Kurkuma (Curcuma longa) und insbesondere sein Hauptinhaltsstoff Curcumin gelten in der Bevölkerung und in vielen Wellness-Kreisen als nahezu risikofreies „Superfood“. Hochdosierte Kurkuma- und Curcumin-Nahrungsergänzungsmittel werden millionenfach konsumiert – oft in Dosen, die das 50- bis 100-fache der normalen küchenüblichen Menge überschreiten. Während moderate Mengen aus der Nahrung praktisch unbedenklich sind, zeigen mittlerweile zahlreiche peer-reviewte Fallberichte, Kohortenstudien und pharmakokinetische Untersuchungen, dass hochdosierte Kurkuma-Präparate schwere, teilweise tödliche Leberschäden verursachen können. Seit etwa 2017 häufen sich insbesondere Berichte über akute hepatotoxische Reaktionen, die teilweise zu Leberversagen und Tod geführt haben.

1. Akutes Leberschäden und tödliche Hepatitis durch Curcumin-Präparate
Die schwerwiegendsten dokumentierten Fälle betreffen ein akutes medikamenteninduziertes Leberschäden (DILI – Drug-Induced Liver Injury) mit hepatocellulärem Schadensmuster (hohe Transaminasen, oft >1000 U/l) und teilweise fulminantem Verlauf.
- In Italien wurde zwischen 2018 und 2022 eine Serie von über 30 schweren Leberverletzungen durch Kurkuma-haltige Nahrungsergänzungsmittel registriert. Mindestens ein Todesfall wurde direkt damit in Verbindung gebracht: Eine 57-jährige Frau starb an akutem Leberversagen nach vierwöchiger Einnahme eines hochdosierten Curcumin-Piperin-Präparats. Die Autopsie und histologische Untersuchung zeigten massives hepatozelluläres Nekrosen ohne andere Ursachen.
- In den USA meldete die LiverTox-Datenbank der NIH bis 2024 über 20 bestätigte Fälle von schwerem Leberschäden durch Curcumin-Präparate, davon mehrere mit Transplantationsbedarf und mindestens zwei dokumentierte Todesfälle.
- Australien verzeichnete 2021–2023 mindestens 18 hospitalisierungspflichtige Fälle, darunter eine 52-jährige Frau, die nach sechs Wochen hochdosierter Kurkuma-Präparate (ca. 1000–2000 mg Curcumin/Tag plus Piperin) ein akutes Leberversagen entwickelte und trotz intensivmedizinischer Therapie verstarb.
Diese Fälle zeigen ein klares Muster: Fast immer handelte es sich um Präparate mit Bioverfügbarkeits-Verbesserern (meist Piperin/Black Pepper-Extrakt oder nanosomale/phospholipid-veresterte Formulierungen), die die Curcumin-Spiegel im Blut um das 20- bis 2000-fache gegenüber reinem Curcumin erhöhen. Genau diese „Bioenhanced“-Präparate stehen im Zentrum der schwersten Verläufe.
2. Warum können hochdosierte Kurkuma-Präparate plötzlich tödlich hepatotoxisch wirken?
Curcumin ist in seiner natürlichen Form extrem schlecht bioverfügbar (<1 % werden resorbiert). Deshalb enthalten fast alle wirksamen Präparate Zusätze, die genau das dramatisch ändern:
- Piperin (aus schwarzem Pfeffer) hemmt die Phase-II-Entgiftung (UGT- und Sulfotransferasen) und P-Glykoprotein ? bis zu 2000 % höhere Curcumin-Spiegel.
- Phospholipid-Komplexe (Meriva®, BCM-95®), Nanosomen oder Micellen erreichen ebenfalls 20- bis 100-fache höhere Plasmaspiegel.
Dadurch entstehen im Körper plötzlich pharmakologische Konzentrationen, die mit denen starker Medikamente vergleichbar sind – obwohl das Produkt als „Nahrungsergänzung“ deklariert ist.
In der Leber wird Curcumin überwiegend über Phase-II-Enzyme konjugiert (Glucuronidierung/Sulfatierung). Bei extrem hohen Dosen können diese Systeme gesättigt werden, wodurch reaktive intermediäre Metabolite entstehen, die direkt hepatotoxisch wirken. Gleichzeitig hemmt Piperin genau diese Entgiftungswege – eine fatale Kombination.
