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Massive Verstöße bei Arbeitszeiterfassung an Universitätskliniken

Marburger Bund spricht von „Manipulation mit System“


Berlin, 26. Juni 2025 – Eine bundesweite Umfrage des Marburger Bundes enthüllt gravierende Missstände bei der Arbeitszeiterfassung an deutschen Universitätskliniken. Laut der Ärztegewerkschaft verstößt die Mehrheit der Kliniken gegen den Tarifvertrag TV-Ärzte, der eine manipulationssichere, elektronische Zeiterfassung vorschreibt. Die Ergebnisse, basierend auf einer Befragung von rund 3.500 Ärztinnen und Ärzten, zeichnen ein alarmierendes Bild von nicht erfassten Überstunden, fehlendem Arbeitsschutz und einer systematischen Missachtung vertraglicher Pflichten.

Umfrageergebnisse: Nur 17 Prozent mit tarifkonformer Zeiterfassung

Die Umfrage, durchgeführt zwischen dem 31. März und 23. April 2025, befragte Ärztinnen und Ärzte an den etwa 20.000 Beschäftigten umfassenden tarifgebundenen Universitätskliniken. Die Kliniken in Hamburg, Berlin, Mainz und Hessen fallen nicht unter den Geltungsbereich des TV-Ärzte, da dort andere Regelungen gelten. Auf die Frage „Wie wird Ihre Arbeitszeit aktuell erfasst?“ gaben nur 17 Prozent an, dass ihre Arbeitszeit elektronisch und manipulationsfrei, etwa über Zeiterfassungsterminals, dokumentiert wird. Dagegen nutzen 62 Prozent lediglich digitale Dienstplanprogramme, die oft nur Soll-Arbeitszeiten erfassen, 17 Prozent dokumentieren manuell (z. B. handschriftlich oder in Excel), und bei 4,3 Prozent findet überhaupt keine Zeiterfassung statt.

Unbezahlte Überstunden und Genehmigungspraxis

Ein zentraler Kritikpunkt ist die Nichtanerkennung von Überstunden. Drei Viertel der Befragten müssen Arbeitsstunden, die über die geplante Zeit hinausgehen, von Vorgesetzten genehmigen lassen – oft ohne Erfolg. Rund 60 Prozent berichten, dass wöchentlich bis zu zehn Arbeitsstunden nicht erfasst werden, jeder Zehnte gibt sogar an, dass über zehn Stunden pro Woche unberücksichtigt bleiben. Hochgerechnet entspricht dies bis zu 500 unbezahlten Stunden pro Jahr. „Pro Woche werden Zehntausende von Überstunden nicht anerkannt und nicht bezahlt“, betont Dr. Susanne Johna, 1. Vorsitzende des Marburger Bundes. „Das ist ein Skandal.“

Systematische Verstöße und gesundheitliche Risiken

Die fehlende manipulationssichere Zeiterfassung führt laut Marburger Bund zu schwerwiegenden Konsequenzen. „Es geht um Arbeitszeit, die unsichtbar gemacht wird, um Arbeitsschutz, der auf dem Papier steht, aber in der Realität unbeachtet bleibt“, sagt Johna. Ohne korrekte Dokumentation überschreiten viele Ärztinnen und Ärzte regelmäßig die gesetzlichen Höchstarbeitszeitgrenzen, da sie sich ihren Patienten verpflichtet fühlen. Dies gefährdet nicht nur ihre Gesundheit, sondern auch die Patientensicherheit. Dr. Andreas Botzlar, 2. Vorsitzender des Marburger Bundes, ergänzt: „Eine transparente, elektronische Zeiterfassung ist kein Verwaltungsdetail, sondern aktiver Gesundheitsschutz.“

Die Umfrage zeigt zudem, dass 48 Prozent der Befragten Überstunden von Vorgesetzten genehmigen lassen müssen, während 28 Prozent spüren, dass solche Stunden gar nicht erst eingetragen werden sollen. Nur 25 Prozent können Überstunden ohne nachträgliche Genehmigung dokumentieren. Diese Praxis wird von vielen Medizinerinnen und Medizinern als Geringschätzung ihrer Arbeit empfunden.

