Lieferkettenrisiken: Helium-Engpass Spitze des Eisbergs
Die Sperrung der Straße von Hormuz und die Beschädigung katarischer Produktionsanlagen haben nicht nur einen gravierenden Helium-Mangel ausgelöst, der die Chip-Fertigung und das KI-Training bedroht. Sie legen ein ganzes Netz ähnlicher Verwundbarkeiten in den globalen Lieferketten für Halbleiter und KI-Infrastruktur offen. Experten warnen: Der aktuelle Konflikt verstärkt bereits bestehende Risiken bei anderen kritischen Gasen, Metallen und Chemikalien – mit potenziell vergleichbaren oder sogar schwerwiegenderen Folgen für die Produktion von GPUs, High-Bandwidth-Memory (HBM) und gesamten KI-Clustern.
Viele dieser Stoffe sind wie Helium „unsichtbare“ Engpässe: Sie werden in winzigen Mengen benötigt, haben aber keine einfachen Substitute und sind hochgradig konzentriert in geopolitisch sensiblen Regionen. Die Hormuz-Krise wirkt hier als Katalysator – durch direkte Produktionsausfälle, blockierte Schifffahrtsrouten und steigende Energie- sowie Logistikkosten.
1. Neon, Krypton und Xenon: Die „Brüder“ des Heliums in der Lithographie
Neon ist für die Deep-Ultraviolet (DUV)-Lithographie unverzichtbar – ein Puffer-Gas in Excimer-Lasern, mit denen Schaltkreise auf Wafern geätzt werden. Vor dem Russland-Ukraine-Krieg stammten bis zu 50–70 % des weltweiten (und über 90 % des semiconductor-grade) Neons aus der Ukraine. Die damalige Krise ließ Preise zeitweise um 600 % steigen. Obwohl die Industrie seither Recycling verbessert und alternative Quellen aufgebaut hat, bleibt die Versorgung fragil.
Krypton und Xenon ergänzen Neon in manchen Prozessen und sind ebenfalls von regionalen Konzentrationen abhängig. Die Hormuz-Blockade selbst trifft diese Gase weniger direkt, aber steigende Energiepreise und Logistikstörungen verteuern die gesamte Edelgas-Produktion und den Transport. Bei einer Verschärfung der Lage könnten Chip-Hersteller wie TSMC oder Samsung gezwungen sein, ältere Prozesse zu priorisieren oder Yield-Verluste hinzunehmen – genau wie beim Helium.
2. Schwefel und Brom: Chemische Grundstoffe unter Druck
Die Straße von Hormuz ist ein zentraler Korridor für Schwefel-Exporte (als Nebenprodukt der Öl- und Gasverarbeitung). Schwefel dient in der Halbleiterindustrie als Reagenz bei der Metallverarbeitung und in bestimmten Reinigungs- sowie Ätzprozessen. Eine anhaltende Blockade könnte die Verfügbarkeit einschränken und Kosten in die Höhe treiben.
Brom, das vor allem für Leiterplatten und Flammschutzmittel verwendet wird, ist ein weiteres Risiko: Südkorea bezieht rund 90 % seiner Brom-Importe aus Israel – einem Land, das im aktuellen Konflikt involviert ist. Störungen dort würden die Produktion von Platinen und Gehäusen für Server und KI-Hardware belasten.
3. Aluminium und weitere Metalle: Strukturelle Komponenten für Rechenzentren
Mittlerer Osten (außer China) liefert etwa 22 % des globalen Aluminiums. Das Leichtmetall ist essenziell für Server-Gehäuse, Kühlkörper, Heat-Exchanger und Gehäuse von KI-Clustern. Die Hormuz-Krise treibt bereits Aluminium-Preise nach oben und erschwert den Bau neuer Rechenzentren – ein kritischer Faktor beim Ausbau der KI-Infrastruktur.
Ähnliche Risiken bestehen bei anderen Metallen wie Kupfer (für Verkabelung und Kühlung) oder Tantal, die teilweise aus konfliktanfälligen Regionen stammen.
