Das von Bundesgesundheitsministerin Nina Warken geplante Primärarztsystem, das im Koalitionsvertrag von CDU, CSU und SPD verankert ist, zielt darauf ab, die Effizienz im Gesundheitssystem zu steigern, indem Patient:innen mit unklaren Beschwerden zunächst immer einen Hausarzt oder eine Hausärztin konsultieren, bevor sie an Fachärzte weiterverwiesen werden. Trotz der Unterstützung durch Teile der Ärzteschaft, wie der Bundesärztekammer, gibt es erhebliche Zweifel an der Umsetzbarkeit und Wirksamkeit dieses Systems. Im Folgenden beantworten wir die häufigsten Fragen zu den möglichen Schwächen des Primärarztsystems und warum es möglicherweise nicht wie geplant funktionieren könnte.
1. Was ist das Primärarztsystem, das Nina Warken einführen will?
Das Primärarztsystem sieht vor, dass gesetzlich Versicherte bei gesundheitlichen Problemen zuerst ihren Hausarzt oder ihre Hausärztin aufsuchen müssen. Diese fungieren als zentrale Koordinationsstelle und entscheiden, ob und an welchen Facharzt die Patient:innen weiterverwiesen werden. Ausnahmen gelten für Besuche bei Fachärzten für Augenheilkunde und Gynäkologie. Ziel ist es, Doppeluntersuchungen zu vermeiden, die Versorgung effizienter zu gestalten und Kosten im Gesundheitssystem zu senken. Warken betont, dass das System nicht mit der früheren Praxisgebühr vergleichbar sei, sondern auf bessere Steuerung und schnellere Versorgung setze, unter anderem durch eine Termin-Garantie für Facharztbesuche.
2. Warum wird das Primärarztsystem kritisiert?
Das Primärarztsystem stößt auf mehrere Kritikpunkte, die seine Funktionsfähigkeit infrage stellen:
- Mangel an Hausärzten: In vielen Regionen, besonders im ländlichen Raum, gibt es bereits jetzt einen Mangel an Hausärzt:innen. Laut der Deutschen Stiftung Patientenschutz müsste jede Hausarztpraxis zusätzlich etwa 2.000 Patient:innen betreuen, was bei der aktuellen Überlastung vieler Praxen unrealistisch ist. Viele Praxen lehnen bereits jetzt Neupatient:innen ab.
- Verzögerungen in der Versorgung: Kritiker:innen, wie das Deutsche Psychotherapeuten Netzwerk (DPNW), warnen, dass die vorgeschaltete Hausarztinstanz den Zugang zu spezialisierten Behandlungen, insbesondere in der Psychotherapie, unnötig verzögern könnte. Für psychisch kranke Menschen könnte dies fatale Folgen haben, da schnelle Hilfe entscheidend ist.
- Eingeschränkte Wahlfreiheit: Das System schränkt die freie Arztwahl ein, was bei Patient:innen auf Widerstand stößt. Zwei Drittel der Deutschen glauben laut einer Umfrage der Deutschen Stiftung Patientenschutz nicht, dass das System die Versorgung verbessert oder signifikante Kosteneinsparungen bringt.
- Unrealistische Einsparpotenziale: Die Bundesregierung erhofft sich Einsparungen von etwa zwei Milliarden Euro. Die Kassenärztliche Bundesvereinigung (KBV) hält diese Erwartungen für unrealistisch, da die strukturellen Probleme, wie der Hausärztemangel, nicht kurzfristig gelöst werden können.
- Spezialisierte Versorgung gefährdet: Fachgesellschaften, wie die der Orthopädie und Unfallchirurgie, warnen, dass das System den direkten Zugang zu spezialisierten Ärzt:innen, etwa für Unfallopfer, erschweren könnte, was die Versorgungsqualität beeinträchtigen würde.
