Eingeschleppte Erkrankungen durch Migration – Fakten, Risiken und Prävention

Die Debatte über Migration und Gesundheit ist komplex und oft von Vorurteilen geprägt. Häufig wird die Sorge geäußert, dass Migration mit der Einschleppung von Infektionskrankheiten einhergeht. Doch wie groß ist das Risiko tatsächlich, und wie wird damit umgegangen? Dieser Bericht beleuchtet die gesundheitlichen Herausforderungen im Zusammenhang mit Migration, basierend auf wissenschaftlichen Erkenntnissen und aktuellen Daten.

Krankheitsspektrum: Ähnlichkeiten und Unterschiede

Menschen mit Migrationshintergrund weisen ein Krankheitsspektrum auf, das dem der einheimischen Bevölkerung weitgehend ähnelt. Ausnahmen bilden seltene erbliche Stoffwechselerkrankungen oder bestimmte Infektionskrankheiten, die in den Herkunftsländern häufiger vorkommen. Zum Zeitpunkt der Einwanderung spiegeln übertragbare Erkrankungen die epidemiologische Situation des Herkunftslandes wider, etwa höhere Inzidenzen von Tuberkulose oder Hepatitis. Mit der Zeit werden jedoch die Lebensbedingungen im Aufnahmeland und der Zugang zur medizinischen Versorgung entscheidend für die Gesundheit der Migranten.

Infektionskrankheiten: Tuberkulose im Fokus

Tuberkulose (Tbc) wird oft als Beispiel für eine durch Migration „eingeschleppte“ Krankheit genannt. In Deutschland ist die Zahl der Tbc-Fälle seit der Flüchtlingskrise 2015 leicht gestiegen, von 5.426 Fällen im Jahr 2014 auf 5.959 im Jahr 2016, sank jedoch 2017 auf 5.486. Über 70 % der neu diagnostizierten Tbc-Patienten haben einen Migrationshintergrund, insbesondere aus Hochprävalenzländern mit Inzidenzen von mehreren Hundert Fällen pro 100.000 Einwohner. Zum Vergleich: In Deutschland liegt die Inzidenz bei unter 2 Fällen pro 100.000 bei der einheimischen Bevölkerung.

Dennoch betonen Experten, dass die Gefahr einer Übertragung auf die einheimische Bevölkerung gering ist, da Tuberkulose nicht leicht übertragbar ist und begrenzte Kontakte zwischen Migranten und Einheimischen bestehen. Maßnahmen wie Thorax-Röntgenaufnahmen bei der Einreise oder immunologische Tests (z. B. Interferon-gamma Release Assay) helfen, Lungentuberkulose früh zu erkennen. Allerdings erfassen diese Screenings nicht alle Fälle, weshalb die Bedeutung solcher Maßnahmen nicht überschätzt werden sollte.

Andere Infektionskrankheiten

Neben Tuberkulose werden auch andere Infektionskrankheiten wie Hepatitis B und C, Windpocken, Masern, Krätze oder Magen-Darm-Infekte bei Migranten häufiger diagnostiziert. Diese resultieren oft aus den Bedingungen während der Flucht, wie mangelnder Hygiene, beengten Unterkünften oder unzureichendem Impfschutz. Seltene tropische Krankheiten wie Leishmaniose oder Typhus treten vereinzelt auf, spielen jedoch in der Migrantenmedizin eine untergeordnete Rolle. Die Gefahr der Einschleppung exotischer Erreger wie Ebola oder Lassa-Virus ist äußerst gering und erfolgt eher durch Reisende oder medizinisches Personal als durch Migranten.

Wichtig ist die Erkenntnis, dass Migranten keine Bedrohung für die einheimische Bevölkerung darstellen, sondern selbst eine gefährdete Gruppe sind. Enge Unterkünfte, prekäre Arbeitsbedingungen und eingeschränkter Zugang zur Gesundheitsversorgung erhöhen ihr Krankheitsrisiko. Beispielsweise zeigte sich während der COVID-19-Pandemie, dass Migranten ein bis zu 84 % höheres Infektionsrisiko und eine 46 % höhere Sterblichkeit hatten, was auf sozioökonomische Faktoren wie beengte Wohnverhältnisse zurückzuführen ist.

