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Homocystein im Blut – Was der Wert wirklich bedeutet

Homocystein ist eine schwefelhaltige Aminosäure, die im menschlichen Körper als normales Zwischenprodukt beim Abbau der essenziellen Aminosäure Methionin entsteht. Es handelt sich um eine nicht-proteinbildende Aminosäure, die der Körper normalerweise sehr effizient weiterverarbeitet und abbaut. Nur ein kleiner Teil zirkuliert im Blut. Ein erhöhter Homocysteinspiegel im Blut (Hyperhomocysteinämie) gilt seit Jahrzehnten als potenzieller Risikofaktor für verschiedene Erkrankungen, insbesondere im kardiovaskulären Bereich.

Wie entsteht Homocystein und wie wird es normalerweise abgebaut?

Homocystein bildet sich hauptsächlich durch Demethylierung von Methionin, einer essenziellen Aminosäure, die wir über die Nahrung aufnehmen müssen (vor allem aus tierischen und pflanzlichen Proteinen). Der Körper hat zwei Hauptwege, um Homocystein unschädlich zu machen:

  1. Remethylierung: Hier wird Homocystein wieder zu Methionin umgewandelt. Dieser Weg benötigt als Cofaktoren Folsäure (Vitamin B9) in ihrer aktiven Form (5-Methyl-Tetrahydrofolat) und Vitamin B12. Das Schlüsselenzym ist die Methionin-Synthase, unterstützt durch die Methylen-Tetrahydrofolat-Reduktase (MTHFR).
  2. Transsulfurierung: Homocystein wird zu Cystathionin und später zu Cystein umgewandelt. Dieser Weg ist Vitamin-B6-abhängig und wird durch das Enzym Cystathionin-?-Synthase (CBS) katalysiert.

Wenn diese Wege gestört sind – meist durch Mangel an den beteiligten Vitaminen oder genetische Varianten – reichert sich Homocystein im Blut an. Homocystein gilt als zytotoxisch (zellschädigend), weshalb der Körper es normalerweise rasch abbaut oder exportiert.

Normalwerte und Einteilung erhöhter Spiegel

Die Referenzwerte für Homocystein im Blutplasma oder Serum variieren je nach Labor, Alter, Geschlecht und Bevölkerung leicht. In Deutschland, Österreich und der Schweiz gelten aktuell folgende Orientierungswerte (meist Nüchternwerte nach 8–12 Stunden Fasten):

  • Optimal/normal: < 10 µmol/L (häufig als präventivmedizinisches Ziel angestrebt)
  • Grenzwertig/leicht erhöht: 10–15 µmol/L
  • Mäßig erhöht (moderate Hyperhomocysteinämie): 15–30 µmol/L
  • Mittelschwer/intermediär: 30–100 µmol/L
  • Schwer: > 100 µmol/L (meist genetisch bedingt, sehr selten)

Viele europäische Labore verwenden < 15 µmol/L als oberen Referenzwert, während in den USA oft < 12 µmol/L oder sogar < 10 µmol/L als optimal gelten. Männer haben tendenziell etwas höhere Werte als Frauen, und die Konzentration steigt mit dem Alter leicht an. Bei Kindern und Jugendlichen liegen die Werte meist unter 10 µmol/L.

Wichtig: Die Messung erfolgt meist im EDTA-Plasma oder Serum. Die Probe muss schnell zentrifugiert werden, da Homocystein sonst in vitro aus den Erythrozyten freigesetzt wird und der Wert künstlich um bis zu 10 % pro Stunde ansteigt.

Ursachen für erhöhte Homocysteinwerte

Die häufigsten Ursachen sind erworben und behandelbar:

  • Mangel an Vitamin B6, B12 oder Folsäure (am häufigsten, oft kombiniert)
  • Ernährungsbedingt: Zu wenig grünes Blattgemüse (Folsäure), tierische Produkte (B12) oder Vollkorn/Nüsse (B6)
  • Malabsorption: Zöliakie, Morbus Crohn, nach Magenoperationen, Perniziöse Anämie
  • Medikamente: Methotrexat, Antiepileptika (Phenytoin, Carbamazepin), Protonenpumpenhemmer, Metformin (langfristig)
  • Niereninsuffizienz (verminderte Clearance)
  • Hypothyreose (Schilddrüsenunterfunktion)
  • Lebensstilfaktoren: Rauchen, übermäßiger Alkoholkonsum, hohes Alter, Kaffee in großen Mengen

Genetische Ursachen (seltener, aber wichtig bei stark erhöhten Werten):

  • Häufigster genetischer Faktor: Polymorphismen im MTHFR-Gen (z. B. 677C>T), besonders homozygot (TT-Variante) ? bis zu 70–90 % reduzierte Enzymaktivität ? leichte bis mittlere Erhöhung, verstärkt durch Folsäuremangel
  • Seltene schwere Defekte: Homozygote CBS-Defekte (klassische Homocystinurie) ? Werte oft > 100 µmol/L, mit Linsenektopie, Skelettdeformitäten, geistiger Retardierung und frühen Gefäßverschlüssen

Gesundheitliche Bedeutung – Was passiert bei erhöhten Werten?