3. Welche strukturellen Probleme machen die Umsetzung schwierig?
Das deutsche Gesundheitssystem steht vor mehreren Herausforderungen, die die Einführung eines Primärarztsystems erschweren:
- Überlastung der Hausarztpraxen: Hausärzt:innen sind oft bereits jetzt überlastet. Die zusätzliche Verantwortung, alle Patient:innen zu koordinieren, könnte die Wartezeiten verlängern und die Qualität der Versorgung beeinträchtigen.
- Fehlende Anreize für den Hausarztberuf: Um den Hausärztemangel zu bekämpfen, müssen Anreize für junge Mediziner:innen geschaffen werden, sich für diesen Beruf zu entscheiden. Warken spricht von solchen Maßnahmen, hat aber noch keine konkreten Pläne vorgelegt.
- Bürokratischer Aufwand: Kritiker:innen befürchten, dass das System zusätzliche Bürokratie verursacht, etwa durch die Koordination zwischen Haus- und Fachärzt:innen, was die Effizienzziele konterkarieren könnte. Dies erinnert an die unbeliebte Praxisgebühr (2004–2012), die ebenfalls mehr Bürokratie als Einsparungen brachte.
- Ungleichheit in der Versorgung: Eine aktuelle Analyse zeigt, dass gesetzlich Versicherte doppelt so lange auf Arzttermine warten wie Privatversicherte. Das Primärarztsystem könnte diese Ungleichheit verschärfen, wenn Hausärzt:innen überlastet sind und Termine schwerer zu bekommen sind.
4. Warum wird Nina Warkens Expertise infrage gestellt?
Nina Warken, seit Mai 2025 Bundesgesundheitsministerin, steht in der Kritik, da sie keine spezifische Erfahrung in der Gesundheitspolitik mitbringt. Als Juristin und ehemalige Generalsekretärin der CDU Baden-Württemberg hat sie sich vor allem mit Innen- und Rechtspolitik beschäftigt. Kritiker:innen, wie die ZEIT und die WELT, bezeichnen ihre Ernennung als „Rätsel“ und zweifeln, ob sie die komplexen Herausforderungen des Gesundheitswesens bewältigen kann. Ihre erste Rede als Ministerin ließ konkrete Pläne zum Primärarztsystem vermissen, was die Skepsis verstärkt.
Warken selbst sieht ihre fehlende gesundheitspolitische Vorerfahrung als Vorteil, da sie unvoreingenommen an die Probleme herangehe. Unterstützt wird sie von erfahrenen Staatssekretären wie Tino Sorge und Dr. Georg Kippels, dennoch bleibt die Frage, ob sie die notwendige Fachkompetenz und Durchsetzungskraft für eine solch weitreichende Reform hat.
5. Gibt es Beispiele, wo ein Primärarztsystem funktioniert?
Ja, in Ländern wie Dänemark oder den Niederlanden gibt es funktionierende Primärarztsysteme. Diese Länder haben jedoch andere Rahmenbedingungen, etwa eine höhere Dichte an Hausärzt:innen und eine stärkere Digitalisierung im Gesundheitswesen. In Deutschland fehlen diese Voraussetzungen teilweise. Der Hausärzteverband Hessen betont, dass die bestehende Hausarztzentrierte Versorgung (HZV), an der bundesweit etwa 10 Millionen Patient:innen teilnehmen, als Grundlage für ein Primärarztsystem genutzt werden könnte. Allerdings erfordert dies strukturelle Anpassungen, etwa in der Vergütung und Fortbildung, die noch nicht ausreichend konkretisiert sind.
6. Was sagen Befürworter:innen des Systems?
Befürworter:innen, wie die Bundesärztekammer und der Hausärzteverband, argumentieren, dass ein Primärarztsystem die Versorgung verbessern kann, indem es:
- Doppeluntersuchungen reduziert: Hausärzt:innen kennen ihre Patient:innen und können unnötige Facharztbesuche vermeiden.
- Effizienz steigert: Durch zentrale Steuerung sollen Ressourcen besser genutzt werden.
