Die anstehende Übernahme des Labormedizin-Riesen LADR durch den australischen Giganten Sonic Healthcare wirft eine Frage auf: Wo bleiben die Kartellwächter der Bundesrepublik Deutschland?
Die Konzentration in der deutschen Labormedizin schreitet unbehelligt voran
Tatsächlich befindet sich der Labormedizin Markt in Deutschland sich in einem tiefgreifenden Strukturwandel. Kleine, unabhängige Labore verschwinden zunehmend, während große Konzerne den Markt dominieren. Diese Entwicklung hat weitreichende Folgen für die medizinische Versorgung und wirft wettbewerbsrechtliche Fragen auf.
Aktuell sind in Deutschland 1.105 aktive Fachärzte für Labormedizin registriert[1]. Doch hinter dieser Zahl verbirgt sich eine zunehmende Marktkonzentration. Kleine Labore haben es immer schwerer, gegen die Marktmacht der großen Konzerne zu bestehen. Gründe dafür sind vor allem der hohe Kostendruck und die Notwendigkeit teurer Investitionen in moderne Analysegeräte.
Zu den größten Playern auf dem deutschen Labormarkt gehören internationale Konzerne wie Sonic Healthcare aus Australien sowie die deutschen Unternehmen Limbach Gruppe und LADR Dr. Kramer & Kollegen. Sonic Healthcare konnte durch zahlreiche Übernahmen in den letzten Jahren seine Marktposition hierzulande deutlich ausbauen – und schluckt für 447 Mio. Euro im kommenden Jahr auch LADR (wir berichteten).
Besonders pikant: Über den Vorstand der im Deutschen Bundestag akkreditierten Verein „Akkreditierten Labore in Deutschland“( ALM ) , in dem Mitglieder von Sonic Healthcare und LADR sitzen, übt der Konzern einen Einfluss auf die Gesundheitspolitik aus. Denn die Lobbygruppe darf im Rahmen der Anhörungen zu anstehenden Gesetzen im Bereich der Labormedizin offiziell Stellungnahmen abgeben.
Bereits während der Corona-Pandemie fiel der ALM den Rechercheteams von SZ, Tagesschau und WAZ auf. Damals ging es um überteuerte Tests. Die Verflechtungen zum RKI als Bundesbehörde lassen sich noch heute nachzeichnen.
Die Limbach Gruppe – ebenfalls mit einem Vertreter im Vorstand der ALM vertreten – betreibt mittlerweile über 30 Standorte in Deutschland. LADR schließlich ist mit rund 400 Ärzten und 4000 Mitarbeitern einer der führenden Labordienstleister und demnächst Teil von Sonic Healthcare.
Diese Konzentration wirft zunehmend wettbewerbsrechtliche Fragen auf. Denn das Bundeskartellamt müsste prüfen, ob durch die Marktmacht einzelner Konzerne der Wettbewerb behindert wird. Bislang gab es jedoch keine größeren Interventionen der Behörde im Laborsektor.
Dabei zeigen die Zahlen eine bedenkliche Entwicklung: Der Anteil der Ausgaben für Laborleistungen an den Gesamtausgaben im Gesundheitswesen liegt zwar konstant bei 2,5% bis 2,9%[1]. Doch immer mehr dieser Ausgaben fließen an wenige große Anbieter. Kleine Labore können oft nicht mehr kostendeckend arbeiten.
Die Konzentration hat auch Auswirkungen auf die flächendeckende Versorgung. Zwar gibt es laut Kassenärztlicher Bundesvereinigung in allen Planungsbereichen eine ausreichende Abdeckung mit Laborärzten[4]. Doch viele davon sind mittlerweile bei großen Konzernen angestellt. Unabhängige Labore in der Fläche verschwinden.
Befürworter der Konzentration argumentieren mit Effizienzgewinnen und Kostenvorteilen. Tatsächlich liegt der Anteil der Laborkosten an den Gesamtausgaben im Gesundheitswesen in Deutschland mit rund 2,7% im internationalen Vergleich niedrig[4]. Große Laborketten können durch Skaleneffekte günstiger produzieren. In erster Linie aber geht es um die eigene Rendite. Und die Gewinne von Sonic Healthcare, LADR oder Limbach können sich sehen lassen.
So schreibt das Fachblatt Investors in Healthcare:
„Der Umsatz mit medizinischen Laboren macht über 80 % des Konzernumsatzes und über 90 % des Gewinns von LADR aus. Der restliche Konzernumsatz stammt aus einem Geschäft für den Handel mit medizinischem Bedarf und Logistikdienstleistungen sowie einer Abteilung für klinische Dienstleistungen in Norddeutschland, die sich hauptsächlich auf die Gesundheit von Frauen konzentriert. Im Jahr 2024 wird der Umsatz von LADR bei rund 370 Mio. € liegen, wobei das EBITDA bei rund 50 Mio. € liegt, was auf ein Vielfaches von etwa 8,5x hindeutet“.
