Die Welt der Medizin steht vor einem Durchbruch, der weit über die Krebstherapie hinausgeht. Forschende der Universität Zürich (UZH) haben eine bahnbrechende Entdeckung gemacht: Checkpoint-Inhibitoren, die bisher vor allem in der Krebsbehandlung eingesetzt wurden, könnten eine Schlüsselrolle bei der Reparatur von Gewebe spielen. Insbesondere der Inhibitor TIGIT fördert die Regeneration von Gewebe nach viralen Infektionen, was neue Perspektiven für die Behandlung von Erkrankungen wie Leberfibrose oder chronischen Wunden eröffnet. Diese Erkenntnisse, veröffentlicht am 14. Oktober 2025, werfen ein neues Licht auf die Balance zwischen Immunabwehr und Gewebeschutz und könnten die medizinische Praxis revolutionieren.
Checkpoint-Inhibitoren: Mehr als nur Krebsbekämpfer
Checkpoint-Inhibitoren sind ein zentraler Bestandteil der modernen Immuntherapie. Sie wirken wie Bremsen im Immunsystem, die verhindern, dass es überreagiert und den Körper schädigt. In der Krebstherapie werden diese Bremsen oft deaktiviert, um das Immunsystem zu entfesseln, damit es Tumorzellen effektiver angreift. Doch die Forschung zeigt, dass diese Inhibitoren weit mehr können. Nicole Joller, Professorin für Immunologie am Institut für Quantitative Biomedizin der UZH, und ihr Team haben herausgefunden, dass der Checkpoint-Inhibitor TIGIT eine entscheidende Rolle bei der Reparatur von Gewebe spielt.
Bereits frühere Studien hatten Hinweise darauf geliefert, dass TIGIT bei Mäusen, die mit einem Virus infiziert waren, Gewebeschäden reduziert. „Der Verdacht lag nahe, dass TIGIT mit der Gewebereparatur zu tun hat, aber die genauen Mechanismen waren unklar“, erklärt Joller. Ihr Team hat nun den Signalweg entschlüsselt, durch den TIGIT die Regeneration von Gewebe fördert – ein Durchbruch, der neue therapeutische Ansätze ermöglicht.
Der Versuchsaufbau: Mäuse ohne TIGIT
Um die Funktion von TIGIT zu untersuchen, führte das Team Experimente mit Mäusen durch, die mit dem Lymphozytischen Choriomeningitis-Virus (LCM) infiziert wurden. Sie verglichen zwei Gruppen: Mäuse mit intaktem TIGIT-Gen und solche, bei denen dieses Gen deaktiviert war. Die Ergebnisse waren eindeutig: Mäuse ohne TIGIT entwickelten nach der Infektion deutlich schwerere Gewebeschäden, etwa in den Wänden von Blutgefäßen oder in der Leber. Dies zeigte, dass TIGIT entscheidend ist, um solche Schäden zu verhindern.
Die Forschenden gingen einen Schritt weiter und untersuchten die Unterschiede zwischen Immunzellen mit und ohne TIGIT. Sie stellten fest, dass nur die Zellen mit TIGIT einen bestimmten Wachstumsfaktor produzierten, der für die Geweberegeneration essenziell ist. Dieser Wachstumsfaktor wird als Reaktion auf die Virusinfektion aktiviert und löst eine Kette von Reparaturprozessen aus. Weitere Analysen zeigten, dass TIGIT die Expression des Gens für diesen Wachstumsfaktor steigert, was die Heilung beschleunigt.
Ein neuer Blick auf Immunabwehr und Gewebeschutz
Die Entdeckung wirft ein neues Licht auf die Rolle von Checkpoint-Inhibitoren. „Wir haben gezeigt, dass TIGIT nicht nur das Immunsystem reguliert, sondern auch aktiv die Reparatur von Gewebe fördert“, fasst Joller zusammen. Diese Erkenntnis ist besonders relevant, da virale Infektionen wie Grippe oder COVID-19 oft schwere Schäden in Organen wie der Lunge, Leber oder den Blutgefäßen hinterlassen. Ein besseres Verständnis dieser Mechanismen könnte helfen, die Langzeitfolgen solcher Infektionen zu lindern.
Doch die Bedeutung der Ergebnisse geht weit über virale Infektionen hinaus. Die Forschenden sehen großes Potenzial für die Behandlung von Erkrankungen, die mit Gewebeschäden einhergehen. Leberfibrose, bei der sich Bindegewebe in der Leber ansammelt, oder chronische Wunden, die nur langsam oder gar nicht heilen, könnten durch die Aktivierung von TIGIT behandelt werden. „Indem wir TIGIT gezielt stimulieren, könnten wir die natürlichen Reparaturmechanismen des Körpers verstärken“, sagt Joller.
