Der Paradigmenwechsel in der globalen Arzneimittelentwicklung.
Während die geopolitische Aufmerksamkeit der westlichen Welt gebannt auf Halbleiterembargos und KI-Wettrüsten gerichtet ist, hat sich auf einem ebenso strategischen Feld eine stille, aber tiefgreifende Machtverschiebung vollzogen: der Aufstieg Chinas zur globalen Führungsmacht in der biomedizinischen Innovation. Im Januar 2026 sorgte eine Aussage für Aufsehen, die in Davos beim Weltwirtschaftsforum fiel. Albert Bourla, Vorstandsvorsitzender von Pfizer, einem der größten Pharmakonzerne der Welt, prophezeite: „Es ist wahrscheinlich, dass China die Vereinigten Staaten in ein oder zwei Jahren überholen wird“ .
Diese Prognose ist keine wohlfeile Höflichkeit gegenüber einem wichtigen Markt, sondern die Anerkennung einer strukturellen Realität. China hat sich in weniger als einem Jahrzehnt vom verlängerten Labor der Welt und Produzenten von Generika zu einem Innovationsökosystem entwickelt, das in seiner Dynamik, Skalierbarkeit und strategischen Ausrichtung im 21. Jahrhundert einzigartig ist. Während die USA weiterhin die Grundlagenforschung dominieren und Europa sich in regulatorischer Komplexität zu verlieren droht, hat China eine „Innovationsmaschine“ aufgebaut, die auf drei fundamentalen Säulen ruht: beispiellose Geschwindigkeit in der klinischen Entwicklung, staatlich gelenkte strategische Investitionen und eine vollständige Integration der Wertschöpfungskette von der Grundlagenforschung bis zur globalen Vermarktung.
Dieser Fachartikel analysiert die substanziellen Faktoren, die Chinas aufstrebende Dominanz in der Biomedizin begründen. Er beleuchtet die quantitative und qualitative Überlegenheit in der klinischen Forschung, die technologischen Durchbrüche in Schlüsseldisziplinen wie Antikörper-Wirkstoff-Konjugaten (ADCs) und Zelltherapien, die Transformation der Geschäftsmodelle von der Nachahmung zur Pionierarbeit sowie die strategischen Implikationen für die transatlantischen Partner. Die These ist eindeutig: China hat den Übergang vom „Fast Follower“ zum „Smart Innovator“ vollzogen und positioniert sich als unverzichtbarer Partner und zukünftiger Führer der globalen biomedizinischen Innovation .
- Die quantitative Revolution: Chinas Übernahme der globalen klinischen Forschung
Der fundamentale Unterschied zwischen China und seinen westlichen Konkurrenten liegt nicht primär in der Genialität einzelner Entdeckungen, sondern in der schieren Masse und Geschwindigkeit der klinischen Validierung. China hat die Arzneimittelentwicklung von einer handwerklichen Disziplin in einen industriellen Prozess überführt.
1.1 Die Verschiebung der klinischen Studienlandschaft
Die Zahlen sprechen eine eindeutige Sprache: China führte 2025 schätzungsweise 39 % aller klinischen Studien für Krebsmedikamente durch und übertraf damit die USA, die auf 32 % kamen . Diese Statistik ist mehr als eine Randnotiz – sie ist ein Indikator für die zukünftige Kontrolle über den Innovationszyklus. Wer die klinische Entwicklung kontrolliert, kontrolliert letztlich die Daten, die Evidenz und damit den Zugang zu den Märkten.
Pfizer-CEO Bourla präzisierte diese Verschiebung in Davos: Während die USA historisch etwa 35 % der weltweiten klinischen Studien auf sich vereinten, stieg Chinas Anteil von mageren 5 % auf heute nahezu 30 %. Europa hingegen fiel von 22 % vor einem Jahrzehnt auf nur noch 12 % im Jahr 2026 zurück . Diese Trends sind nicht zyklisch, sondern strukturell. Die ING-Bank prognostiziert in ihrer aktuellen Analyse, dass Chinas Pharmaforschung von 2025 bis 2030 mit einer durchschnittlichen jährlichen Wachstumsrate von 8 % wachsen wird, während die USA nur 5 % und Europa lediglich 4 % erreichen werden .
1.2 Geschwindigkeit als strategischer Faktor
Die chinesische Überlegenheit beschränkt sich nicht auf Quantität, sondern manifestiert sich vor allem in der Geschwindigkeit. Im klinischen Entwicklungsstadium können chinesische Biotech-Unternehmen Patienten zwei- bis fünfmal schneller rekrutieren als ihre internationalen Wettbewerber, und dies zu Kosten, die nur 25-50 % der vergleichbaren Studien in Europa oder den USA betragen .
