Erster bekannter Fall des Toskana-Virus in Müllheimer Klinik: Frau infiziert sich auf Elba und kämpft mit schweren Komplikationen

Eine Frau aus Müllheim im Markgräflerland hat nach einem Urlaub auf der italienischen Insel Elba eine seltene Virusinfektion eingeschleppt, die in Deutschland kaum bekannt ist. Das Toskana-Virus, übertragen durch Sandmücken, führte bei der 59-Jährigen zunächst zu grippeähnlichen Symptomen, die sich rasch zu einer Hirnhautentzündung und später zu einer reaktiven Arthritis entwickelten. In der Helios-Klinik Müllheim handelt es sich um den ersten dokumentierten Fall dieser Art. Die Behandlung dauerte Wochen und umfasste intensive Diagnostik sowie symptomatische Maßnahmen. Der Vorfall unterstreicht die Risiken von Insektenstichen in Südeuropa und mahnt zu einer besseren Sensibilisierung von Reisenden und Ärzten für importierte Tropenkrankheiten.

Das Toskana-Virus, wissenschaftlich Toscana-Virus (TOSV), zählt zu den Phleboviren und wird hauptsächlich durch Sandmücken der Gattung Phlebotomus übertragen. Diese kleinen Insekten, die tagsüber aktiv sind, dienen als Vektoren, während Säugetiere wie Schafe, Ziegen oder Fledermäuse als Reservoire fungieren. Die Erkrankung, auch Sandmückenfieber genannt, ist im Mittelmeerraum endemisch, insbesondere in Italien, Spanien, Frankreich und Griechenland. In Italien verursacht TOSV bis zu 40 Prozent der sommerlichen Fälle von Hirnhautentzündungen bei Kindern in Regionen wie der Toskana. Die Inkubationszeit beträgt typischerweise drei bis sieben Tage, kann aber bis zu zwei Wochen dauern. Die meisten Infektionen verlaufen asymptomatisch oder mild, mit Fieber, Kopfschmerzen und Müdigkeit. In bis zu 10 Prozent der Fälle wird das zentrale Nervensystem befallen, was zu Meningitis oder Enzephalitis führt. Schwere Verläufe mit bleibenden Schäden oder Todesfällen sind selten, treten aber bei vulnerablen Gruppen wie Älteren oder Immunschwachen auf.

In Deutschland sind Fälle des Toskana-Virus extrem rar und meist importiert. Seit den 1990er Jahren wurden vereinzelte Nachweise in Baden-Württemberg gemacht, wo Sandmücken durch den Klimawandel zunehmend vorkommen. Eine retrospektive Studie aus dem Südwesten des Landes identifizierte 2021 vier Fälle unter 100 Patienten mit Verdacht auf virale Meningoenzephalitis, davon zwei serologisch bestätigt. Bis 2025 hat sich die Situation nicht grundlegend geändert: Das Robert Koch-Institut (RKI) meldet keine signifikante Zunahme, doch Experten warnen vor einer Ausbreitung durch wärmere Sommer. Die Dunkelziffer ist hoch, da TOSV nicht routinemäßig getestet wird – nur bei Verdacht auf Reisekrankheiten. In der EU werden jährlich Hunderte Fälle registriert, vor allem in Italien, wo Elba als Hotspot gilt. Die Insel, ein beliebtes Ziel für Deutsche mit ihren Stränden und Wanderwegen, birgt durch ihre mediterrane Flora und Fauna ein erhöhtes Risiko für Vektorkrankheiten.

Der Fall der Müllheimerin Birgit S. illustriert die typische Dynamik einer solchen Infektion. Der Urlaub im Spätsommer 2025 sollte eine entspannte Auszeit mit Mountainbike-Touren werden. Stattdessen fielen aggressiv stichende Insekten auf, die die Haut der 59-Jährigen und ihres Mannes stark reizten. Die Entzündungen wurden zunächst als harmlos abgetan. Sechs Tage nach der Rückkehr setzten Symptome ein: Starke Nacken- und Kopfschmerzen, Augenschmerzen, Erbrechen und Fieber. Birgit S. hielt es zunächst für eine Corona-Infektion, da Kollegen erkrankt waren. Die Beschwerden eskalierten jedoch: Lichtempfindlichkeit, Verwirrtheit und Gedächtnislücken machten sie handlungsunfähig – sie konnte weder ihre Körpergröße noch ihren Beruf nennen. Ein Gefühl der Desorientierung, als säße der Kopf in einer Blase, beschrieb sie später.