Therapeutisches Potenzial: Ein Blick in die Zukunft
Die Erkenntnisse der UZH-Forschenden eröffnen neue Perspektiven für die Medizin. Bisher wurden Checkpoint-Inhibitoren vor allem genutzt, um das Immunsystem zu aktivieren. Die neue Funktion von TIGIT zeigt jedoch, dass sie auch genutzt werden könnten, um die Regeneration zu fördern. Dies ist besonders vielversprechend für Erkrankungen, bei denen die Gewebeheilung gestört ist. Chronische Wunden, die etwa bei Diabetikern häufig vorkommen, oder Fibrosen, die Organe wie die Leber oder Lunge schädigen, könnten durch TIGIT-basierte Therapien effektiver behandelt werden.
Die Forschung steht jedoch erst am Anfang. Während die Studien an Mäusen vielversprechende Ergebnisse geliefert haben, müssen die Erkenntnisse nun auf den Menschen übertragen werden. Klinische Studien werden zeigen, ob TIGIT auch beim menschlichen Immunsystem die gleiche regenerative Wirkung entfaltet. Zudem müssen potenzielle Risiken untersucht werden, da die Aktivierung von Checkpoint-Inhibitoren das Immunsystem beeinflussen kann und Nebenwirkungen nicht ausgeschlossen sind.
Herausforderungen und Chancen
Die Entdeckung stellt die medizinische Forschung vor neue Herausforderungen. Die Komplexität der Signalwege, die TIGIT aktiviert, erfordert ein tiefes Verständnis der molekularen Mechanismen. Zudem müssen Therapien so entwickelt werden, dass sie gezielt wirken, ohne andere Immunprozesse zu stören. Dennoch überwiegen die Chancen: Die Möglichkeit, bestehende Medikamente oder Ansätze aus der Krebstherapie für neue Anwendungen zu nutzen, könnte die Entwicklung neuer Behandlungen beschleunigen.
Ein weiterer Vorteil ist, dass Checkpoint-Inhibitoren bereits in der klinischen Praxis etabliert sind. Ihre Sicherheit und Wirkung wurden in der Krebstherapie umfassend untersucht, was den Weg für neue Anwendungen ebnen könnte. Die Forschung von Joller und ihrem Team könnte somit einen schnellen Transfer in die klinische Praxis ermöglichen, was Patienten mit schweren Gewebeschäden zugutekäme.
Ein Paradigmenwechsel in der Immunologie
Die Erkenntnisse der UZH markieren einen Paradigmenwechsel in der Immunologie. Checkpoint-Inhibitoren werden nicht länger nur als Werkzeuge zur Krebsbekämpfung gesehen, sondern als vielseitige Regulatoren des Immunsystems, die auch die Gewebeheilung unterstützen können. Dies erweitert unser Verständnis der Balance zwischen Immunabwehr und Gewebeschutz und könnte die Art und Weise, wie wir virale Infektionen und chronische Erkrankungen behandeln, grundlegend verändern.
Die Arbeit des Teams zeigt, wie wichtig Grundlagenforschung ist, um neue therapeutische Wege zu erschließen. Indem sie die Mechanismen hinter TIGIT entschlüsselt haben, haben die Forschenden nicht nur eine neue Funktion von Checkpoint-Inhibitoren entdeckt, sondern auch einen Weg aufgezeigt, wie wir die natürlichen Reparaturmechanismen des Körpers gezielt stärken können. Dies könnte in Zukunft Leben retten und die Lebensqualität von Patienten mit chronischen Erkrankungen deutlich verbessern.
Fazit
Die Entdeckung der UZH-Forschenden ist ein Meilenstein in der Immunologie und Medizin. Checkpoint-Inhibitoren wie TIGIT könnten nicht nur die Krebstherapie revolutionieren, sondern auch die Behandlung von Gewebeschäden und chronischen Erkrankungen. Indem sie die Produktion von Wachstumsfaktoren fördern, die für die Gewebeheilung entscheidend sind, eröffnen sie neue Möglichkeiten für die Therapie von Leberfibrose, chronischen Wunden und anderen Erkrankungen. Während weitere Forschung notwendig ist, um diese Ansätze in die klinische Praxis zu übertragen, sind die Aussichten vielversprechend. Die Zukunft der Medizin könnte durch solche Entdeckungen geprägt werden, die die Grenzen zwischen Immunabwehr und Regeneration neu definieren.
