Die kürzlich auf dem 129. Ärztetag in Leipzig beschlossene Novelle der Gebührenordnung für Ärzte (GOÄ) hat in der Labormedizin erhebliche Besorgnis ausgelöst. In einem Exklusivinterview mit dem MedLabPortal äußerte sich Priv.-Doz. Dr. med. Matthias Orth, Chefarzt des Instituts für Laboratoriumsmedizin am Marienhospital Stuttgart, kritisch zu den Auswirkungen der Reform auf sein Fachgebiet. Orth, Facharzt für Laboratoriumsmedizin, Medizinhygiene und Hämostaseologie, warnte vor einer Verschlechterung der Patientenversorgung und steigenden Behandlungskosten.
Die Verabschiedung der GOÄ-Novelle war laut Orth wenig überraschend, da im Vorfeld massiver Druck auf die Delegierten ausgeübt wurde, die Reform anzunehmen. Insbesondere Hausärzte, die sich von der neuen Regelung Vorteile erhoffen, sowie angestellte und pensionierte Ärzte, die nicht direkt betroffen sind, hätten die Mehrheit gebildet. Ziel der Reform sei es, die Behandlungskosten im Bereich der privaten Krankenversicherungen einzudämmen. Doch die geplante Abwertung technischer Fächer wie der Labormedizin unter die Gestehungskosten werde dieses Ziel verfehlen. Stattdessen befürchtet Orth, dass die Kosten durch eine Zunahme eigenerbrachter technischer Leistungen sogar steigen könnten. Besonders kritisch sieht er die neue Regelung, dass Labormediziner bei überweisungsgebundenen Leistungen künftig nicht nur die medizinische Notwendigkeit nachweisen, sondern sich zusätzlich mit der Diagnose oder Fragestellung auseinandersetzen müssen, um einen Liquidationsanspruch geltend machen zu können. Dies erhöhe den bürokratischen Aufwand erheblich und könne dazu führen, dass Labore Untersuchungen ohne Vergütung durchführen müssen.
Trotz des Einsatzes von rund 40 Fachgesellschaften, die im Vorfeld um mehr Diskussionsraum gebeten hatten, sei es nicht gelungen, die Bedenken der Labormedizin ausreichend zu berücksichtigen. Die Verhandlungen seien von der Bundesärztekammer (BÄK) und dem Verband der Privaten Krankenversicherung (PVS) unter dem Prinzip der Ausgabenneutralität geführt worden, was bedeutet, dass jede Erhöhung einer Gebühr durch eine Absenkung einer anderen ausgeglichen werden musste. Zwar seien kleinere Korrekturen eingearbeitet worden, doch konkrete Vorschläge der Labormedizin, etwa zur Mengensteuerung oder zur Förderung der Notfallversorgung, seien ignoriert worden. Besonders unverständlich sei die Entscheidung, die Labormedizin und Radiologie um etwa 30 Prozent abzuwerten, obwohl die ursprünglichen Entwürfe noch auf betriebswirtschaftlichen Kalkulationen basierten. Diese Abwertung berücksichtige weder die Inflation der vergangenen Jahre noch die Fixkosten für Geräte, Energie, Reagenzien und Personal, die den Großteil der Ausgaben ausmachen.
Die Folgen der GOÄ-Novelle könnten gravierend sein. Vor dem Hintergrund des demografischen Wandels und steigender Kosten sei eine Kompensation der Erlöseinbußen durch Rationalisierung oder Zentralisierung kaum möglich. Orth befürchtet eine ungewollte Verschlechterung der Qualität und Verfügbarkeit von Laborleistungen, was die Patientensicherheit und die Akutversorgung gefährde. Besonders Krankenhäuser mit eigenen Laboren würden unter den stark reduzierten Vergütungen leiden, während ausgelagerte Labore vermutlich ihre Preise anheben müssten, was wiederum die Kostenträger belaste. Für Orths eigenes Institut am Marienhospital Stuttgart bedeute die Reform einen erhöhten wirtschaftlichen Druck. Bisher sei es gelungen, die Qualität durch Effizienzsteigerungen aufrechtzuerhalten, doch die sinkenden Erlöse könnten dies gefährden. Zudem werde es schwieriger, Nachwuchs für die Labormedizin zu gewinnen, da die beruflichen Perspektiven durch die Reform geschmälert würden.
Orth kritisierte auch die Rolle der Ärzteselbstverwaltung, die kleine Fachrichtungen wie die Labormedizin strukturell benachteilige. Er wies darauf hin, dass vergleichbare Laboruntersuchungen in der Tierarztmedizin oder im Gebührenverzeichnis für Heilpraktiker deutlich höher vergütet würden, was die Ungleichbehandlung verdeutliche. Die Begrüßung der GOÄ-Novelle durch die neue Gesundheitsministerin Nina Warken sieht Orth skeptisch. Er vermutet, dass Warken die Reform als unkomplizierten Weg unterstützt habe, ohne eine Alternative zu entwickeln. Eine mutigere Haltung der BÄK, etwa durch die Forderung nach einem Inflationsausgleich, hätte möglicherweise zu einer ausgewogeneren Lösung geführt.
Trotz der schwierigen Lage gibt Orth die Hoffnung nicht auf. Da die GOÄ-Novelle noch nicht final verabschiedet ist, setzt er auf Gespräche mit dem Bundesgesundheitsministerium, um Änderungen insbesondere im Paragraphenteil durchzusetzen. Ziel sei es, eine wirtschaftlichere Anforderung von Laborleistungen zu ermöglichen und die Vergütungen auf eine betriebswirtschaftliche Grundlage zu stellen. Dies könnte nicht nur den Kostenträgern zugutekommen, sondern auch die Versorgungsqualität sichern.
Quelle: MedLabPortal, Exklusivinterview mit Priv.-Doz. Dr. med. Matthias Orth
