In der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts, genauer gesagt ab 1881, schrieb ein Bärenpavian namens Jack in Südafrika Geschichte: Er wurde offiziell als Mitarbeiter der Cape Government Railways angestellt und arbeitete neun Jahre lang fehlerfrei als Signalgeber an der Bahnstrecke zwischen Kapstadt und Port Elizabeth. Diese außergewöhnliche Geschichte, die sich im kleinen Städtchen Uitenhage abspielte, zeigt nicht nur die bemerkenswerte Intelligenz von Pavianen, sondern auch die ungewöhnliche Zusammenarbeit zwischen Mensch und Tier in einer Zeit, in der technische Innovationen und menschliche Anpassungsfähigkeit gefragt waren.

Die Geschichte von Jack und James Wide
James Edwin Wide, bekannt unter dem Spitznamen „Jumper“, war ein Streckenwärter der Cape Government Railways. Wide erwarb sich seinen Spitznamen durch seine Fähigkeit, zwischen fahrenden Eisenbahnwaggons hin- und herzuspringen. Doch 1877 ereilte ihn ein tragisches Schicksal: Bei einem Arbeitsunfall fiel er unter einen Zug, was zur Amputation beider Beine unterhalb der Knie führte. Trotz dieser schweren Behinderung gab Wide nicht auf. Er bastelte sich Prothesen aus Holz und überzeugte seine Vorgesetzten, ihm eine neue Aufgabe als Signalgeber zu übertragen. In dieser Funktion war er für das Bedienen der Signalhebel verantwortlich, die die Weichenstellung für ankommende Züge steuerten, um Kollisionen zu verhindern.
1881, auf dem belebten Markt von Uitenhage, beobachtete Wide einen Bärenpavian (Papio ursinus), der einen Ochsenkarren lenkte – ein Anblick, der seine Neugier weckte. Der Pavian, später Jack genannt, zeigte eine bemerkenswerte Geschicklichkeit und Intelligenz. Wide überzeugte den Besitzer, ihm das Tier zu verkaufen, in der Hoffnung, dass Jack ihm bei seiner Arbeit und im Alltag helfen könnte. Der Besitzer riet Wide, Jack abends etwas Kap-Brandy zu geben, um seine Kooperationsbereitschaft zu sichern – ein Detail, das die kuriose Natur dieser Geschichte unterstreicht.
Jack und Wide entwickelten schnell eine enge Beziehung. Der Pavian schob Wides Rollstuhl die halbe Meile vom Bahnhof zu ihrem gemeinsamen Cottage und übernahm nach und nach komplexere Aufgaben. Wide brachte Jack bei, die Signalhebel zu bedienen, indem er auf die Pfiffe der Lokomotivführer achtete. Ein bestimmtes Pfeifmuster signalisierte, welcher Hebel gezogen werden musste, um die Weichen korrekt zu stellen. Jack lernte, diese Signale präzise zu erkennen und die Hebel eigenständig zu betätigen. Nach anfänglicher Skepsis seitens der Eisenbahngesellschaft wurde Jack 1881 offiziell angestellt – mit einem Gehalt von 20 Cent pro Tag und einer wöchentlichen Ration von einer halben Flasche Bier.
Jacks makellose Karriere und Vermächtnis
Jack arbeitete neun Jahre lang, bis zu seinem Tod im Jahr 1890, und machte in dieser Zeit keinen einzigen Fehler. Seine Arbeit war so zuverlässig, dass der Bahnhof von Uitenhage sogar zu einer Touristenattraktion wurde, da Reisende die ungewöhnliche Zusammenarbeit zwischen dem behinderten Signalgeber und seinem tierischen Assistenten sehen wollten. Die Geschichte nahm jedoch eine dramatische Wendung, als eine einflussreiche Passagierin den Anblick eines Pavians an den Signalhebeln als skandalös empfand und sich bei der Eisenbahnbehörde beschwerte. Die Behörde schickte einen Manager, um Wide und Jack zu entlassen. Doch Wide bat um eine Demonstration von Jacks Fähigkeiten. Der Manager ließ einen Lokomotivführer pfeifen, und Jack führte die korrekte Signaländerung fehlerfrei aus. Beeindruckt stellte die Eisenbahngesellschaft Jack wieder ein und bestätigte seine Position als „Flaggmann“.
