Glyphosat, der weltweit am häufigsten eingesetzte Unkrautvernichter und Hauptbestandteil von Produkten wie „Roundup“, steht seit Jahren im Zentrum einer erbitterten wissenschaftlichen und gesellschaftlichen Debatte. Die Frage, ob Glyphosat das Krebsrisiko beim Menschen erhöht, wird kontrovers diskutiert. Zahlreiche Peer-Review-Studien, internationale Agenturen und aktuelle politische Entwicklungen – insbesondere in den USA unter der Führung von Robert F. Kennedy Jr. (RFK) – prägen die Diskussion. Dieser Artikel analysiert den aktuellen Stand der Forschung, offizielle Bewertungen und die politischen Implikationen.
Glyphosat und Krebs: Die wissenschaftliche Evidenz
IARC-Bewertung: „Wahrscheinlich krebserregend“
Im März 2015 klassifizierte die Internationale Agentur für Krebsforschung (IARC) der WHO Glyphosat als „wahrscheinlich krebserregend für den Menschen“ (Gruppe 2A)[2]. Die IARC stützte sich dabei auf eine systematische Auswertung von etwa 1000 Studien, darunter epidemiologische Untersuchungen an exponierten Menschen (z.B. Landwirte) und experimentelle Studien an Tieren. Die wichtigsten Gründe für die Einstufung:
- Begrenzte Evidenz für Krebs beim Menschen: Mehrere Fall-Kontroll-Studien zeigten einen positiven Zusammenhang zwischen Glyphosatexposition und Non-Hodgkin-Lymphom (NHL), einem bösartigen Lymphdrüsenkrebs. Die IARC bewertete diese Hinweise als „begrenzt“, was bedeutet, dass eine kausale Interpretation plausibel erscheint, aber Zufall, Verzerrung oder Störfaktoren nicht mit ausreichender Sicherheit ausgeschlossen werden können[1][2].
- Ausreichende Evidenz für Krebs bei Tieren: In Tierversuchen wurde ein erhöhtes Krebsrisiko nachgewiesen, insbesondere Lebertumoren und andere Malignome[2].
- Starke Hinweise auf Genotoxizität: Sowohl für reines Glyphosat als auch für kommerzielle Formulierungen wurden in Laborstudien DNA-Schäden und oxidative Stressreaktionen beobachtet[2].
Meta-Analysen und epidemiologische Studien
Mehrere Meta-Analysen und groß angelegte Studien haben das Krebsrisiko durch Glyphosat weiter untersucht:
- Eine aktuelle Meta-Analyse, die fünf Fall-Kontroll-Studien und eine Kohortenstudie einschloss, zeigte, dass das Risiko für Non-Hodgkin-Lymphom bei hoher Glyphosatexposition um bis zu 41 % erhöht sein kann[4]. Die Autoren betonen, dass das Risiko besonders bei Personen mit intensiver und langjähriger Exposition steigt.
- Sensitivitätsanalysen zeigen jedoch, dass die Höhe des Risikos stark von der Definition der Exposition und der angenommenen Latenzzeit abhängt. Bei Betrachtung aller jemals Exponierten („ever-exposed“) ohne Latenz lag das relative Risiko nur bei 1,05 (95% CI 0,87-1,28), also nicht signifikant erhöht[3].
- Eine 2023 veröffentlichte Studie bestätigte erneut einen signifikanten Zusammenhang zwischen Glyphosat und Non-Hodgkin-Lymphom, insbesondere bei bestimmten Subtypen wie der Haarzellleukämie[9].
Tierexperimentelle und mechanistische Studien
- Chronische Expositionsstudien an Nagetieren liefern toxikologisch plausible Mechanismen, wie Glyphosat Krebs verursachen könnte, darunter Störungen des Zellzyklus, oxidativer Stress und hormonelle Effekte[9].
- Die US-Behörde für Toxikologische Stoffe und Krankheitsregister (ATSDR) stellte 2020 fest, dass zahlreiche Studien ein erhöhtes Krebsrisiko, insbesondere für Non-Hodgkin-Lymphom, bei Glyphosatexposition belegen[9].
