Zum Inhalt springen
Home » Minus-Patienten in privaten Kliniken: Vorzeitige Entlassungen gefährden Versorgung – Helios-Kliniken im Fokus

Minus-Patienten in privaten Kliniken: Vorzeitige Entlassungen gefährden Versorgung – Helios-Kliniken im Fokus

In Deutschlands privaten Kliniken, insbesondere bei Großkonzernen wie den Helios-Kliniken, werden Patienten zunehmend vorzeitig entlassen, obwohl medizinische Gründe für eine längere stationäre Behandlung vorliegen. Diese Praxis, die als „Minus-Patienten“-Phänomen bezeichnet wird, entsteht durch das starre DRG-System der Fallpauschalen, das feste Pauschalen pro Diagnose vorgibt und längere Verweildauern als kostenträchtige Verluste abstraft. Experten und Ärzte sehen darin eine direkte Folge gewinnorientierter Strukturen, die Aktionärsinteressen über Patientensicherheit stellen. Während öffentliche Kliniken ähnliche Herausforderungen bewältigen müssen, häufen sich Vorwürfe bei privaten Betreibern, wo Renditedruck durch Konzernmuttergesellschaften die Situation verschärft.

Das DRG-System, seit 2004 im Einsatz, bezahlt Kliniken pauschal je Fall, unabhängig von tatsächlichen Kosten oder Verweildauer. Die durchschnittliche Aufenthaltsdauer liegt bundesweit bei 7,2 Tagen, wobei private Kliniken mit 6,8 Tagen kürzer abschneiden als öffentliche mit 7,5 Tagen. Insgesamt wurden 2023 rund 17 Millionen stationäre Fälle abgerechnet, davon 4,1 Millionen in privaten Häusern – ein Anstieg um 12 Prozent seit 2019. Studien zeigen, dass bis zu 15 Prozent der Entlassungen in privaten Einrichtungen medizinisch fragwürdig sind, was zu Readmissions in Folgekliniken führt und den Gesamtsystemkosten um bis zu 20 Prozent steigert. Der Pflegemangel verstärkt dies: Mit 100.000 offenen Stellen fehlt es an Kapazitäten, um längere Betreuung zu gewährleisten, was private Konzerne nutzen, um Budgets einzuhalten.

Helios Endo Klinik Hamburg: 48 Stunden nach der OP keine Visite auf der gesamten Station. Trotz Komplikationen werden Patienten einfach in die Reha abgeschoben. Realer Fall. Credits: LabNews Media LLC.
Helios Endo Klinik Hamburg: 48 Stunden nach der OP keine Visite auf der gesamten Station. Trotz Komplikationen werden Patienten einfach in die Reha abgeschoben. Realer Fall. Credits: LabNews Media LLC.

Bei den Helios-Kliniken, Europas größtem privaten Betreiber mit 89 Kliniken, 28.492 Betten und 1,2 Millionen stationären Patienten jährlich, kulminieren diese Probleme. Der Konzern erzielte 2024 einen Umsatz von 7,7 Milliarden Euro und Gewinne in Höhe von 300 Millionen Euro, trotz Stellenabbau im Ärztlichen Dienst um 150 Positionen seit 2021. Vorwürfe reichen von hygienischen Mängeln in der Notaufnahme bis hin zu „blutigen Entlassungen“ – Fällen, in denen Wunden noch offen sind, aber Patienten wegen Pauschalenlimits nach Hause geschickt werden. In Oberhausen etwa wurde ein 85-jähriger Demenzkranker nach Dehydrierung nur Tage später entlassen, obwohl ambulante Nachsorge fehlte.

Kein Einzelfall. Beispiel Helios Endo Klinik Hamburg: 48 Stunden nach der OP gab es keine Visite auf der gesamten Station. Trotz Komplikationen werden Patienten einfach in die Reha abgeschoben. Eine Patientin sah erst 60 Stunden nach der OP zum ersten Mal einen Arzt.

Während der gesamten Liegezeit wurde zudem kein einziges Mal der Bettbezug gewechselt – Flecken im Laken waren deutlich zu sehen.

Ähnliche Berichte aus Kassel und Rottweil sprechen von suboptimierter Versorgung und Ablehnung von Aufnahmen, um „verlustbringende“ Fälle zu vermeiden.

Hintergrund ist die zunehmende Privatisierung: Seit 1991 sank der Anteil öffentlicher Kliniken von 46 auf 29 Prozent, während private auf 38,5 Prozent kletterten. Helios, als Marktführer mit 20 Prozent Marktanteil, profitiert von Expansion durch Übernahmen, wie 2014 die Amperkliniken, doch Kritik an Überlastung und Kostendruck wächst. Gewerkschaften wie ver.di melden, dass Pflegekräfte nun Betten reinigen müssen, da Service-Mitarbeiter entlassen wurden – in Schwerin betrafen Kündigungen 2024 50 Stellen. Eine Studie der Marburger Bund warnt, dass das System „Unterbesetzung belohnt und gute Versorgung bestraft“, mit privaten Kliniken, die 7,6 Prozent Rendite anstreben, im Gegensatz zu öffentlichen mit Fokus auf Qualität. Experten fordern eine Reform der Pauschalen, um Längenverweildauern zu honorieren, und mehr Transparenz bei Konzernen wie Helios, wo Divi-Gate-Vorwürfe zu Intensivbetten-Förderungen 2021 bis 2023 Betrug andeuten.

Die Konsequenzen sind gravierend: Readmissions steigen um 18 Prozent in privaten Fällen, und Patientenrisiken wie Komplikationen nach Entlassung nehmen zu. Während Helios Investitionen in Digitalisierung ankündigt, bleibt die Kernfrage: Wie lange können Renditeziele die medizinische Notwendigkeit ignorieren?


Haben auch Sie derartige Situationen erlebt? Schreiben Sie uns: unit1@labnews.io

Quellen:

  • https://www.derwesten.de/staedte/oberhausen/aerzte-werfen-oberhausener-kliniken-profitgier-vor-id7797745.html
  • https://www.sueddeutsche.de/gesundheit/fallpauschalen-klinik-patienten-versorgung-pflegekraefte-1.5112052
  • https://www.mydrg.de/s/Helios
  • https://www.hna.de/kassel/sich-die-leute-sind-voellig-ueberlastet-beschwerden-ueber-helios-kliniken-in-kassel-haeuen-92637236.html
  • https://www.marburger-bund.de/epaper/Zahlen-Daten-Fakten/
  • https://www.destatis.de/DE/Themen/Gesellschaft-Umwelt/Gesundheit/Krankenhaeuser/Tabellen/entlassene-patienten-eckdaten.html
  • https://de.wikipedia.org/wiki/Helios_Kliniken
  • https://www.aerzteblatt.de/nachrichten/124107/Streichung-aerztlicher-Stellen-bei-Helios-Andere-Traeger-planen-keinen-Stellenabbau
  • https://www.ndr.de/nachrichten/mecklenburg-vorpommern/westmecklenburg/Helios-Kliniken-entlassen-Service-Mitarbeiter,mvregioschwerin1784.html
  • https://www.gesundheitsmarkt.de/anzahl-und-statistik-kliniken-in-deutschland/

Die Kommentare sind geschlossen.