4. Kritische Mineralien und Seltene Erden: Die geopolitische Abhängigkeit von China
Während die Hormuz-Krise vor allem den Nahen Osten betrifft, drohen parallele Risiken aus anderer Richtung: China dominiert die Gewinnung und Verarbeitung vieler kritischer Mineralien, die für KI-Chips unverzichtbar sind.
- Gallium und Germanium: China kontrolliert über 90–99 % der Raffination. Diese Metalle werden für Gallium-Arsenid-Halbleiter und Germanium-basierte Optoelektronik (z. B. in Glasfasern für Rechenzentren) benötigt. Exportbeschränkungen Chinas (bereits 2023 eingeführt und erweitert) könnten die KI-Chip-Produktion massiv treffen.
- Seltene Erden: Für Permanentmagnete in Motoren, Sensoren und teilweise in der Fertigungsausrüstung. China hält etwa 60 % der Bergbau- und 90 % der Verarbeitungskapazität.
- Weitere Stoffe wie Indium, Palladium oder Tantal: Hohe Konzentrationen in wenigen Ländern machen die Supply Chain anfällig für Exportkontrollen oder geopolitische Spannungen.
Der KI-Boom verstärkt diese Abhängigkeiten: Ein einzelnes großes Trainings-Modell benötigt Tausende GPUs mit gallium- und germaniumhaltigen Komponenten, während Rechenzentren enorme Mengen an Kupfer und seltenen Erden für Infrastruktur erfordern.
5. Energie und Logistik: Der versteckte Multiplikator
Taiwan (Heimat von TSMC) bezieht etwa ein Drittel seines Stroms aus fossilen Brennstoffen, die teilweise über den Nahen Osten laufen. Steigende LNG- und Ölpreise durch die Hormuz-Blockade erhöhen die Produktionskosten in den Fabs erheblich. Gleichzeitig führen Umleitungen um das Kap der Guten Hoffnung zu längeren Transportzeiten und höheren Kosten für alle Chemikalien und Vorprodukte.
Zeitlicher Verlauf und mögliche Folgen
- Kurzfristig: Viele Hersteller haben Pufferlager und priorisieren KI-Chips (hohe Margen). Helium- und Parallelengpässe zeigen erste Effekte in Asien.
- Mittelfristig (4–12 Wochen): Sinkende Yields, höhere Kosten und Verzögerungen bei HBM, GPUs und Server-Hardware. Kleinere Projekte oder Consumer-Chips könnten zurückgestellt werden.
- Längerfristig: Strukturelle Bremsung des KI-Ausbaus, wenn keine Diversifikation gelingt. Experten sehen hier ein Muster: Wie beim Neon-Schock 2022 oder früheren Helium-Krisen passen sich Märkte an – aber mit Zeitverzug und Preissprüngen.
Fazit: Fragilität als neuer Normalzustand
Der Helium-Engpass durch die Hormuz-Krise ist kein isoliertes Ereignis, sondern Symptom einer tieferen Verwundbarkeit: Zu hohe geografische Konzentration kritischer Inputs, geringe Substitutionsmöglichkeiten und wachsende Nachfrage durch KI. Ähnliche Risiken bei Edelgasen (Neon etc.), Chemikalien (Schwefel, Brom), Metallen (Aluminium) und kritischen Mineralien (Gallium, Germanium, Seltene Erden) zeigen, dass die globale Chip- und KI-Industrie von mehreren „unsichtbaren Nadelöhren“ abhängt.
Die Industrie reagiert mit verstärktem Recycling, Diversifikation und strategischen Reserven – doch echte Resilienz erfordert langfristige Investitionen in alternative Quellen und weniger abhängige Prozesse. Solange Konflikte wie in Hormuz oder geopolitische Spannungen mit China andauern, bleiben Lieferkettenrisiken ein ständiger Schatten über dem KI-Fortschritt.
Branchenvertreter und Regierungen beobachten die Lage intensiv. Für KI-Entwickler und Hardware-Nutzer bedeutet das: Erhöhte Vorsicht bei Zeitplänen und Kostenprognosen in den kommenden Monaten.
(Quellen: Berichte von Reuters, The New York Times, Bloomberg, Tom’s Hardware, CSIS sowie Aussagen von Branchenexperten; Stand: 29. März 2026)
