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Forschende als Wächter der Demokratie: US Aufruf zum Handeln

Die Vereinigten Staaten haben ihre wissenschaftliche und technologische Vormachtstellung über Jahrzehnte durch demokratische Prinzipien wie Meinungsfreiheit, Rechtsstaatlichkeit und Investitionen in die Wissensgewinnung gesichert. Doch in jüngster Zeit zeigt sich, wie fragil diese Errungenschaften sind, wenn demokratische Werte und die Unabhängigkeit der Wissenschaft untergraben werden. Besonders seit dem Beginn der zweiten Amtszeit von Präsident Donald Trump im Januar 2025 stehen Wissenschaftler in den USA vor beispiellosen Herausforderungen. Die systematische Schwächung wissenschaftlicher Institutionen, die Entlassung kritischer Forscher, die Auflösung von Beratungsgremien und die Einschränkung des Zugangs zu wissenschaftlichen Daten bedrohen nicht nur die Integrität der Wissenschaft, sondern auch die Grundlagen einer freien Gesellschaft. Vor diesem Hintergrund haben Gretchen Goldman, Präsidentin der Union of Concerned Scientists, und Erica Chenoweth, Professorin an der Harvard Kennedy School, in einem Leitartikel in der Zeitschrift Science vom 14. August 2025 die Rolle der Wissenschaftler bei der Verteidigung der Demokratie beleuchtet. LabNews  Media fasst zusammen.

Angriffe auf die Wissenschaft

Die Wissenschaft in den USA sieht sich einer gezielten Schwächung ausgesetzt. Während der ersten Amtszeit von Präsident Trump (2017–2021) wurden bereits zahlreiche wissenschaftliche Gremien aufgelöst, Forschungsstipendien gestrichen und öffentliche wissenschaftliche Ressourcen, wie Websites mit Gesundheitsinformationen, entfernt. Institutionen, die einst als Schutzmechanismen dienten – wie wissenschaftliche Integritätsrichtlinien, Generalinspektoren oder der Kongress – sind heute entweder geschwächt oder in die Maßnahmen der Exekutive eingebunden. Beispielsweise wurden Wissenschaftler, die unabhängige Daten veröffentlichten, entlassen, und unliebsame Beratungsausschüsse wurden aufgelöst. Diese Entwicklungen erinnern an Strategien autoritärer Regime, die gezielt Experten unterdrücken, die Regierungshandeln hinterfragen könnten. Solche Angriffe zielen darauf ab, die Wahrheit zu kontrollieren und die Glaubwürdigkeit der Wissenschaft zu unterminieren, was die demokratische Entscheidungsfindung gefährdet.

Die Rolle der Wissenschaftler

Wissenschaftler verfügen über eine einzigartige Position in der Gesellschaft: Ihre Arbeit basiert auf Evidenz, Objektivität und Transparenz, und sie genießen ein hohes Maß an öffentlichem Vertrauen. Diese Autorität können sie nutzen, um demokratische Prinzipien zu verteidigen, insbesondere in Zeiten, in denen die Wahrheit politisch manipuliert wird. Goldman und Chenoweth betonen, dass die Wissenschaftsgemeinschaft durch den Aufbau alternativer Institutionen eine Schlüsselrolle spielen kann. Solche Institutionen reduzieren die Abhängigkeit von einer autoritären Regierung, bewahren unabhängiges Denken und bieten verlässliche wissenschaftliche Beratung für die Öffentlichkeit und andere Regierungsebenen, wie Bundesstaaten oder Kommunen.

Ein konkretes Beispiel aus der Vergangenheit zeigt den Erfolg dieses Ansatzes: Als die Trump-Regierung 2017 ein wissenschaftliches Gremium der Umweltbehörde EPA auflöste, das für die Beratung zu Luftverschmutzungsstandards zuständig war, organisierte sich das Gremium unabhängig weiter. Es überprüfte die wissenschaftlichen Beweise und unterstützte erfolgreiche juristische Schritte gegen die Regierung. Diese Arbeit führte zu schnelleren Fortschritten, als eine neue Administration die Macht übernahm. Ähnliche Initiativen entstehen derzeit, etwa eine unabhängige Version des Beratungsausschusses der Centers for Disease Control and Prevention (CDC) für Impfempfehlungen. Die Union of Concerned Scientists hat zudem ein Toolkit veröffentlicht, das Wissenschaftlern Anleitungen zur Bildung unabhängiger wissenschaftlicher Gremien bietet.

