Die Universität Birmingham startet ein bahnbrechendes Forschungsprojekt, um die Vor- und Nachteile des Dampfens als Raucherentwöhnungsmethode langfristig zu beleuchten. Mit einer Finanzierung von 1,55 Millionen Pfund durch den Medical Research Council (MRC) untersucht die EVALUATE-Studie erstmals über ein Jahr hinweg, wie E-Zigaretten die Atemwege beeinflussen. Dies könnte entscheidende Daten liefern, um die Sicherheit des Dampfens als Übergangslösung zu klären und Risiken bei längerer Nutzung zu bewerten.
Im Gegensatz zu früheren Untersuchungen, die nur Momentaufnahmen der Lungenfunktion erfassten, verfolgt EVALUATE die Veränderungen dynamisch über 12 Monate. Das Projekt richtet den Blick auf biologische Effekte des Dampfens bei Lungenepithelzellen, Immunzellen, Entzündungsmarkern und dem Atemwegsmikrobiom. Ziel ist es, zu verstehen, ob und wie E-Zigaretten die Erholung der Lunge nach dem Rauchen fördern oder schädigen.
An der Studie nehmen 200 gesunde Raucher aus der Raucherentwöhnungsklinik und den Community-Diensten des University Hospitals Birmingham (UHB) NHS Foundation Trust teil. Die Hälfte der Probanden wechselt zu Nikotinersatztherapien wie Pflastern oder Kaugummis, die andere Hälfte zu E-Zigaretten. Ergänzt wird die Gruppe durch 40 Personen, die weder geraucht noch gedampft haben, um Vergleichsdaten zu liefern. Über das gesamte Jahr werden regelmäßig Proben entnommen, darunter Blut, Immunzellen und Epithelzellen aus den Atemwegen – letztere durch Bronchoskopien.
Leitender Forscher Aaron Scott, außerordentlicher Professor für Atemwegswissenschaften am UHB, betont die Bedeutung der Zelluntersuchungen. Die Atemwegsimmunzellen und das Epithel, das die Lunge auskleidet, seien zentral für die Entstehung rauchbedingter Erkrankungen. Frühere Laborexperimente aus Scotts Team zeigten bereits, dass Schadstoffe im E-Zigaretten-Dampf – entstanden durch den Abbau des E-Liquids – Immunzellen schädigen können, unabhängig vom Nikotin. Einige dieser Toxine ähneln Bestandteilen des Zigarettenrauchs und könnten die Atemwege belasten.
Das interdisziplinäre Team analysiert zudem Veränderungen im Mikrobiom der Atemwege. Milliarden Mikroorganismen in den Lungen und auf den Schleimhäuten halten ein empfindliches Gleichgewicht, das Rauchen massiv stört. Die Studie wird klären, ob Dampfen dieses Gleichgewicht wiederherstellt oder weiter destabilisiert, und wie sich dies über die Zeit entwickelt. Ergänzt wird dies durch eine Multi-Omics-Analyse, die Gen- und Protein-Expression verfolgt, um molekulare Mechanismen der Zellregeneration nach dem Rauchstopp zu entschlüsseln.
Professor David Thickett, Leiter der Atemmedizin an der Universität Birmingham und klinischer Koordinator des Projekts, hebt hervor, dass EVALUATE klare Daten zur Sicherheit des Dampfens als Kurzzeitstrategie liefern wird. Gleichzeitig soll es Risiken bei langfristiger Nutzung aufzeigen, damit Betroffene fundierte Entscheidungen treffen können – etwa, wie lange E-Zigaretten nach dem Rauchstopp verwendet werden sollten. Die Studie läuft parallel zu einer klinischen Trial bei Patienten mit chronisch obstruktiver Lungenerkrankung (COPD), die den Einfluss von E-Zigaretten in vulnerablen Gruppen prüft.
Weitere Partner, darunter die University of Bath und Aberystwyth University, untersuchen die Akkumulation von Schadstoffen in den Atemwegen mittels Massenspektrometrie. Dies ermöglicht präzise Messungen, wie sich Toxine vom Rauchen zum Dampfen verändern und ob sie die Immunfunktion beeinträchtigen. Das NIHR Birmingham Biomedical Research Centre unterstützt die Probenentnahme und -analyse.
Die Rekrutierung beginnt im Herbst 2025. Interessierte Raucher können sich per E-Mail an die UHB-Raucherentwöhnungsklinik wenden. Die Ergebnisse könnten die öffentliche Gesundheitspolitik nachhaltig beeinflussen, insbesondere angesichts des wachsenden Dampfens unter Jugendlichen und Ex-Rauchern. Bisherige Evidenz deutet an, dass E-Zigaretten schädlicher als Nichtrauchen, aber weniger riskant als Zigaretten sind – doch Langzeitdaten fehlen.
Experten wie Jonathan Blades von Asthma and Lung UK fordern ergänzende Maßnahmen: Neben mehr Forschung sei eine schnelle Verabschiedung des Tobacco and Vapes Bill essenziell, um das Marketing von E-Zigaretten an Jugendliche einzudämmen. Das britische Gesundheitsministerium betont: Dampfen ist eine effektive Hilfestellung zum Rauchstopp, aber für Nichtraucher und Kinder absolut tabu.
EVALUATE markiert einen Meilenstein in der Tabakforschung und könnte helfen, Millionen von Rauchern bei der sicheren Entwöhnung zu unterstützen, während es die Grenzen des Dampfens als gesundheitliche Alternative aufzeigt. Die Universität Birmingham baut damit auf ihrer internationalen Expertise in E-Zigaretten-Studien auf und verspricht praxisnahe Erkenntnisse für Kliniken und Präventionsprogramme.