Jack starb 1890 an Tuberkulose. Sein Schädel ist heute im Albany Museum in Makhanda ausgestellt, und Fotografien von ihm sind im ehemaligen Bahnhof von Uitenhage zu sehen. Seine Geschichte bleibt ein faszinierendes Zeugnis menschlicher Resilienz, tierischer Intelligenz und einer ungewöhnlichen Partnerschaft, die die Grenzen des Möglichen sprengte.
Hintergrund: Die Intelligenz von Pavianen
Die Geschichte von Jack wirft ein Schlaglicht auf die bemerkenswerte Intelligenz von Pavianen, insbesondere der Bärenpaviane (Papio ursinus), die in Südafrika heimisch sind. Bärenpaviane sind die größte und schwerste Pavianart, mit einer Kopfrumpflänge von bis zu 115 cm und einem Gewicht von 15 bis 31 kg. Sie leben in komplexen sozialen Gruppen, die von 5 bis über 100 Individuen reichen können, und zeigen ein ausgeprägtes Gruppenverhalten mit klaren Hierarchien, Kommunikation durch Laute, Gesten und Gesichtsausdrücke sowie kollektiver Nahrungssuche und Verteidigung.
Paviane sind Allesfresser, die sich an eine Vielzahl von Lebensräumen angepasst haben, von Savannen bis zu bergigen Regionen. Ihre Ernährung umfasst Früchte, Blätter, Insekten, Samen und gelegentlich kleinere Wirbeltiere, was ihre Anpassungsfähigkeit unterstreicht. Diese Flexibilität ist ein Indikator ihrer kognitiven Fähigkeiten, da sie komplexe Entscheidungen über Nahrungsquellen und Gefahren treffen müssen.
Primatenforscher wie Julia Fischer vom Deutschen Primatenzentrum betonen, dass Paviane eine hohe soziale Intelligenz besitzen. Sie sind in der Lage, Geräusche und visuelle Signale zu erkennen und zuzuordnen, wie Jack es bei den Pfeifsignalen der Züge tat. Ihre menschenähnlichen Hände ermöglichen präzise Manipulationen, etwa das Bedienen von Hebeln oder das Lenken eines Ochsenkarrens, wie Wide es ursprünglich beobachtete. In Namibia wurden Paviane sogar als Ziegenhirten eingesetzt, was ihre Fähigkeit unterstreicht, komplexe Aufgaben durch Training zu erlernen.
Die kognitive Leistungsfähigkeit von Pavianen wird auch durch ihre Fähigkeit zur Problemlösung und zum Lernen durch Beobachtung gestützt. Jacks Erfolg beruhte auf seiner Fähigkeit, die Bedeutung von Pfeifmustern zu verinnerlichen und präzise darauf zu reagieren – eine Leistung, die mit der Dressur von Hunden vergleichbar ist, jedoch durch die anatomischen Vorteile der Paviane (wie ihre Hände) erweitert wird. Diese Intelligenz hat auch eine Schattenseite: Paviane gelten in Südafrika oft als Ernteschädlinge, da sie Plantagen verwüsten und sich durch ihre Anpassungsfähigkeit in menschliche Siedlungen wagen, was zu Konflikten führt.
Fazit
Die Geschichte von Jack dem Pavian ist mehr als eine kuriose Anekdote; sie ist ein Beweis für die außergewöhnliche Intelligenz und Anpassungsfähigkeit von Bärenpavianen sowie für die menschliche Fähigkeit, in schwierigen Zeiten kreative Lösungen zu finden. James Wide und Jack bildeten ein einzigartiges Team, das die Eisenbahngeschichte Südafrikas prägte und bis heute in Erinnerung bleibt. Jacks Fähigkeit, komplexe Aufgaben zu bewältigen, spiegelt die kognitiven und sozialen Fähigkeiten wider, die Paviane zu einer der faszinierendsten Primatenarten Afrikas machen.

