Bei einem akuten Herzinfarkt muss die verschlossene Koronararterie unverzüglich durch eine Stent-Implantation geöffnet werden. Verengungen in anderen Gefäßen können jedoch sicher später behandelt werden. Dies zeigt eine großangelegte Studie von Kardiologen des Radboud University Medical Center, die im New England Journal of Medicine veröffentlicht wurde.
In der randomisierten Studie mit 1.146 Patienten aus 41 Kliniken wurde untersucht, ob zusätzliche Engstellen unmittelbar während der Notfallbehandlung oder erst bis zu sechs Wochen später versorgt werden sollten. Die Teilnehmer hatten einen vollständigen Gefäßverschluss durch ein Blutgerinnsel. Eine Gruppe erhielt die komplette Intervention sofort, die andere eine verzögerte Behandlung der weiteren Verengungen.
Nach dreijähriger Nachbeobachtung gab es keine Unterschiede hinsichtlich Sterblichkeit, erneuter Infarkte oder stationärer Aufnahmen wegen Herzinsuffizienz. Bemerkenswert: In der verzögerten Phase wurden nur halb so viele zusätzliche Engstellen mit Stents versorgt wie im akuten Setting.
Hintergrund: Im Notfall wird die Notwendigkeit einer Stent-Implantation meist durch Druckmessung im Gefäß (FFR) bestimmt. Später ermöglicht ein MRT-Scan eine umfassendere Beurteilung der Myokarddurchblutung. Zeigt die Bildgebung ausreichende Sauerstoffversorgung, kann auf weitere Stents verzichtet werden.
Die Forscher empfehlen keine planmäßige Verzögerung, da eine Einzeitbehandlung für Patienten oft praktischer ist. Bei Erschöpfung, Schmerzen oder parallelen Notfällen sei ein Abbruch jedoch unbedenklich – eine Beschleunigung bringe keinen Vorteil. Ein MRT-Termin nach einigen Wochen diene der sicheren Abklärung.
Die aktuellen Leitlinien, die eine sofortige Komplettbehandlung empfehlen, basieren auf älteren Studien mit kurzfristigem Nutzen, aber ohne langfristigen Effekt. Die neuen Ergebnisse dürften eine Anpassung bewirken.
Jährlich erleiden in Deutschland rund 33.600 Menschen einen Herzinfarkt. Die Studie liefert evidenzbasierte Klarheit für die Behandlung zusätzlicher Koronarstenosen.
