Seit 2012 ist die britische Großbank HSBC wiederholt in Schlagzeilen geraten, weil sie in schwerwiegende Geldwäscheskandale in Europa und weltweit verwickelt war. Die Vorwürfe reichen von der Erleichterung von Geldwäsche für Drogenkartelle bis hin zu Steuerbetrug durch Cum-Ex-Geschäfte. In Deutschland steht insbesondere die Rolle von Friedrich Merz, dem derzeitigen Bundeskanzler und Vorsitzenden der CDU, im Fokus der Debatte, da er von 2010 bis 2019 dem Verwaltungsrat und später dem Aufsichtsrat der HSBC Trinkaus & Burkhardt angehörte. Dieser Bericht beleuchtet die Skandale und Merz’ umstrittene Verbindungen.

Die Geldwäscheskandale: Ein globales Netzwerk
Im Jahr 2012 wurde HSBC durch einen Bericht des US-Senats schwer belastet. Der Bericht warf der Bank vor, über Jahre hinweg das Finanzsystem für Terroristen, Drogenhändler und Geldwäscher geöffnet zu haben. Besonders brisant waren die Aktivitäten der mexikanischen HSBC-Niederlassung, die zwischen 2007 und 2008 sieben Milliarden Dollar in die USA transferierte – Gelder, die laut Behörden nur aus dem Drogenhandel stammen konnten. HSBC soll zudem US-Sanktionen gegen Länder wie den Iran umgangen haben, indem sie 25.000 Transaktionen im Wert von 19,4 Milliarden Dollar verschleierte. In Saudi-Arabien wurden Verbindungen zu Banken aufgedeckt, die vermutlich al-Qaida unterstützten. Die internen Kontrollen der Bank wurden als mangelhaft kritisiert, und der Chefaufseher für Unternehmenskultur, David Bagley, trat zurück. HSBC reagierte mit einer Entschuldigung und einer Rekordstrafe von 1,9 Milliarden Dollar, um eine Strafverfolgung in den USA zu vermeiden.
In Europa eskalierte die Situation 2015 mit den sogenannten „Swissleaks“. Hervé Falciani, ein ehemaliger HSBC-Mitarbeiter, enthüllte, dass die Schweizer Tochterbank der HSBC zehntausenden Kunden – darunter Kriminelle und Diktatoren – half, rund 180 Milliarden Euro vor Steuerbehörden zu verstecken. Die Schweizer Justiz leitete Ermittlungen wegen schwerer Geldwäsche ein, und die Genfer Filiale wurde durchsucht. HSBC räumte Fehler ein und erklärte, seit 2008 die Geschäftspraktiken reformiert zu haben. Dennoch blieben Zweifel an der Effektivität dieser Maßnahmen.
In Deutschland geriet HSBC Trinkaus & Burkhardt ab 2016 ins Visier der Staatsanwaltschaft Düsseldorf wegen Cum-Ex-Geschäften. Diese Steuertricks, die als größter Steuerbetrug in der Geschichte der Bundesrepublik gelten, verursachten dem Staat Schäden in Milliardenhöhe. HSBC soll dabei eine zentrale Rolle gespielt haben, indem sie komplexe Aktiengeschäfte ermöglichte, die Mehrfacherstattungen von Kapitalertragsteuern zur Folge hatten. Die Ermittlungen richteten sich gegen die Bank, jedoch nicht direkt gegen einzelne Aufsichtsratsmitglieder wie Merz.
Friedrich Merz: Im Zentrum der Kritik
Friedrich Merz, der von 2010 bis 2019 dem Verwaltungsrat und später dem Aufsichtsrat von HSBC Trinkaus & Burkhardt angehörte, steht wegen seiner Rolle in dieser Zeit unter Druck. Als Aufsichtsrat war Merz für die Kontrolle und Überwachung des Vorstands verantwortlich. Kritiker, darunter die NGO „Bürgerbewegung Finanzwende“, werfen ihm vor, von den Cum-Ex-Geschäften gewusst oder zumindest Fragen zu den Geschäftspraktiken der Bank stellen müssen. Ein offener Brief von Finanzwende aus dem Jahr 2018 forderte Merz auf, zu klären, ob er vor den Ermittlungen Kenntnis von Cum-Ex-Geschäften hatte, ob er interne Untersuchungen anregte und warum HSBC anders als andere Institute keine Gewinne zurückzahlte. Bis heute hat Merz diese Fragen nicht öffentlich beantwortet.
