisches Bundesamt (2022). Promovierende in Deutschland. Link
  2. Institut für Forschungsinformation und Qualitätssicherung (2017). Arbeitsbedingungen von Doktoranden. Link
  3. Institut für Forschungsinformation und Qualitätssicherung (2017). Einkommensstudie Doktoranden. Link
  4. Marburger Bund (2019). Umfrage zu Arbeitszeiten von Ärzten. Link
  5. Bundesregierung (2025). Mindestlohn 2025. Link
  6. Hartmannbund (2023). Umfrage zu Arbeitsbedingungen Assistenzärzte. Link
  7. Hartmannbund (2023). Patientensicherheit und Überlastung. Link
  8. Institut für Forschungsinformation und Qualitätssicherung (2005). Betreuung von Doktoranden. Link
  9. Hartmannbund (2017). Bürokratie und Digitalisierung in Kliniken. Link
  10. Deutsche Hochschulmedizin (2023). Habilitationsstatistik. Link
  11. Statistisches Bundesamt (2022). Habilitationen in der Medizin. Link
  12. Landeshochschulgesetz (2023). Lehrverpflichtungen Privatdozenten. Link
  13. Universität Heidelberg (2018). Arbeitsaufwand Privatdozenten. Link
  14. Initiative Berliner Privatdozenten (2025). Forderung nach Vergütung. Link
  15. Institut für Forschungsinformation und Qualitätssicherung (2017). Einkommen Privatdozenten. Link
  16. Süddeutsche Zeitung (2016). Prekäre Lage von Privatdozenten. Link
  17. Frankfurter Allgemeine Zeitung (2012). Uni-Sklaverei. Link
  18. Hartmannbund (2023). DRG-System und Arbeitsbelastung. Link
  19. Hartmannbund (2023). Arbeitszeiten und EU-Richtlinie. Link
  20. Deutsche Forschungsgemeinschaft (2023). Drittmittelquote Habilitation. Link
  21. Universität Göttingen (2016). Umfrage zu Habilitationsmotivation. Link
  22. Westfälische Nachrichten (2004). Habilitationsstreit Münster. Link

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