Offizielle Bewertungen und regulatorische Kontroversen
Divergierende Bewertungen internationaler Behörden
Die Einschätzung von Glyphosat durch Behörden fällt unterschiedlich aus:
- IARC (WHO): „Wahrscheinlich krebserregend für den Menschen“ (Gruppe 2A), basierend auf den oben genannten Evidenzen[2].
- Europäische Behörde für Lebensmittelsicherheit (EFSA): Nach erneuter Bewertung der gleichen Daten wie die IARC kam die EFSA 2015 zu dem Schluss, dass die epidemiologische Evidenz für einen Zusammenhang zwischen Glyphosat und Krebs beim Menschen „sehr begrenzt“ und nicht ausreichend für eine Einstufung sei. Hauptgrund für die abweichende Bewertung war, dass der EFSA größere Kohortenstudien mehr Gewicht beimaß, in denen kein signifikanter Zusammenhang gefunden wurde[1].
- US-Umweltschutzbehörde (EPA): Die EPA kam 2016 und erneut 2019 zum Ergebnis, dass Glyphosat „wahrscheinlich nicht krebserregend für den Menschen“ ist, wenn es gemäß den Anweisungen verwendet wird. Interne Berichte und externe Gutachter kritisierten jedoch die Methodik der EPA und wiesen darauf hin, dass die Behörde relevante Studien nicht angemessen berücksichtigt habe[9].
- US-Behörde für Toxikologische Stoffe und Krankheitsregister (ATSDR): Die ATSDR bestätigte 2020 einen potenziellen Zusammenhang zwischen Glyphosatexposition und Krebs, insbesondere Non-Hodgkin-Lymphom[9].
Diese widersprüchlichen Bewertungen spiegeln die Komplexität der Datenlage wider. Während die IARC einen Vorsorgeansatz verfolgt und bereits bei begrenzter Evidenz eine Warnung ausspricht, setzen EPA und EFSA auf strengere Kausalitätskriterien und gewichten Kohortenstudien stärker.
Weitere Gesundheitsgefahren durch Glyphosat
Neben dem Krebsrisiko gibt es Hinweise auf weitere gesundheitliche Risiken:
- Leber- und Nierenerkrankungen: Studien zeigen, dass Glyphosat Leberschäden und Nierenerkrankungen bei Tieren verursachen kann; Hinweise auf ähnliche Effekte beim Menschen existieren, sind jedoch weniger eindeutig[9][10].
- Endokrine Disruption: Glyphosat steht im Verdacht, als endokriner Disruptor zu wirken, also das Hormonsystem zu beeinflussen. Dies könnte Auswirkungen auf die Fruchtbarkeit und die Entwicklung von Kindern haben[10].
- Beeinträchtigung des Mikrobioms: Es gibt Hinweise darauf, dass Glyphosat das menschliche Darmmikrobiom negativ beeinflussen könnte, was wiederum mit chronischen Erkrankungen assoziiert wird. Die Evidenz hierzu ist jedoch noch begrenzt.
Glyphosat in der Umwelt und Expositionsquellen
Glyphosat wird weltweit in der Landwirtschaft, im Gartenbau und in öffentlichen Anlagen eingesetzt. Die Exposition erfolgt vor allem über:
- Nahrungsmittel: Rückstände in Getreide, Obst und Gemüse, insbesondere durch „Green Burndown“-Praktiken kurz vor der Ernte[4].
- Trinkwasser: In Regionen mit intensiver Landwirtschaft kann Glyphosat ins Grundwasser gelangen.
- Berufliche Exposition: Landwirte, Gärtner und Arbeiter im Landschaftsbau sind besonders gefährdet.
Studien der US-Gesundheitsbehörden zeigen, dass die Mehrheit der US-Bevölkerung messbare Glyphosatwerte im Urin aufweist, wobei die Höhe der Belastung stark von der Ernährung abhängt[5].
Glyphosat, Krebs und die US-Politik: Die Rolle von RFK Jr.