Ein dauerhaft erhöhter Homocysteinspiegel schädigt die Gefäßinnenwand (Endothel) auf mehreren Wegen:

  • Förderung oxidativen Stresses und freier Radikale
  • Beeinträchtigung der Stickoxid-Produktion ? schlechtere Gefäßerweiterung
  • Förderung von Entzündungen und Thrombose-Neigung
  • Beschleunigung der Atherosklerose (Plaque-Bildung)

Epidemiologische Studien zeigen einen klaren Zusammenhang: Pro 5 µmol/L Erhöhung steigt das Risiko für koronare Herzkrankheit um ca. 20–30 %, für Schlaganfall um bis zu 60 %. Auch venöse Thrombosen, periphere arterielle Verschlusskrankheit und Herzinsuffizienz (besonders HFpEF) werden assoziiert.

Weitere mögliche Zusammenhänge (weniger gesichert):

  • Kognitive Beeinträchtigungen und Demenzrisiko
  • Schwangerschaftskomplikationen (z. B. Präeklampsie, Fehlbildungen)
  • Chronische Nierenerkrankungen

Wichtig: Aktuelle Leitlinien (ESC, AHA 2024/2025) sehen Homocystein nicht als unabhängigen kausalen Risikofaktor, sondern als modifizierbaren Marker im Kontext anderer Risiken (z. B. Hypertonie, Diabetes, Rauchen). Es wird nicht routinemäßig zur Risikostratifizierung empfohlen, sondern gezielt bei Verdacht auf Vitaminmangel oder familiärer Belastung.

Wie senkt man erhöhte Homocysteinwerte?

Die Therapie richtet sich nach der Ursache:

  1. Vitamin-Supplementation (am effektivsten bei den häufigsten Fällen):
  • Folsäure (0,4–5 mg/Tag, oft 0,8–1 mg)
  • Vitamin B12 (500–1000 µg/Tag, bei Mangel injizierbar)
  • Vitamin B6 (10–50 mg/Tag)
    ? Senkt den Wert in 70–90 % der Fälle innerhalb von Wochen bis Monaten auf Normalbereich
  1. Bei genetischen Varianten (z. B. MTHFR 677TT): Oft besser auf aktive Formen ansprechen ? Methylfolat (5-MTHF) statt normale Folsäure
  2. Bei schwerer genetischer Homocystinurie: Hochdosierte B6-Therapie (Pyridoxin), Betain, evtl. Methionin-arme Diät
  3. Lebensstilmaßnahmen: Rauchen aufgeben, moderater Alkoholkonsum, ausgewogene Ernährung mit viel Gemüse, Vollkorn, Hülsenfrüchten, Fisch/Eiern

Große Interventionsstudien (z. B. HOPE-2, NORVIT) zeigten: Obwohl die Vitamine den Homocysteinspiegel senken, sinkt das kardiovaskuläre Ereignisrisiko dadurch nicht signifikant. Deshalb wird eine generelle Vitaminsubstitution zur Primärprävention nicht empfohlen – nur bei nachgewiesenem Mangel oder hohem individuellen Risiko.

Wann sollte man den Wert bestimmen lassen?

Sinnvoll bei:

  • Unklaren thrombotischen Ereignissen (vor allem junges Alter)
  • Bekanntem Vitamin-B-Mangel oder Malabsorption
  • Familiärer Belastung mit frühen Gefäßerkrankungen
  • Niereninsuffizienz oder Hypothyreose
  • Vor geplanter Schwangerschaft (insbesondere bei MTHFR-Polymorphismus)

Nicht routinemäßig bei gesunden Menschen ohne Risikofaktoren.

Fazit

Homocystein ist ein sensibler Marker für Störungen im Methionin-/Folat-Stoffwechsel. Erhöhte Werte deuten meist auf einen behandelbaren Vitaminmangel hin und korrelieren mit einem erhöhten Gefäßrisiko. Die Senkung durch Vitamine ist einfach und sicher, verbessert aber nicht zwangsläufig das kardiovaskuläre Outcome bei allen Patienten. Der Fokus liegt daher auf einer ganzheitlichen Risikoreduktion: gesunde Ernährung, Bewegung, Blutdruck- und Cholesterinkontrolle sowie Vermeidung von Rauchen.

Bei auffälligen Werten immer ärztlich abklären lassen – oft löst sich das Problem durch gezielte Substitution schnell.

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