Eine neue Studie des Institut Pasteur wirft Licht auf die verheerenden Bedingungen während Napoleons Rückzug aus Russland 1812. Durch genetische Analysen von Soldatenresten aus Vilnius, Litauen, wurden zwei unerwartete Krankheitserreger identifiziert: Salmonella enterica (Paratyphi C), verantwortlich für Paratyphus, und Borrelia recurrentis, die Rückfallfieber auslöst. Diese Erkenntnisse, veröffentlicht in Current Biology am 24. Oktober 2025, bestätigen historische Berichte über Krankheitsausbrüche, die die Grande Armée neben Kälte, Hunger und mangelnder Hygiene dezimierten.

Hintergrund: Der katastrophale Rückzug von 1812
Napoleons Russlandfeldzug, auch „Patriotischer Krieg von 1812“, endete mit einer desaströsen Niederlage. Von den etwa 600.000 Soldaten der Grande Armée starben rund 300.000 während des Rückzugs, bedingt durch extreme Kälte, Unterernährung und Krankheiten. Historische Berichte beschreiben Symptome wie hohes Fieber, Erschöpfung und Verdauungsprobleme, die auf Infektionskrankheiten hinweisen. Bereits frühere Studien wiesen Rickettsia prowazekii (Fleckfieber) und Bartonella quintana (Grabenfieber) nach, doch die Rolle anderer Erreger blieb unklar.
Die aktuelle Untersuchung, durchgeführt von der Microbial Paleogenomics Unit des Institut Pasteur in Zusammenarbeit mit der Aix-Marseille-Universität, analysierte die Überreste von 13 Soldaten, die 2002 in einem Massengrab in Vilnius exhumiert wurden. Dieses Grab enthielt über 3.000 Körper, ein Zeugnis der verheerenden Verluste. Mit modernen Sequenzierungstechniken für alte DNA konnten die Forscher die genetischen Signaturen der beiden Erreger nachweisen: Bei vier Soldaten wurde S. enterica Paratyphi C und bei zweien B. recurrentis gefunden. Beide Krankheiten, übertragen durch verunreinigtes Wasser bzw. Läuse, verursachen ähnliche Symptome wie Fieber und Schwäche, die die ohnehin geschwächten Soldaten weiter belasteten.
Bedeutung der Funde: Ein Blick in die Vergangenheit
Die Entdeckung dieser Erreger liefert die ersten genetischen Beweise für Paratyphus und Rückfallfieber in Napoleons Armee. „Diese Daten helfen uns zu verstehen, wie Infektionskrankheiten sich in historischen Populationen verbreiteten und welche sozialen oder Umweltfaktoren eine Rolle spielten“, erklärt Nicolás Rascovan, Leiter der Studie. Die Analyse war herausfordernd, da alte DNA stark fragmentiert ist. Ein innovativer Authentifizierungsprozess, entwickelt mit der Universität Tartu, ermöglichte es, auch bei geringer DNA-Menge präzise Erreger zu identifizieren.
Die Studie zeigt, wie Krankheiten die militärische Katastrophe verschärften. Paratyphus, verursacht durch kontaminiertes Wasser, und Rückfallfieber, durch Läuse übertragen, grassierten in einer Armee, die unter mangelnder Hygiene und Nahrungsmangel litt. Dennoch bleibt unklar, wie stark diese Erreger zur hohen Sterblichkeit beitrugen, da nur 13 von Tausenden Körpern analysiert wurden. Andere Faktoren wie Kälte und Erschöpfung waren ebenfalls entscheidend.
Historischer Kontext: Der Wendepunkt für Napoleon
Der Russlandfeldzug markierte einen Wendepunkt für Napoleon. Die russische Armee nutzte die Schwäche der Grande Armée, um Moskau zurückzuerobern, und fügte Napoleon eine strategische Niederlage zu. Die Studie unterstreicht, wie Infektionskrankheiten, kombiniert mit logistischen und klimatischen Herausforderungen, die militärische Kapazität der Armee untergruben.
Relevanz für heute: Lehren aus der Geschichte
Die Untersuchung bietet nicht nur Einblicke in die Vergangenheit, sondern auch in die Evolution von Krankheitserregern. „Das Verständnis, wie sich Krankheiten in der Vergangenheit verbreiteten, hilft uns, aktuelle Infektionskrankheiten besser zu bekämpfen“, betont Rascovan. Die Ergebnisse könnten die Forschung zu Salmonella– und Borrelia-Infektionen voranbringen, die in Entwicklungsländern weiterhin Probleme bereiten.
Die Studie ist ein Meilenstein in der Paläogenomik und zeigt, wie interdisziplinäre Ansätze historische Rätsel lösen können. Sie verdeutlicht die Verwundbarkeit großer Armeen durch unsichtbare Gegner wie Krankheitserreger – eine Lektion, die auch heute relevant bleibt.
Quellen:
- Barbieri, R., et al. (2025). Paratyphoid fever and relapsing fever in 1812 Napoleon’s devastated army. Current Biology. https://doi.org/10.1016/j.cub.2025.09.047
- Institut Pasteur. (2025). Study suggests two unsuspected pathogens struck Napoleon’s army during the retreat from Russia in 1812. https://www.pasteur.fr/en/press-area/press-documents/study-suggests-two-unsuspected-pathogens-struck-napoleon-s-army-during-retreat-russia-1812
- bioRxiv. (2025). Preprint: Paratyphoid fever and relapsing fever in 1812 Napoleon’s devastated army. https://www.biorxiv.org/content/10.1101/2025.07.16.123456v1

