Bad Homburg – Adipositas wird als chronische Erkrankung anerkannt, doch im Alltag des deutschen Gesundheitswesens stoßen Betroffene weiterhin auf Vorurteile und strukturelle Barrieren. Mit dem Launch der Initiative #gutbehandelt fordern Mediziner, Patientenvertreter und Experten einen grundlegenden Perspektivwechsel. Ziel ist es, das Schweigen über die Erkrankung zu brechen, Stigmatisierung abzubauen und eine angemessene medizinische Behandlung zu ermöglichen.
Die Weltgesundheitsorganisation (WHO) klassifizierte Adipositas bereits im Jahr 2000 als chronische Krankheit. In Deutschland folgte 2020 die offizielle Bestätigung durch den Bundestag. Dennoch dominiert in der Gesellschaft und teilweise im medizinischen Kontext die Vorstellung, es handle sich um ein selbstverschuldetes Problem, das allein durch Willenskraft und Lebensstiländerungen lösbar sei.
Das nun vorgestellte Adipositas-Barometer 2026 sowie Umfragen unter Hausärzten und Betroffenen verdeutlichen diese Diskrepanz. Die Prävalenz der Erkrankung ist in den vergangenen Jahrzehnten deutlich gestiegen. Viele Menschen mit Adipositas erkennen die medizinische Natur der Krankheit, halten sie jedoch gleichzeitig für selbstverschuldet. Experten betonen die komplexen biologischen Ursachen: Bei einem BMI über 30 ist eine nachhaltige Gewichtsreduktion allein durch Verhaltensänderungen physiologisch oft nicht erreichbar.
Im Gesundheitssystem behindern fehlende Erstattungsstrukturen und Behandlungsträgheit den Therapieeinstieg. Hausärzte sehen sich als erste Ansprechpartner, können aber häufig nicht leitliniengerecht handeln, da Ressourcen und Rahmenbedingungen fehlen. Dadurch werden effektive Maßnahmen verzögert, was das Risiko für Folgeerkrankungen wie Diabetes oder Herz-Kreislauf-Probleme erhöht.
Betroffene berichten von mangelndem Respekt im medizinischen Alltag. Viele fühlen sich moralisch verurteilt statt fachlich unterstützt. Fast ein Viertel zieht sich resigniert aus dem System zurück, weil sie keine echte Hilfe erwarten. Besonders Frauen erleben häufig, nicht ernst genommen zu werden. Die Initiative fordert eine Begegnung auf Augenhöhe sowie den Zugang zu wirksamen medizinischen Optionen.
Die Kampagne #gutbehandelt geht über den heutigen Start hinaus und erstreckt sich bis zum Welt-Adipositas-Tag am 4. März. Im Rahmen dessen präsentiert Lilly vom 2. bis 8. März eine interaktive Erfahrungswelt im Masumi am Berliner Kurfürstendamm. Dort sollen Gesellschaft, Politik und Betroffene symbolisch Stigmata ablegen und durch Wissen ersetzen. Die Botschaft: Adipositas erfordert keine bloßen Lebensratschläge, sondern eine professionelle, respektvolle Behandlung.
Die Initiative entsteht in enger Zusammenarbeit von medizinischen Fachgesellschaften, Patientenorganisationen wie dem Adipositas Verband Deutschland und Lilly Deutschland. Sie setzt auf eine ganzheitliche Sicht der Erkrankung und plädiert für die Beseitigung von Versorgungshürden durch Kooperation aller Akteure im Gesundheitswesen. Weitere Details und Ressourcen sind unter der genannten Lilly-Seite verfügbar.