Bei Yahoo Finance heißt es zur Übernahme:
„Dieser strategische Schritt dürfte sich unmittelbar positiv auf den Gewinn je Aktie auswirken, und innerhalb von drei Jahren ist mit einer deutlichen Wertsteigerung und Kapitalrendite zu rechnen“.
Das unerklärliche Wegsehen des Kartellamts
Kritiker sehen daher die Gefahr einer Monopolbildung und warnen vor negativen Folgen für Qualität und Innovation. Auch der direkte Kontakt zwischen Laborärzten und behandelnden Medizinern könnte leiden. Zudem besteht die Sorge, dass renditeorientierte Konzerne verstärkt auf lukrative Analysen setzen und weniger profitable Leistungen vernachlässigen.
Das Bundeskartellamt müsste daher genau prüfen, ob die Marktkonzentration bereits ein bedenkliches Ausmaß erreicht hat. Mögliche Ansatzpunkte wären eine genaue Untersuchung der Marktanteile sowie der Auswirkungen von Übernahmen auf den Wettbewerb. Auch die Preisgestaltung und mögliche Verdrängungsstrategien gegenüber kleineren Wettbewerbern sollten unter die Lupe genommen werden.
Bislang hat das Kartellamt jedoch noch keine größeren Verfahren im Laborsektor eingeleitet. Dies könnte sich ändern, wenn die Konzentration weiter zunimmt. Erfahrungen aus anderen Branchen zeigen, dass die Behörde durchaus bereit ist, auch gegen große Konzerne vorzugehen und Fusionen zu untersagen.
Dabei könnte die Behörde auf Berichte der NASDAQ zugreifen, um such zu informieren.
Für die Zukunft der Labormedizin in Deutschland wird indes entscheidend sein, ob es gelingt, trotz Konzentration einen funktionierenden Wettbewerb und eine flächendeckende Versorgung zu erhalten. Dafür braucht es möglicherweise neue regulatorische Ansätze. Eine Option wären Vorgaben zur regionalen Verteilung von Laborstandorten. Auch eine stärkere Förderung kleiner, unabhängiger Labore könnte helfen, die Vielfalt zu erhalten.
Die weitere Entwicklung wird genau zu beobachten sein. Klar ist: Der Strukturwandel in der Labormedizin wird sich fortsetzen. Es liegt an Politik und Kartellbehörden, dafür zu sorgen, dass dabei die Interessen der Patienten und eine qualitativ hochwertige Versorgung im Mittelpunkt stehen.
Quellen:
[1] [PDF] Labormarkt – Quo vadis? – Markthistorie https://www.aktiva-gesundheitswesen.de/fileadmin/user_upload/publikationen/aktiva_GmbH_Labormarkt_quo_vadis_Oktober_2020.pdf
[2] Sechs deutsche Brauereien unter den weltweiten Top 40 | – BarthHaas https://www.barthhaas.com/de/unternehmen/news/news-artikel/bh/sechs-deutsche-brauereien-unter-den-weltweiten-top-40
[3] Fusionskontrolle – Bundeskartellamt https://www.bundeskartellamt.de/DE/Fusionskontrolle/fusionskontrolle_node.html
[4] Statistische Strukturdaten zur medizinischen Labordiagnostik in … https://www.egms.de/static/en/journals/lab/2022-13/lab000045.shtml
[5] Top 40 Brauereien: Sechs deutsche spielen ganz oben mit | https://www.barthhaas.com/de/unternehmen/news/news-artikel/bh/top-40-brauereien-sechs-deutsche-spielen-ganz-oben-mit
[6] Fallbeispiele – Bundeskartellamt https://www.bundeskartellamt.de/DE/Infothek_Service/Schule_Lernen/Fallbeispiele/fallbeispiele_node.html
[7] Labormedizin: Konzentration und Preisdruck – Ärzte Zeitung https://www.aerztezeitung.de/Wirtschaft/Labormedizin-Konzentration-und-Preisdruck-289685.html
[8] Die Top 10 größten Brauereien in Deutschland – Kraftbier0711 https://kraftbier0711.de/die-top-10-groessten-brauereien-in-deutschland/
[9] [PDF] Krankenhaus-Report 2015 – Wissenschaftliches Institut der AOK https://www.wido.de/fileadmin/Dateien/Dokumente/Publikationen_Produkte/Buchreihen/Krankenhausreport/2015/Kapitel%20mit%20Deckblatt/wido_khr2015_gesamt.pdf

