Eine aktuelle Studie, veröffentlicht in der Fachzeitschrift PLOS Digital Health, hebt die wachsende Bedeutung der digitalen Gesundheitskompetenz (Digital Health Literacy) als entscheidenden Faktor für die Gesundheit und das Wohlbefinden hervor. Unter der Leitung von Maria del Pilar Arias López und einem internationalen Forscherteam wurde in einer umfassenden Übersichtsarbeit untersucht, wie digitale Kompetenzen den Zugang zu Gesundheitsinformationen und -dienstleistungen beeinflussen und welche Maßnahmen nötig sind, um die digitale Gesundheitskluft zu verringern.
Die digitale Transformation im Gesundheitswesen bietet immense Möglichkeiten: Von Online-Terminbuchungen über virtuelle Arztbesuche bis hin zu Gesundheits-Apps und Wearables – Technologie kann die Effizienz und Reichweite von Gesundheitssystemen erheblich steigern. Doch die Studie zeigt auch eine Schattenseite: Ohne ausreichende digitale Gesundheitskompetenz droht eine Vertiefung bestehender Ungleichheiten. Besonders betroffen sind ältere Menschen, ethnische Minderheiten und Personen mit niedrigem sozioökonomischen Status, die oft nicht über die nötigen Fähigkeiten oder den Zugang verfügen, um digitale Gesundheitsangebote effektiv zu nutzen.
Definition und Messung der digitalen Gesundheitskompetenz
Die Autoren definieren digitale Gesundheitskompetenz als die Fähigkeit, Gesundheitsinformationen aus elektronischen Quellen zu suchen, zu finden, zu verstehen und anzuwenden, um gesundheitliche Probleme zu lösen. Dabei unterscheiden sie Begriffe wie eHealth Literacy (Fokus auf Online-Ressourcen), mHealth Literacy (mobile Geräte) und Telehealth Literacy (Telemedizin-Plattformen). Die am häufigsten verwendete Messskala ist die eHealth Literacy Scale (eHEALS), die in der Studie als Standardwerkzeug hervorgehoben wird. Höhere Werte auf dieser Skala korrelieren mit besserem Selbstmanagement, größerer Beteiligung an medizinischen Entscheidungen, verbesserter psychischer Gesundheit und einer höheren Lebensqualität.
Gesundheitliche Auswirkungen und digitale Kluft
Die Übersichtsarbeit, die 53 Studien auswertete, zeigt, dass geringe digitale Gesundheitskompetenz die Gesundheitsversorgung erheblich beeinträchtigen kann. Betroffene haben oft schlechteren Zugang zu Online-Portalen, längere Wartezeiten für Termine und nutzen Notfallservices häufiger unangemessen. Gleichzeitig deutet die Forschung darauf hin, dass höhere digitale Kompetenzen mit besserer Lebensqualität und Gesundheitsförderung einhergehen. Besonders ältere Menschen und Personen mit geringer Bildung kämpfen jedoch mit Hürden wie mangelnder Vertrautheit mit Technologie oder kognitiven Einschränkungen.
Lösungsansätze: Bildung und soziale Unterstützung
Die Studie identifiziert zwei Hauptstrategien zur Verbesserung der digitalen Gesundheitskompetenz: Bildungs- und Trainingsprogramme sowie soziale Unterstützung. Erfolgreiche Interventionen umfassen Online-Kurse, Workshops an Universitäten oder Kliniken und die Einbindung von technikaffinen Familienmitgliedern oder Fachpersonal. Patienten äußerten den Wunsch nach einfachen, praxisnahen Schulungen – idealerweise vor Ort – sowie nach technischen Hilfsangeboten wie Hotlines oder Anleitungsvideos.
Handlungsbedarf für die Zukunft
Trotz des zunehmenden Interesses an diesem Thema – die meisten der untersuchten Studien stammen aus den Jahren 2020 und 2021 – betonen die Autoren, dass noch viel zu tun bleibt. Die Messinstrumente müssen verfeinert, die geografische Vielfalt der Forschung erweitert und vor allem wirksame, validierte Interventionen entwickelt werden. „Die digitale Gesundheitsrevolution darf niemanden zurücklassen“, mahnt Arias López. „Wir brauchen Strategien, die auf den Bedürfnissen der Patienten basieren und langfristig nachhaltig sind.“
Die Ergebnisse dieser Studie könnten Gesundheitspolitiker und -anbieter dazu anregen, gezielte Maßnahmen zu ergreifen, um die digitale Gesundheitskluft zu überbrücken und so die Gesundheitsgerechtigkeit weltweit zu fördern.
Veröffentlichung: PLOS Digital Health, DOI: 10.1371/journal.pdig.0000279
