Eine internationale Analyse großer Bevölkerungs- und Interventionsstudien zeigt, dass nahezu alle Personen mit einem Body-Mass-Index (BMI) von mindestens 30 kg/m² durch mindestens ein weiteres anthropometrisches Kriterium als adipös bestätigt werden können. Rund 80 Prozent von ihnen erfüllen zudem die Kriterien einer klinischen Adipositas mit bereits vorhandenen gesundheitlichen Beeinträchtigungen.
Die Ergebnisse der Studie unter Leitung von Prof. Matthias Schulze vom Deutschen Institut für Ernährungsforschung Potsdam-Rehbrücke (DIfE) und Beteiligung des Deutschen Zentrums für Diabetesforschung (DZD) sowie des Universitätsklinikums Tübingen erschienen am 19. Februar 2026 in Nature Communications (Open Access, DOI: 10.1038/s41467-026-69738-w).
Die Untersuchung bewertet den im Frühjahr 2025 von einer Lancet-Kommission vorgeschlagenen Ansatz, Adipositas in präklinische und klinische Formen zu unterteilen. Danach wird Adipositas neben einem BMI ? 30 durch mindestens ein weiteres Maß wie Taillenumfang oder Körperfettanteil bestätigt. Klinische Adipositas liegt vor, wenn zusätzlich Adipositas-assoziierte Erkrankungen wie Bluthochdruck, gestörter Fett- oder Zuckerstoffwechsel nachweisbar sind.
Ausgewertet wurden Daten der US-amerikanischen NHANES-Studie (repräsentativ für die erwachsene Bevölkerung), der EPIC-Potsdam-Kohorte sowie der TULIP-Lebensstilinterventionsstudie aus Tübingen. In NHANES erfüllten 100 Prozent der Personen mit BMI-basiertem Adipositasstatus mindestens ein weiteres anthropometrisches Kriterium zur Bestätigung. Davon wiesen 82,6 Prozent klinische Kriterien auf – der Anteil stieg mit höherem BMI, Alter und in bestimmten ethnischen Gruppen.
Personen mit klinischer Adipositas hatten im Vergleich zu Normalgewichtigen ohne klinische Kriterien ein etwa 2,8-fach erhöhtes Risiko für Herz-Kreislauf-Erkrankungen und ein 7,9-fach erhöhtes Risiko für Typ-2-Diabetes. Bei präklinischer Adipositas zeigte sich kein erhöhtes Herz-Kreislauf-Risiko, jedoch ein deutlich gesteigertes Diabetes-Risiko.
Eine neunmonatige Lebensstilintervention in der TULIP-Studie reduzierte den Anteil klinischer Adipositas von 71 auf 57 Prozent und den Anteil von Prädiabetes von 52 auf 29 Prozent. Verbesserungen zeigten sich vor allem bei Blutdruck, Triglyzeriden und Blutzuckerregulation. Der Erfolg hing unter anderem vom Alter und Leberfettgehalt ab.
Die Autoren um Erstautorin Dr. Catarina Schiborn schließen, dass eine zusätzliche anthropometrische Bestätigung der Adipositas in der Praxis bei fast allen BMI ? 30-Fällen gegeben ist und daher oft entbehrlich scheint. Zudem gelten weniger als 20 Prozent der Betroffenen als präklinisch – die meisten weisen bereits messbare gesundheitliche Folgen auf. Es bestehe eine starke Überlappung der klinischen Kriterien, was die Notwendigkeit einer umfangreichen Diagnostik zur Unterteilung in Frage stelle.
Prof. Norbert Stefan (Tübingen) hob die Bedeutung für Präventionsstrategien hervor. Die Forschenden planen Vergleiche mit etablierten Konzepten wie metabolisch gesunder versus ungesunder Adipositas. Die Studie liefert eine evidenzbasierte Grundlage zur Bewertung der neuen Lancet-Definition und unterstreicht, dass Adipositas bei den meisten Betroffenen bereits als eigenständige Erkrankung mit Behandlungsbedarf einzustufen ist.