Historische Parallelen

Die Autoren verweisen auf historische Beispiele, die die Rolle von Wissenschaftlern in autoritären Kontexten verdeutlichen. In der Sowjetunion spielten dissidente Wissenschaftler eine zentrale Rolle im Widerstand gegen das Regime, indem sie unterdrückte wissenschaftliche Erkenntnisse verbreiteten und Pseudowissenschaft kritisierten. Diese sogenannten „Samisdat“-Schriften, die heimlich zirkulierten, schwächten die Kontrolle des Regimes über die Wahrheit und stärkten den Widerstand. Ähnlich unterstützte die US-Regierung während des Kalten Krieges alternative Informationsquellen hinter dem Eisernen Vorhang, um die Kontrolle autokratischer Regime zu brechen. Diese Strategien können heute als Vorbild dienen, um wissenschaftliche Wahrheit und demokratische Werte zu bewahren.

Herausforderungen und Chancen

Die Schaffung alternativer wissenschaftlicher Strukturen ist nicht ohne Herausforderungen. Unabhängige Gremien haben oft nicht die Reichweite oder Autorität offizieller Regierungsorgane, und Wissenschaftler, die sich öffentlich gegen autoritäre Maßnahmen stellen, setzen sich persönlichen Risiken aus. Dennoch bieten diese Initiativen entscheidende Vorteile: Sie bewahren wissenschaftliche Erkenntnisse im öffentlichen Raum, widerlegen gezielte Desinformation und können in rechtlichen Verfahren genutzt werden, um Regierungen zur Rechenschaft zu ziehen. Zudem können sie andere Regierungsebenen, wie lokale Behörden, mit verlässlichen wissenschaftlichen Daten versorgen, um fundierte Entscheidungen zu ermöglichen.

Ein weiterer Aspekt ist die kollektive Stärke der Wissenschaftsgemeinschaft. Einzelne Wissenschaftler mögen unterschiedliche Risikobereitschaften haben, doch gemeinschaftliches Handeln verstärkt die Wirkung. Organisationen wie die Union of Concerned Scientists oder das Nonviolent Action Lab an der Harvard Kennedy School, geleitet von Chenoweth, bieten Plattformen für koordinierte Anstrengungen. Darüber hinaus betont Chenoweths Forschung die Wirksamkeit gewaltfreien Widerstands, der durch Organisation, Training und Koalitionsbildung gestärkt wird – Prinzipien, die auch auf den wissenschaftlichen Widerstand angewendet werden können.

Trump gefährdet die Freiheit der Wissenschaft – dagegen sollte man sich wehren, fordern führende US Forschende. Symbolbild. Credits: Tom Coe/ Unsplash

Gesellschaftliche Relevanz

Die Verteidigung der Wahrheit ist eine Grundvoraussetzung für eine freie Gesellschaft. Wissenschaftler können durch ihre Arbeit nicht nur wissenschaftliche Integrität bewahren, sondern auch das Vertrauen der Öffentlichkeit in faktenbasierte Entscheidungsprozesse stärken. In einer Zeit, in der Desinformation und autoritäre Tendenzen weltweit zunehmen, ist die Rolle der Wissenschaftler als Hüter der Wahrheit und damit der Demokratie von zentraler Bedeutung. Dies erfordert jedoch Mut, Organisation und die Bereitschaft, über den akademischen Elfenbeinturm hinauszugehen und aktiv in die öffentliche Debatte einzugreifen.

Fazit

Die US-Wissenschaftsgemeinschaft steht vor der Herausforderung, in einer Zeit zunehmender autoritärer Tendenzen ihre Rolle als Wächter der Demokratie zu übernehmen. Durch den Aufbau unabhängiger wissenschaftlicher Institutionen, inspiriert von historischen Beispielen und gestützt auf die Glaubwürdigkeit der Wissenschaft, können Forscher wie Gretchen Goldman und Erica Chenoweth einen entscheidenden Beitrag leisten. Diese Bemühungen bewahren nicht nur die wissenschaftliche Integrität, sondern stärken auch die demokratischen Prinzipien, die eine freie Gesellschaft ermöglichen. Die kollektive Aktion der Wissenschaftsgemeinschaft, unterstützt durch Organisationen und strategische Ansätze, bietet eine vielversprechende Strategie, um der aktuellen Bedrohung entgegenzutreten und die Grundlagen für eine widerstandsfähige Demokratie zu sichern.

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