Am 1. Oktober 2025 wurde sie in die Helios-Klinik Müllheim eingeliefert, wo eine Hirnhautentzündung diagnostiziert wurde. Die Ärzte unter leitendem Oberarzt Björn Reuter initiierten sofort eine breite Therapie mit Antibiotika und antiviralen Mitteln, da unklar war, ob der Erreger viral oder bakteriell war. Lumbalpunktionen, CT-Scans und Bluttests folgten, doch gängige deutsche Pathogene wie Enteroviren oder FSME blieben negativ. Die Besserung setzte langsam ein, doch die Reiseanamnese – Elba und Mückenstiche – gab den entscheidenden Hinweis. Tests auf West-Nil- und Toskana-Virus ergaben nach drei Wochen das positive Ergebnis für TOSV. Es war der erste Fall in der Klinikgeschichte. Die Behandlung blieb symptomatisch: Kein spezifisches Antiserum existiert, stattdessen lindern Medikamente Fieber und Schmerzen. Nach zehn Tagen Krankenhausaufenthalt folgte eine Heimtherapie, doch Komplikationen lauerten: Starke Gelenkschmerzen, Schwellungen und Rötungen deuteten auf eine reaktive Arthritis hin, eine autoimmune Nachwirkung der Infektion. Ein Knie entzündete sich, eine Hand schwoll an – Birgit S. konnte kaum laufen.

Heute, Ende November 2025, ist die Patientin auf dem Weg der Besserung. Die Gelenke sind abgeschwollen, Kopfschmerzen verschwunden. Sie betont die Rolle des Ärzteteams: „Sie haben nicht aufgegeben, weitergedacht und mich ernst genommen.“ Der Fall dient als Mahnung: In Zeiten globaler Mobilität und Klimawandel importieren Reisende Erreger, die hier fehl am Platz sind. Oberarzt Reuter fordert: Bei Mittelmeerurlaubern mit Fieber oder neurologischen Symptomen muss auf seltene Viren getestet werden. Prävention ist entscheidend: Längere Kleidung, Insektensprays mit DEET und Moskitonetze reduzieren das Risiko um bis zu 90 Prozent. Besonders in der Dämmerung, wenn Sandmücken aktiv sind, sollte man vorsichtig sein. Das RKI empfiehlt, Reisenachweise bei Verdacht zu teilen, um Kettenbrüche zu vermeiden.

Der Hintergrund zeigt, wie der Klimawandel solche Erkrankungen begünstigt. Wärmere Temperaturen erweitern das Verbreitungsgebiet von Vektoren: Sandmücken, die TOSV tragen, wandern nordwärts. In Italien stiegen Fälle 2025 um 15 Prozent, mit Clustern auf Elba und in der Toskana. Die Insel, mit ihren 40.000 Einwohnern und Millionen Touristen jährlich, ist ein Hotspot: 2018 gab es zwei Ausbrüche mit Dutzenden Betroffenen. In Deutschland, wo Sandmücken seit 2014 nachgewiesen sind, könnte TOSV endemisch werden – ähnlich wie das West-Nil-Virus, das 2025 neun Tote in Italien forderte. Experten schätzen eine Seroprävalenz von unter 1 Prozent, doch bei Reiserückkehrern liegt sie höher. Die EU überwacht dies im Rahmen des One Health-Ansatzes, der Mensch, Tier und Umwelt verknüpft.

Für Betroffene wie Birgit S. bleibt die Infektion eine Warnung: Ein kleiner Stich kann Monate der Qual bedeuten. Sie plant, ihre Geschichte zu teilen, um Sensibilität zu schaffen. Die Helios-Klinik nutzt den Fall für Fortbildungen: Frühe Tests auf Arboviren können Leben retten. In einer globalisierten Welt, wo 70 Millionen Deutsche jährlich reisen, wächst die Relevanz solcher Fälle. Der Vorfall in Müllheim erinnert: Urlaubsparadiese bergen Risiken, die mit Wissen minimiert werden können. Reisende sollten sich informieren, und Ärzte den Blick für Exotika schärfen – für eine sichere Rückkehr.

Quellen:

  • https://www.badische-zeitung.de/toskana-virus-muellheim-elba
  • https://www.biowellmed.de/toskana-virus-meningoenzephalitis-symptome-therapie/
  • https://www.abendblatt.de/ratgeber/gesundheit/article107830917/Toskana-Viren-tauchen-erstmals-in-Deutschland-auf.html
  • https://www.gesundheit.gv.at/labor/laborwerte/infektionen-virus/toskana-virus-rna-pcr-qualitativ-tosvpql2.html
  • https://www.adac.de/news/reise-west-nil-fieber-italien/
  • https://bmcneurol.biomedcentral.com/articles/10.1186/s12883-021-02528-7
  • https://www.ecdc.europa.eu/en/toscana-virus-infection
  • https://www.journalofinfection.com/article/S0163-4453(25)00009-X/fulltext
  • https://wwwnc.cdc.gov/eid/article/16/6/09-1763_article
  • https://www.sciencedirect.com/topics/biochemistry-genetics-and-molecular-biology/toscana-virus

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