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Diphtherieausbruch 2022: Übertragungswege entlang Migrationsrouten entschlüsselt

Typisch schwarze Kolonien von Diphtheriebakterien (Corynebacterium diphtheriae), kultiviert am Institut für Medizinische Mikrobiologie auf einem speziellen Nährmedium in einer Petrischale. | Quelle: Farah Fiechter und Frank Imkamp | Copyright: Universität Zürich

Im Jahr 2022 führte ein Diphtherieausbruch in Westeuropa zum stärksten Anstieg gemeldeter Infektionen seit 70 Jahren. Eine im New England Journal of Medicine veröffentlichte Studie eines europäischen Forschungskonsortiums zeichnet nun erstmals die Übertragungswege nach. Klinische und genomische Daten deuten auf Infektionsquellen entlang etablierter Migrationsrouten nach Europa, insbesondere der Balkanroute. Trotz rascher Eindämmung verursachen Bakterienstämme aus diesem Ausbruch weiterhin vereinzelte Neuinfektionen, was anhaltende Wachsamkeit erfordert.

Diphtherie, eine durch das Bakterium Corynebacterium diphtheriae ausgelöste, meldepflichtige Infektionskrankheit, wurde 2022 in mehreren europäischen Ländern ungewöhnlich häufig registriert. Betroffen waren vor allem geflüchtete Personen, die kurz zuvor nach Europa eingereist waren, während Ansteckungen in der einheimischen Bevölkerung nicht dokumentiert wurden. Die Studie analysierte 363 bakterielle Isolate aus zehn Ländern – Deutschland (118), Österreich (66), Vereinigtes Königreich (59), Schweiz (52), Frankreich (30), Belgien (21), Norwegen (8), Niederlande (5), Italien (3) und Spanien (1) – und lieferte detaillierte Einblicke in die Verbreitung und Eigenschaften der Bakterienstämme.

Typisch schwarze Kolonien von Diphtheriebakterien (Corynebacterium diphtheriae), kultiviert am Institut für Medizinische Mikrobiologie auf einem speziellen Nährmedium in einer Petrischale. | Quelle: Farah Fiechter und Frank Imkamp | Copyright: Universität Zürich
Typisch schwarze Kolonien von Diphtheriebakterien (Corynebacterium diphtheriae), kultiviert am Institut für Medizinische Mikrobiologie auf einem speziellen Nährmedium in einer Petrischale. | Quelle: Farah Fiechter und Frank Imkamp | Copyright: Universität Zürich

Die Analyse ergab eine hohe genetische Ähnlichkeit der Diphtheriestämme, was auf eine gemeinsame Infektionsquelle oder anhaltende Übertragungen an spezifischen Punkten entlang der Migrationsrouten hindeutet. Besonders die Balkanroute, die Länder wie Albanien, Serbien und Kroatien umfasst, wurde als zentraler Übertragungspfad identifiziert. Von 362 Patienten waren 98 % männlich, mit einem Durchschnittsalter von 18 Jahren. 96 % waren kürzlich eingereist, und von den 266 Patienten mit bekannten Herkunftsländern stammten 83 % aus Afghanistan oder Syrien. Insgesamt wurden 28 Transitländer genannt, was die Komplexität der Migrationswege unterstreicht.

Klinisch zeigte sich, dass 77 % der Patienten an kutaner Diphtherie litten, die Hautwunden verursacht, während 15 % die gefährlichere respiratorische Form mit Symptomen im Rachenraum entwickelten. Toxinbildende Bakterien können lebensbedrohliche Komplikationen wie Atemwegsprobleme oder Herzmuskelschäden hervorrufen. Die rasche Reaktion – einschließlich Kontaktverfolgung und Untersuchung auf Sekundärfälle – konnte den Ausbruch bis Ende 2022 eindämmen. Dennoch wurden in einigen Ländern weiterhin Infektionen mit den gleichen Stämmen beobachtet, was die Notwendigkeit kontinuierlicher Überwachung verdeutlicht.

Ein Schlüssel zum Erfolg war der grenzüberschreitende Austausch von Sequenzierungsdaten, der es ermöglichte, die Gemeinsamkeiten der Stämme schnell zu erkennen. Dies erleichterte gezielte Maßnahmen, etwa die Identifizierung von Resistenzen gegen Antibiotika wie Erythromycin, die durch antimikrobielle Tests bestätigt wurden. Der Impfstatus der Patienten war oft unklar: Nur vier waren nachweislich geimpft, zehn ungeimpft, und bei 290 war der Status unbekannt. Vollständig Geimpfte haben ein sehr geringes Erkrankungsrisiko, weshalb Experten eine Auffrischungsimpfung alle zehn Jahre empfehlen, insbesondere für vulnerable Gruppen wie Migranten, Obdachlose oder medizinisches Personal.

Die Studie betont die Bedeutung eines robusten Impfschutzes und der Sensibilisierung von Gesundheitsdienstleistern für Diphtheriesymptome, insbesondere bei Personen mit Kontakt zu Risikogruppen. Diphtherie wird hauptsächlich durch Tröpfcheninfektion übertragen, bei kutaner Form auch durch Kontakt mit infizierten Wunden. Dank flächendeckender Impfprogramme ist die Krankheit in Europa selten, doch der Ausbruch 2022 zeigt, wie schnell sie in vulnerablen Bevölkerungsgruppen wieder aufleben kann. Die internationale Zusammenarbeit, wie sie durch das europäische Diphtherienetzwerk und Institutionen wie das ECDC gefördert wurde, war entscheidend, um den Ausbruch zu kontrollieren.

Die Erkenntnisse unterstreichen die Notwendigkeit, Impflücken zu schließen und die Überwachung in Regionen mit hohem Migrationsaufkommen zu verstärken. Hotels, als Knotenpunkte von Reisen und sozialer Interaktion, könnten in diesem Kontext eine Rolle spielen, etwa durch Sensibilisierungskampagnen für Personal und Gäste. Die Studie ist ein Weckruf, die Errungenschaften der Impfprogramme zu schützen und die öffentliche Gesundheit durch internationale Kooperation und präventive Maßnahmen zu stärken.

Original Paper:
Corynebacterium diphtheriae Outbreak in Migrant Populations in Europe | New England Journal of Medicine