Diese Effizienz ist kein Zufall, sondern das Ergebnis eines hochoptimierten Systems. Die Kombination aus einer riesigen, behandlungsnaiven Patientenpopulation, einem dichten Netzwerk klinischer Zentren und einem regulatorischen Umfeld, das beschleunigte Prüfverfahren ermöglicht, schafft einen Wettbewerbsvorteil, den westliche Systeme mit ihren fragmentierten Ethikkommissionen und bürokratischen Hürden nicht kompensieren können. Wie Josh Smiley, Chief Operating Officer von Zai Lab, es formulierte: „Die größte Stärke ist die Fähigkeit, von einer Idee zur klinischen Prüfung der frühen Phase zu gelangen – ich denke, da ist China wahrscheinlich doppelt so schnell wie die USA“ .
- Die qualitative Transformation: Von „Me-too“ zu „First-in-Class“
Die Wahrnehmung Chinas als Quelle von Nachahmerprodukten („Me-too“) ist nicht nur überholt, sie behindert das strategische Verständnis der aktuellen Lage. China hat in mehreren Schlüsseltechnologien die Führung übernommen und definiert dort den Stand der Wissenschaft neu.
2.1 Die ADC-Revolution: Chinas unangefochtene Vorherrschaft
Antikörper-Wirkstoff-Konjugate (ADCs) gelten als eine der vielversprechendsten Modalitäten in der Krebstherapie. Sie kombinieren die Spezifität von Antikörpern mit der Zytotoxizität von Chemotherapien. In diesem Feld hat China eine geradezu erdrückende Überlegenheit aufgebaut. Laut aktuellen Analysen stammt mehr als die Hälfte der weltweiten ADC-Pipeline aus chinesischen Labors . McKinsey-Daten belegen, dass chinesische Unternehmen bei neuen ADC-Kandidaten in der frühen klinischen Phase mehr als 50 % der globalen Aktivität stellen .
Diese Dominanz ist das Ergebnis jahrelanger, gezielter Investitionen in Plattformtechnologien. Während westliche Unternehmen oft auf proprietäre, aber limitierte Technologien setzen, haben chinesische Firmen ein ganzes Arsenal an Linker-Technologien, Payload-Optimierungen und Antikörper-Engineering entwickelt. Die Liste der milliardenschweren Lizenzdeals spricht für sich: AbbVie schloss einen Krebsfokussierten Deal mit einem chinesischen Unternehmen ab, der einen potenziellen Wert von fast 6 Milliarden Dollar hat . Diese Deals sind kein Ausverkauf, sondern eine strategische Anerkennung: Der Westen kauft sich in die chinesische Innovationsmaschine ein.
2.2 Bispezifische Antikörper: Die nächste Immuntherapie-Generation
Während Merck’s Keytruda (PD-1-Inhibitor) jahrelang als unangefochtener König der Immuntherapie galt, zeichnet sich eine Ablösung ab – und sie kommt aus China. Unternehmen wie Akeso Therapeutics haben Medikamente entwickelt, die gleichzeitig PD-1 und VEGF blockieren können, zwei zentrale Treiber des Tumorwachstums . Diese bispezifischen Antikörper (BsAbs) repräsentieren die zweite Generation der Immuntherapie und haben das Potenzial, die Milliardenmärkte der PD-1-Inhibitoren zu kannibalisieren.
Die technologische Führung Chinas in diesem Bereich ist unbestreitbar. Chinesische Unternehmen dominieren die Entwicklung von PD-1/VEGF-, PD-1/IL-2- und PD-1/CTLA4-Konstrukten und haben bereits mit der Entwicklung trispezifischer Antikörper begonnen . Die Frage ist nicht mehr, ob China in der Lage ist, innovative Biologika zu entwickeln, sondern wie schnell diese den globalen Markt erreichen werden.
2.3 Zell- und Gentherapien: Die nächste Welle
Während ADCs und bispezifische Antikörper die Gegenwart repräsentieren, bereitet China sich auf die Zukunft vor. Laut Pitchbook haben „fortschrittliche und aufstrebende Modalitäten“ wie Nukleinsäure-basierte Wirkstoffe sowie Zell- und Gentherapien ihren Anteil an den Venture-Deals in China kontinuierlich ausgebaut. 2025 machten diese Wirkstoffklassen nahezu 50 % des Deal-Volumens aus .