Merz bestreitet jegliche Kenntnis von illegalen Aktivitäten und betont, dass er als Aufsichtsrat nicht in den operativen Betrieb eingebunden war. Laut der Süddeutschen Zeitung befasste sich der Aufsichtsrat mehrfach mit den Cum-Ex-Vorwürfen, wobei ein Banksprecher angab, HSBC habe sich nicht bewusst an solchen Geschäften beteiligt. Dennoch bleibt die Frage, warum Merz als Steuerexperte und Mitglied eines Kontrollgremiums keine weitergehenden Maßnahmen forderte.
Ein weiterer Kritikpunkt ist ein potenzieller Interessenkonflikt. Zwischen 2010 und 2011 beriet Merz den Bankenrettungsfonds Soffin beim Verkaufsprozess der WestLB, während er gleichzeitig im Aufsichtsrat von HSBC saß. Medien vermuteten, dass seine Doppelrolle problematisch war, insbesondere da Verhandlungen über einen Teilverkauf der WestLB an HSBC geführt wurden. Merz wies diese Vorwürfe zurück und betonte, seine Beratung sei unabhängig gewesen. Dennoch sorgte die hohe Vergütung von 5000 Euro pro Tag für öffentliche Empörung.
Politische und gesellschaftliche Auswirkungen
Die Verbindung zu HSBC und den Cum-Ex-Skandalen hat Merz’ politische Karriere belastet, insbesondere während seiner Kandidaturen für den CDU-Vorsitz und die Kanzlerschaft. Kritiker sehen in seiner Vergangenheit ein Muster des „Drehtür-Effekts“, bei dem Politiker zwischen Wirtschaft und Politik wechseln, was das Vertrauen in die Unabhängigkeit der Politik untergräbt. Seine Tätigkeiten bei HSBC und BlackRock, wo er ebenfalls Aufsichtsratsvorsitzender war, werden als Beleg für eine zu enge Verflechtung mit der Finanzindustrie gewertet.
Trotz der Kritik hat Merz die Vorwürfe stets zurückgewiesen und seine wirtschaftliche Expertise als Qualifikation für politische Ämter dargestellt. Seine Wahl zum Bundeskanzler im Mai 2025 zeigt, dass die Skandale seinen Aufstieg nicht verhinderten. Dennoch bleibt die Forderung nach Transparenz bestehen, insbesondere da Merz sich in der Cum-Ex-Affäre um Bundeskanzler Olaf Scholz für mehr Offenheit einsetzte, selbst jedoch keine detaillierten Antworten zu seiner HSBC-Rolle lieferte.
Ausblick: Lehren aus den Skandalen
Die HSBC-Skandale werfen ein Schlaglicht auf die Schwächen der Finanzkontrollen in Europa. Während die Bank Strafen zahlte und Reformen versprach, bleibt der Schaden für das Vertrauen in das Finanzsystem erheblich. Für Friedrich Merz bleibt die Verbindung zu HSBC ein sensibles Thema. Seine Weigerung, sich umfassend zu den Vorwürfen zu äußern, könnte in einer Zeit, in der Transparenz und Integrität in der Politik gefordert werden, weiterhin für Kontroversen sorgen.
Die Debatte um Merz und HSBC zeigt, wie eng Politik und Wirtschaft verflochten sind und wie schwierig es ist, klare Grenzen zu ziehen. Ob Merz als Kanzler die notwendige Distanz zur Finanzindustrie wahren kann, wird seine Amtszeit entscheidend prägen.