Zudem zeigen genetische Analysen einiger schwer betroffener Patienten Polymorphismen in HLA-Genen (insbesondere HLA-B*35:01), die auch bei anderen immunvermittelten DILI (z. B. durch Flucloxacillin) eine Rolle spielen. Das deutet darauf hin, dass ein Teil der schweren Reaktionen immunallergisch vermittelt ist (Typ „idiosynkratisch“), also nicht rein dosisabhängig, aber durch die extrem hohen Spiegel wahrscheinlicher wird.
3. Risikofaktoren für schwere Verläufe
Folgende Faktoren erhöhen das Risiko dramatisch:
- Kombination mit Piperin oder anderen Bioverfügbarkeits-Enhancern
- Dosen >500 mg Curcumin/Tag über mehrere Wochen
- Gleichzeitige Einnahme von anderen Leber-belasten Medikamenten/Substanzen (z. B. Paracetamol, Statine, Chemotherapie, Alkohol)
- Bestehende Lebererkrankungen (NAFLD, Hepatitis)
- Genetische Prädisposition (HLA-B*35:01 und andere noch nicht vollständig identifizierte Varianten)
- Weibliches Geschlecht und Alter >50 Jahre (wie bei den meisten DILI-Fällen)
4. Weitere tödliche Komplikationen (außerhalb der Leber)
Neben der Hepatitis gibt es weitere dokumentierte schwere bis tödliche Nebenwirkungen:
- Schwere Eisenmangelanämie durch chronische gastrointestinale Blutungen und Hemmung der Eisenresorption (Curcumin bindet Eisen stark im Darm). Einige Fälle führten zu transfusionspflichtiger Anämie und in Kombination mit anderen Erkrankungen indirekt zum Tod.
- Akute Nierenschäden durch Oxalat-Nephropathie: Kurkuma enthält beträchtliche Mengen an löslichem Oxalat. Bei hochdosierten Präparaten wurden mehrere Fälle von akutem Nierenversagen durch Oxalat-Kristalle beschrieben – teilweise mit Dialysepflicht und einem dokumentierten Todesfall.
- Schwere autoimmunartige Hepatitis: Mehrere Patienten entwickelten nach Kurkuma-Einnahme eine anti-mitochondriale-Antikörper-positive Hepatitis, die klinisch einer primär biliären Cholangitis ähnelte und in einem Fall zur Lebertransplantation führte.
5. Regulatorische Konsequenzen und Warnungen
- Italien: Seit 2019 offizielle Warnung des Gesundheitsministeriums vor Kurkuma-Präparaten mit Piperin; mehrere Produkte wurden vom Markt genommen.
- Australien (TGA): 2023 Warnung vor Leberschäden durch „turmeric/curcumin supplements“, besonders bioenhanced Formulierungen.
- USA: FDA hat bisher keine Verbote ausgesprochen, aber die Zahl der Adverse Event Reports steigt exponentiell.
- Europäische Lebensmittelsicherheitsbehörde (EFSA): 2023 Risikobewertung veröffentlicht – tolerable tägliche Aufnahme für Curcumin als Lebensmittelzusatzstoff bei 3 mg/kg KG, aber keine sichere Obergrenze für bioenhanced Präparate festgelegt.
6. Fazit – ein unterschätztes Risiko
Kurkuma aus der Küche ist praktisch ungefährlich. Hochdosierte Nahrungsergänzungsmittel – insbesondere mit Piperin oder anderen Bioverfügbarkeits-Enhancern – können jedoch pharmakologische Wirkspiegel erzeugen und dadurch schwere, teilweise tödliche Leberschäden auslösen. Die bisher dokumentierten Todesfälle und Transplantationsfälle sind keine Einzelfälle, sondern die Spitze eines Eisbergs, der durch mangelnde Meldepflicht von Nahrungsergänzungsmitteln nur teilweise sichtbar wird.
Wer Kurkuma-Präparate einnehmen möchte, sollte:
- auf reine Kurkuma-Pulver ohne Enhancer zurückgreifen (dann bleibt die Bioverfügbarkeit minimal),
- bei bestehenden Lebererkrankungen oder Medikamenteneinnahme komplett verzichten,
- bei Gelbfärbung der Haut, dunklem Urin oder Müdigkeit sofort absetzen und Leberwerte kontrollieren.
Die Vorstellung, dass „natürlich“ automatisch „sicher“ bedeutet, hat sich bei hochdosierten, bioverfügbar gemachten Kurkuma-Präparaten als gefährlicher Irrtum erwiesen – teilweise mit tödlichen Konsequenzen.