Psychische Gesundheit und chronische Erkrankungen

Neben Infektionskrankheiten sind psychische Belastungen eine bedeutende Herausforderung. Migration ist mit Stressfaktoren wie Trennung von der Familie, Diskriminierung, Armut oder traumatischen Fluchterfahrungen verbunden. Die Rate posttraumatischer Belastungsstörungen bei Geflüchteten ist bis zu zehnmal höher als in der Allgemeinbevölkerung. Junge Geflüchtete sind besonders anfällig für psychische Erkrankungen, da sie oft mehreren Risikofaktoren wie Missbrauch, Armut oder Gewalterfahrungen ausgesetzt sind.

Chronische Erkrankungen wie Herz-Kreislauf-Erkrankungen, Diabetes oder Krebs treten bei Migranten seltener auf, wenn sie ankommen, da sie oft jünger und gesünder sind („Healthy Migrant Effect“). Mit der Zeit steigt jedoch das Risiko, da sich Lebensgewohnheiten ändern, etwa durch ungesunde Ernährung oder geringere Bewegung. Ältere Migranten zeigen einen schlechteren Gesundheitszustand, was mit sozialer Benachteiligung und begrenztem Zugang zur Gesundheitsversorgung zusammenhängt.

Prävention und Gesundheitsversorgung

Die Gesundheitsversorgung von Migranten steht vor mehreren Herausforderungen. Sprachliche und kulturelle Barrieren, unzureichende Gesundheitsaufklärung und administrative Hürden erschweren den Zugang zu medizinischen Leistungen. Besonders vulnerable Gruppen wie irreguläre Migranten oder Asylsuchende ohne gesicherten Aufenthaltsstatus sind oft unterversorgt.

Zur Prävention gehören gezielte Impfprogramme, wie sie die Ständige Impfkommission (STIKO) empfiehlt. Impfungen gegen Masern, COVID-19 oder Windpocken werden bei der Ankunft priorisiert, da der Impfstatus vieler Migranten unklar ist. Hygienemaßnahmen wie Händewaschen oder die Bereitstellung sauberen Trinkwassers können das Risiko wasserbürtiger Krankheiten wie Cholera minimieren, die in Europa gut kontrollierbar sind.

Gesellschaftliche Wahrnehmung und Vorurteile

Die Sorge vor „eingeschleppten Krankheiten“ wird in der öffentlichen Debatte oft übertrieben. Studien, wie die der Lancet-Kommission für Migration und Gesundheit, zeigen, dass Migration die öffentliche Gesundheit eher stärkt als gefährdet. Migranten sind oft jung und gesund und tragen zur Wirtschaft und Gesundheitsversorgung bei. Die Angst vor Krankheitsübertragung speist sich häufig aus Stereotypen, obwohl die Übertragung von Migranten auf Einheimische selten ist.

Einige X-Posts verstärken diese Ängste, indem sie Migration mit der Rückkehr ausgestorbener Krankheiten wie Kinderlähmung oder Syphilis verknüpfen. Solche Behauptungen sind jedoch oft nicht durch Fakten belegt und bedürfen kritischer Prüfung.

Fazit

Migration bringt gesundheitliche Herausforderungen mit sich, insbesondere durch höhere Inzidenzen bestimmter Infektionskrankheiten und psychische Belastungen. Doch die Risiken sind überschaubar, und Migranten stellen keine Gefahr für die öffentliche Gesundheit dar. Vielmehr sind sie selbst durch prekäre Lebensbedingungen gefährdet. Effektive Prävention, verbesserte Gesundheitsversorgung und der Abbau von Vorurteilen sind entscheidend, um die Gesundheit von Migranten und der gesamten Gesellschaft zu fördern. Eine bessere Datenlage und interkulturelle Kompetenz im Gesundheitswesen könnten helfen, die Versorgung zu optimieren und gleiche Zugangschancen zu schaffen.

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