Tarifvertrag und rechtliche Grundlage

Der Tarifvertrag TV-Ärzte, im März 2024 zwischen dem Marburger Bund und der Tarifgemeinschaft deutscher Länder (TdL) geschlossen, verpflichtet seit dem 1. Januar 2025 zur elektronischen, manipulationsfreien Erfassung der gesamten Anwesenheitszeit – abzüglich tatsächlich genommener Pausen. Diese Regelung greift ein Urteil des Europäischen Gerichtshofs auf und soll sicherstellen, dass Arbeitszeiten nicht nur aus Arbeitsschutzgründen, sondern auch zur korrekten Vergütung dokumentiert werden. Dennoch zeigt die Umfrage, dass die Umsetzung in den meisten Kliniken ausbleibt, obwohl seit Vertragsabschluss ausreichend Zeit für technische Anpassungen war.

Regionale Unterschiede und besonders betroffene Kliniken

Die Situation variiert regional. In Bayern liegt der Anteil der manipulationsfreien Zeiterfassung mit etwa einem Drittel über dem Bundesschnitt, wobei Kliniken in Erlangen, Augsburg und Regensburg mit bis zu 91 Prozent deutlich besser abschneiden. Dagegen berichten an der LMU München, TU München und in Würzburg nur zwei bis unter zehn Prozent von einer korrekten Zeiterfassung. In Niedersachsen ist die Lage besonders kritisch: An der Medizinischen Hochschule Hannover (MHH) und der Universitätsmedizin Göttingen (UMG) geben nur jeweils zwei Prozent der Ärztinnen und Ärzte an, dass eine manipulationsfreie Zeiterfassung existiert.

In Baden-Württemberg klagen Beschäftigte an den Unikliniken Heidelberg, Freiburg, Tübingen und Ulm über ähnliche Probleme. Dort wurden laut einer früheren Umfrage wöchentlich bis zu zehn Stunden nicht erfasst, teilweise unter Druck, Überstunden nicht zu dokumentieren.

Forderungen und geplante Maßnahmen

Der Marburger Bund spricht von einer „Manipulation mit System“ und plant, gegen die Verstöße vorzugehen. „Verträge sind einzuhalten!“, betont Johna. Die Gewerkschaft hat eine Kampagne gestartet, um die Öffentlichkeit auf die Missstände aufmerksam zu machen, und droht mit rechtlichen Schritten. Botzlar kritisiert, dass besonders die Länder als Arbeitgeber, die selbst Gesetze machen, ihre eigenen Regeln missachten. „Das ist der eigentliche Skandal“, sagt er. Die Kampagne soll auch Druck aufbauen, um die Arbeitszeitreduzierung von 42 auf 40 Wochenstunden ab 2026, wie im Tarifvertrag vorgesehen, erfolgreich umzusetzen.

Die Gewerkschaft fordert die Kliniken auf, umgehend manipulationsfreie Zeiterfassungssysteme einzuführen, wie sie etwa für Pflegekräfte oft bereits existieren. Zudem schlägt sie Maßnahmen wie eine bessere Ausstattung von Stationssekretariaten vor, um Ärztinnen und Ärzte von Verwaltungsaufgaben zu entlasten, die die Arbeitszeitverdichtung verschärfen.

Hintergrund und Kontext

Die Missstände sind nicht neu. Schon in früheren Umfragen, etwa in Bayern zwischen Dezember 2024 und Januar 2025, wies der Marburger Bund auf ähnliche Probleme hin. Besonders gravierend waren damals Verstöße an der LMU München, TU München und in Würzburg. Kontrollen hatten bereits Mängel erkannt, und es wurden sechsstellige Bußgelder verhängt. Dennoch bleibt die Umsetzung schleppend.

Die fehlende Zeiterfassung steht im Kontext von Personalmangel und steigenden Verwaltungsaufgaben, die Ärztinnen und Ärzte zusätzlich belasten. Der Marburger Bund sieht darin nicht nur einen Verstoß gegen Tarifrecht, sondern auch eine Bedrohung für die Motivation und Gesundheit der Beschäftigten sowie die Qualität der Patientenversorgung.

Fazit

Die Umfrage des Marburger Bundes zeigt, dass die Arbeitszeiterfassung an Universitätskliniken weit von den tarifvertraglichen Vorgaben entfernt ist. Unbezahlte Überstunden, fehlender Arbeitsschutz und systematische Verstöße prägen die Realität für viele Ärztinnen und Ärzte. Die Gewerkschaft fordert Konsequenzen und setzt auf öffentlichen Druck sowie rechtliche Schritte, um die Einhaltung des Tarifvertrags durchzusetzen. Ohne eine flächendeckende Einführung manipulationsfreier Zeiterfassung drohen langfristig nicht nur gesundheitliche Schäden für das Personal, sondern auch ein Vertrauensverlust in die Arbeitsbedingungen an Universitätskliniken.

Quellen: Marburger Bund, Deutsches Ärzteblatt, BR24