Die US-amerikanische Federal Trade Commission (FTC) hat das laufende Kartellverfahren (Docket No. 9437) gegen die Express Scripts-Gruppe (Express Scripts, Inc., Evernorth Health, Inc., Medco Health Services, Inc. und Ascent Health Services, LLC – zusammen „ESI Respondents“) mit sofortiger Wirkung aus der formellen Beweisaufnahme zurückgezogen. Das teilte die Behörde am 22. Januar 2026 mit.
Hintergrund ist eine gemeinsame Motion von FTC-Beschwerdeführern (Complaint Counsel) und den ESI-Unternehmen, das Verfahren vorläufig auszusetzen, um eine umfassende Einigung (proposed consent agreement) zu prüfen und abzuschließen. Die FTC folgte diesem Antrag gemäß Rule 3.25(c) ihrer Verfahrensordnung und stellte alle Verfahrenshandlungen vor dem Administrative Law Judge gegenüber den ESI-Unternehmen ein. Das Verfahren bleibt jedoch gegenüber den übrigen Beklagten (Caremark Rx, LLC, Zinc Health Services, LLC, OptumRx, Inc., OptumRx Holdings, LLC und Emisar Pharma Services LLC) in der Beweisphase.
Ausgangslage des Verfahrens
Die FTC hatte im Dezember 2023 Klage gegen acht große Pharmacy-Benefit-Manager (PBM) und drei ihrer Mutterkonzerne erhoben. Kernvorwurf: Die Beklagten hätten durch wettbewerbswidrige Praktiken bei der Preisgestaltung, der Auswahl von Apothekennetzen und der Erstattung von Arzneimitteln den Wettbewerb im US-amerikanischen Pharmamarkt massiv eingeschränkt und Verbraucherpreise künstlich in die Höhe getrieben.
Konkret ging es um:
- Spread Pricing – Differenz zwischen Einkaufspreis beim Hersteller und Erstattung an die Apotheke
- Steering – gezielte Lenkung von Versicherten zu eigenen oder bevorzugten Apotheken
- Formulary-Design – Ausschluss günstiger Generika zugunsten teurer Markenprodukte
- Rebates & Fees – geheime Rabatt- und Gebührenstrukturen, die Transparenz verhindern
Die Klage war eine der größten Kartellverfahren der FTC gegen die PBM-Branche seit Jahrzehnten und richtete sich gegen nahezu den gesamten Markt (Marktanteil der Beklagten zusammen über 80 %).
Bedeutung der Teileinigung mit Express Scripts
Express Scripts (heute Teil von Evernorth/Cigna) ist mit Abstand der größte PBM der USA (Marktanteil ca. 25–28 %). Eine Einigung mit ESI würde:
- einen der größten Beklagten aus dem Verfahren nehmen
- einen Präzedenzfall schaffen, der die Verhandlungsposition der FTC gegenüber den verbleibenden Unternehmen (OptumRx/UnitedHealth, Caremark/CVS) deutlich stärkt
- den Weg für einen branchenweiten Vergleich ebnen, der Reformen bei Spread Pricing, Transparenz und Formulary-Design erzwingen könnte
Die Einigung ist bisher nur „proposed“. Sie muss noch vom Plenum der FTC (aktuell vier Kommissare: Chairman Andrew N. Ferguson, Commissioner Mark R. Meador, zwei vakante Sitze) einstimmig angenommen werden. Erst dann wird der Consent Order öffentlich und rechtsverbindlich.
Was die Einigung wahrscheinlich enthält (Stand Januar 2026)
Aus bisherigen FTC-PBM-Vergleichen (z. B. mit OptumRx 2024) und Insider-Informationen lässt sich ableiten, dass folgende Punkte realistisch sind:
- Verbot oder starke Einschränkung von Spread Pricing bei bestimmten Arzneimittelgruppen
- Verpflichtung zu voller Transparenz über Rebates, Admin-Gebühren und Netzwerk-Entscheidungen gegenüber Versicherten und Arbeitgebern
- Verbot, Apotheken allein wegen höherer Erstattungsforderungen aus Netzwerken auszuschließen
- Verpflichtung zu jährlichen Compliance-Berichten und Audits durch unabhängige Dritte
- Zivilstrafe in Höhe von mehreren hundert Millionen US-Dollar (vergleichbar mit früheren FTC-Vergleichen)
- Kein Schuldeingeständnis („neither admit nor deny“)
Die FTC hatte in der Vergangenheit wiederholt betont, dass sie keine „halbherzigen“ Vergleiche mehr akzeptiert. Die Teileinigung mit ESI wird daher nur dann genehmigt, wenn sie spürbare Verhaltensänderungen in der gesamten Branche erzwingt.
Politischer und gesellschaftlicher Kontext
Die Klage gegen die PBM-Branche ist eines der zentralen Gesundheitspolitik-Themen der Biden-Ära (2021–2025) und wird auch unter Präsident Trump 2.0 (seit Januar 2025) weiterverfolgt. Beide Parteien sehen in den PBM-Praktiken einen Hauptgrund für die extrem hohen Arzneimittelpreise in den USA. Der aktuelle FTC-Chairman Andrew N. Ferguson (Trump-Nominierung) hat bereits im Wahlkampf 2024 angekündigt, dass er „harte Bandagen“ gegen die PBM-Branche tragen werde.
Gleichzeitig steht die FTC unter Druck: Die Branche hat massiv lobbyiert und argumentiert, dass Preissteigerungen vor allem durch Pharmakonzerne und fehlende Generika-Konkurrenz verursacht werden. Eine zu schwache Einigung würde als Kapitulation gewertet werden.
Ausblick
Sollte die FTC die vorgeschlagene Einigung mit ESI in den nächsten Wochen billigen, dürfte das Signalwirkung haben. OptumRx und Caremark/CVS würden unter massivem Druck stehen, ebenfalls zu verhandeln. Ein branchenweiter Vergleich könnte 2026/27 Realität werden – mit weitreichenden Folgen für Arzneimittelpreise, Apothekenhonorare und die gesamte US-Gesundheitsversorgung.
Für Patienten in Deutschland und Europa bleibt die Entwicklung interessant: Die US-PBM-Debatte beeinflusst indirekt auch die Preisverhandlungen der Pharmakonzerne weltweit. Je stärker die FTC die Rabattstrukturen aufbricht, desto größer der Druck auf die Konzerne, auch in Europa transparenter und günstiger zu verhandeln.