- Chronisch Kranke besser betreut: Studien zeigen, dass ein starkes Hausarztmodell die Versorgung von Patient:innen mit chronischen Erkrankungen verbessert.
Die Bundesärztekammer schlägt zudem ein gestuftes Versicherungssystem vor, bei dem Patient:innen zwischen einem günstigeren Tarif mit Hausarztbindung und einem teureren Tarif mit freier Arztwahl wählen können, um die Wahlfreiheit zu bewahren.
7. Welche Alternativen gibt es zum Primärarztsystem?
Kritiker:innen schlagen vor, statt eines verpflichtenden Primärarztsystems andere Maßnahmen zu priorisieren:
- Stärkung der Hausarztversorgung: Anreize für junge Mediziner:innen, Hausarztpraxen zu übernehmen, und bessere Vergütung könnten den Mangel lindern, ohne die Wahlfreiheit einzuschränken.
- Digitale Lösungen: Eine bessere Vernetzung von Arztpraxen und die Weiterentwicklung der elektronischen Patientenakte (ePA) könnten die Koordination verbessern, ohne Patient:innen zu zwingen, immer den Hausarzt zu konsultieren.
- Direktzugang für spezialisierte Versorgung: Fachgesellschaften fordern, den direkten Zugang zu bestimmten Fachärzt:innen, wie Unfallchirurg:innen oder Psychotherapeut:innen, beizubehalten, um schnelle Hilfe zu gewährleisten.
8. Wie wahrscheinlich ist es, dass das Primärarztsystem scheitert?
Die Wahrscheinlichkeit eines Scheiterns hängt von mehreren Faktoren ab:
- Politische Umsetzung: Warken hat angekündigt, das System „schnell umzusetzen“, doch ohne konkrete Pläne zur Lösung des Hausärztemangels und zur Finanzierung bleibt die Umsetzung fraglich.
- Akzeptanz in der Bevölkerung: Die breite Ablehnung in der Bevölkerung könnte den politischen Druck erhöhen, das System abzuschwächen oder aufzugeben.
- Strukturelle Hürden: Ohne massive Investitionen in die Hausarztversorgung und eine bessere digitale Infrastruktur wird das System kaum die gewünschte Effizienz erreichen.
Experten wie Eugen Brysch von der Deutschen Stiftung Patientenschutz sehen das System als schlecht durchdacht und warnen vor einer Verschlechterung der Versorgung, wenn die Kapazitäten nicht ausreichen.
Fazit
Das Primärarztsystem von Nina Warken hat das Potenzial, die Effizienz im Gesundheitssystem zu steigern, steht jedoch vor erheblichen Herausforderungen. Der Mangel an Hausärzt:innen, die eingeschränkte Wahlfreiheit, mögliche Verzögerungen in der Versorgung und die unrealistischen Einsparerwartungen sind zentrale Kritikpunkte. Ohne strukturelle Reformen, wie die Stärkung der Hausarztversorgung und eine bessere digitale Vernetzung, besteht die Gefahr, dass das System die Versorgung eher verschlechtert als verbessert. Warkens fehlende gesundheitspolitische Erfahrung und die bisher vagen Pläne verstärken die Skepsis. Ob das System scheitert, hängt davon ab, ob die Regierung die genannten Hürden in den kommenden Monaten angehen kann.
Haftungsausschluss: Die Antwort basiert auf einer Analyse aktueller Informationen und Quellen. Die tatsächliche Entwicklung des Primärarztsystems kann von den hier dargestellten Einschätzungen abweichen.
Quellen:
- tagesschau.de
- Stuttgarter Nachrichten
- RND
- ZEIT ONLINE
- Hausärzteverband Hessen
- Deutsches Ärzteblatt
- aend.de
- WELT
- WDR
- openpr.de
- Bundesgesundheitsministerium
- kma-online.de
- Tagesspiegel