RFK Jr. als Kritiker von Glyphosat
Robert F. Kennedy Jr., derzeit US-Gesundheitsminister (HHS Secretary), ist einer der prominentesten Kritiker von Glyphosat und anderen Pestiziden in den USA. Bereits als Umweltanwalt war er an Prozessen gegen Monsanto (heute Bayer) beteiligt und gewann 2018 einen vielbeachteten Prozess, bei dem ein Krebspatient wegen der Verwendung von Roundup eine Entschädigung von 289 Millionen Dollar zugesprochen bekam[6][11]. Kennedy sieht Glyphosat als Symbol für die Gefahren industrieller Landwirtschaft und fordert strengere Regulierung.
Die „Make America Healthy Again“-Kommission
Unter Präsident Trump wurde im Februar 2025 die „Make America Healthy Again“-Kommission (MAHA) unter Leitung von Kennedy ins Leben gerufen. Ziel ist es, die Ursachen für den dramatischen Anstieg chronischer Erkrankungen bei Kindern zu untersuchen. Im Fokus stehen dabei neben Ernährung und Lebensstil auch Umweltchemikalien wie Glyphosat und Atrazin[6][7][12].
Der aktuelle MAHA-Bericht hebt hervor:
„Über 40 % der rund 73 Millionen Kinder in den USA leiden an mindestens einer chronischen Erkrankung, darunter Asthma, Allergien, Fettleibigkeit, Autoimmunerkrankungen oder Verhaltensstörungen. Ein Anstieg, der mit der zunehmenden Belastung durch Umweltchemikalien, darunter Pestizide wie Glyphosat, in Zusammenhang gebracht wird.“[7]
Kennedy betont, dass die Kommission „gold-standard science“ anwenden und sowohl die Gesundheit der Bevölkerung als auch die Interessen der Landwirte berücksichtigen will[6].
Politische und gesellschaftliche Kontroversen
Die Initiative stößt auf heftigen Widerstand seitens der Agrarindustrie und konservativer Politiker, die befürchten, dass strengere Auflagen für Glyphosat die Nahrungsmittelproduktion gefährden könnten[5][6][8]. Kennedy und seine Unterstützer argumentieren, dass die Gesundheit der Bevölkerung Vorrang haben müsse und verweisen auf die wachsende Zahl von Studien, die Glyphosat mit Krebs und anderen chronischen Erkrankungen in Verbindung bringen[10][12].
Bayer, der Hersteller von Roundup, hat in den letzten Jahren über 10 Milliarden Dollar für die Beilegung von Klagen wegen angeblicher Krebsfälle durch Glyphosat gezahlt, hält aber weiterhin an der Sicherheit des Produkts fest[11].
Zusammenfassung: Was ist gesichert, was bleibt offen?
Gesicherte Erkenntnisse
- Krebsrisiko: Die stärkste Evidenz besteht für einen Zusammenhang zwischen Glyphosatexposition und Non-Hodgkin-Lymphom, insbesondere bei hoher und langjähriger Exposition. Die IARC stuft Glyphosat als „wahrscheinlich krebserregend“ ein, während EPA und EFSA das Risiko als gering bewerten, wenn die Anwendungsvorschriften eingehalten werden[2][9].
- Mechanismen: Es gibt plausible biologische Mechanismen, wie Glyphosat Krebs verursachen könnte (Genotoxizität, oxidative Schäden, hormonelle Effekte)[2][9].
- Weitere Gesundheitsgefahren: Hinweise auf Leberschäden, endokrine Störungen und Beeinträchtigung des Mikrobioms sind vorhanden, aber weniger eindeutig belegt[9][10].
Offene Fragen und Forschungsbedarf
- Langzeitfolgen niedriger Exposition: Viele Studien betreffen hohe, berufliche Exposition. Die gesundheitlichen Auswirkungen chronisch niedriger Belastungen über die Nahrung sind weniger gut untersucht.
- Synergieeffekte: Die Wirkung von Glyphosat in Kombination mit anderen Pestiziden oder Umweltfaktoren ist kaum erforscht.
- Unabhängigkeit der Forschung: Kritiker bemängeln, dass viele Studien von der Industrie finanziert wurden und fordern mehr unabhängige Forschung.
Fazit
Glyphosat bleibt ein hochumstrittenes Thema. Während die IARC und zahlreiche Peer-Review-Studien einen Zusammenhang mit Krebs, insbesondere Non-Hodgkin-Lymphom, nahelegen, sehen wichtige Regulierungsbehörden wie EPA und EFSA bislang keine ausreichende Evidenz für ein relevantes Risiko bei sachgemäßer Anwendung. Die politische Dynamik in den USA – verstärkt durch die Aktivitäten von RFK Jr. – sorgt dafür, dass das Thema weiterhin im Fokus bleibt. Die wissenschaftliche Debatte ist nicht abgeschlossen, und es besteht weiterhin erheblicher Forschungsbedarf, um die Langzeitfolgen für Mensch und Umwelt abschließend zu klären.
Weiterführende Informationen und Peer-Review-Quellen:
- [IARC Monograph on Glyphosate][2]
- [Meta-Analyse zu Glyphosat und Non-Hodgkin-Lymphom][3][4]
- [USRTK: Glyphosate Health Concerns][9]
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Quellen:
[1] Glyphosate toxicity and carcinogenicity: a review of the scientific … https://pmc.ncbi.nlm.nih.gov/articles/PMC5515989/
[2] IARC Monograph on Glyphosate https://www.iarc.who.int/featured-news/media-centre-iarc-news-glyphosate/
[3] On recent meta-analyses of exposure to glyphosate and risk of non … https://pubmed.ncbi.nlm.nih.gov/33447891/
[4] UW study: Exposure to chemical in Roundup increases risk for cancer https://www.washington.edu/news/2019/02/13/uw-study-exposure-to-chemical-in-roundup-increases-risk-for-cancer/
[5] RFK Jr. tells farmers, GOP not to worry about his report targeting … https://www.cbsnews.com/news/rfk-jr-tells-farmers-gop-not-to-worry-pesticides-report/
[6] Kennedy’s War on Pesticides Riles Farmers and a G.O.P. Senator https://www.nytimes.com/2025/05/20/us/politics/rfk-pesticides-farmers-hyde-smith.html
[7] RFK Jr.’s ‚Make America Healthy Again‘ report calls for closer look at … https://www.fox5atlanta.com/news/rfk-jr-release-make-america-healthy-again-report
[8] Kennedy report expected to go guns blazing against farm pesticides https://www.agdaily.com/news/kennedy-report-expected-to-go-guns-blazing-against-farm-pesticides/
[9] Glyphosate: Cancer and other health concerns – USRTK.org https://usrtk.org/pesticides/glyphosate-health-concerns/
[10] RFK Jr.’s next target: A common weedkiller – Axios https://www.axios.com/2025/05/19/rfk-roundup-weedkiller-chronic-disease-glyphosate
[11] Glyphosate and the Story Behind Monsanto – Healthy Connections https://healthyconnectionshr.com/blog/glyphosate-and-monsanto
[12] What RFK Jr.’s MAHA Plan Says About Weed Killers – Newsweek https://www.newsweek.com/what-rfk-jrs-maha-plan-says-about-weed-killers-2076095
[13] Glyphosate-based herbicides and cancer risk: a post-IARC decision … https://pmc.ncbi.nlm.nih.gov/articles/PMC7530464/
[14] Overview of human health effects related to glyphosate exposure https://www.frontiersin.org/journals/toxicology/articles/10.3389/ftox.2024.1474792/full
[15] Epidemiologic studies of glyphosate and cancer: A review https://www.sciencedirect.com/science/article/abs/pii/S0273230012000943
[16] [PDF] Does glyphosate cause cancer? – Expert group to address diverging … https://www.bfr.bund.de/cm/349/does-glyphosate-cause-cancer-expert-group-to-address-diverging-assessments-within-the-who.pdf
[17] RFK Jr’s MAHA commission report to spotlight toxins in food https://www.usatoday.com/story/news/politics/2025/05/21/rfk-commission-exclusive-poll/83749930007/
[18] Kennedy paints dire picture of children’s health in new report https://www.nbcnews.com/health/kids-health/rfk-jr-children-dire-chronic-disease-health-report-rcna208544
[19] RFK Jr. says food and pharma are poisoning Americans. His big … https://www.politico.com/news/2025/05/22/rfk-jr-food-maha-pharma-farm-kennedy-trump-00365368
[20] Toxic Effects of Glyphosate on the Nervous System – PubMed Central https://pmc.ncbi.nlm.nih.gov/articles/PMC9101768/