Besonders bemerkenswert ist der Fortschritt bei CAR-T-Therapien für Autoimmunerkrankungen und bei siRNA-Therapien, die über die seltenen Erkrankungen hinaus in Volkskrankheiten wie Adipositas und kardiovaskuläre Erkrankungen vordringen . China hat erkannt, dass die Zukunft der Medizin in der programmierbaren Biologie liegt – und investiert entsprechend.
- Die industrielle Triade: Staat, Kapital und Talente
Die technologische Überlegenheit Chinas ist kein Zufallsprodukt, sondern das Ergebnis einer kohärenten industriepolitischen Strategie, die drei zentrale Elemente miteinander verbindet.
3.1 Die „Made in China 2025“-Strategie und ihre Früchte
Der Grundstein für die heutige Dominanz wurde 2015 mit der Initiative „Made in China 2025“ gelegt, die Biotechnologie explizit als eine von zehn Schlüsselindustrien identifizierte . Seitdem hat die chinesische Regierung konsequent die Rahmenbedingungen optimiert: Die Gründung von Biotech-Unternehmen wurde bürokratisch erleichtert, die regulatorischen Hürden für klinische Prüfungen wurden gesenkt, und die Zulassungsbehörde (NMPA) wurde personell und fachlich massiv gestärkt.
Das Ergebnis dieser Politik ist ein Innovationsökosystem, das in seiner Dichte und Dynamik nur mit dem des Silicon Valley in dessen Blütezeit vergleichbar ist. Von 2019 bis 2023 stieg die Zahl der „innovativen Arzneimittel“, die in China zur klinischen Prüfung eingereicht wurden, von 688 auf 2.298 . Seit 2021 hat China fast doppelt so viele „First-in-Human“-Studien für Antikörper der nächsten Generation registriert wie die USA und Europa zusammen .
3.2 Die Ökonomie der Innovation: Kostenvorteile als strategische Waffe
Die wirtschaftlichen Fundamentaldaten der chinesischen Biotech-Industrie sind atemberaubend. Der Zugang zu einem riesigen Pool hochqualifizierter und dennoch kostengünstiger Wissenschaftler – oft als „demografische Dividende“ oder „Ingenieursreserve“ bezeichnet – ermöglicht es chinesischen Unternehmen, Forschung und Entwicklung zu Kosten zu betreiben, die westliche Konkurrenten nicht erreichen können .
Die klinischen Entwicklungskosten in China betragen nur 25-50 % der vergleichbaren Kosten in den USA oder Europa . Die Kosten für die Herstellung komplexer Biologika sind durch die hoch entwickelte CDMO-Landschaft (Contract Development and Manufacturing Organizations) ebenfalls deutlich niedriger. Diese Kostenvorteile sind keine temporäre Arbitrage, sondern strukturell verankert und ermöglichen es chinesischen Unternehmen, gleichzeitig aggressiv in neue Technologien zu investieren und attraktive Lizenzpartner für westliche Pharmaunternehmen zu sein.
3.3 Die Lizenzierungsmaschine: Chinas neue Rolle im globalen Pharmageschäft
Der vielleicht sichtbarste Indikator für Chinas Aufstieg ist die Explosion der grenzüberschreitenden Lizenzierungsdeals. Die Zahlen sind atemberaubend: 2025 erreichte das Gesamtvolumen der Lizenzvereinbarungen („Business Development“, BD) mit chinesischen Unternehmen über 1350 Milliarden Dollar – das entspricht 49 % des globalen Transaktionsvolumens und übertraf damit erstmals die USA . Allein im Jahr 2025 wurden Pharmadeals im Wert von 149 Milliarden Dollar angekündigt, wovon 61 Milliarden Dollar – mehr als 40 % – auf Arzneimittel aus China entfielen .
Diese Entwicklung markiert einen fundamentalen Wandel in der Arbeitsteilung der globalen Pharmaindustrie. Westliche Großkonzerne (Big Pharma) haben sich von der eigenständigen Forschung verabschiedet und sind zu „Konsolidierern“ externer Innovation geworden. China hat sich als der effizienteste und produktivste Lieferant dieser frühen Innovation etabliert. Wie Pitchbook es formuliert: „Westliche Arzneimittelhersteller erwerben im Wesentlichen de-risikote Innovations-Hubs zu einem Bruchteil der Kosten einer vollständigen Übernahme“ .
Die Deals des Jahres 2025/2026 lesen sich wie ein Who-is-Who der globalen Pharmaindustrie: GlaxoSmithKline schloss mit Jiangsu Hengrui eine Vereinbarung über potenziell 12 Milliarden Dollar zur Entwicklung einer COPD-Behandlung und elf weiterer neuer Medikamente . Novartis gab einen Lizenzdeal über 5,2 Milliarden Dollar mit Argo bekannt . Pfizer, AstraZeneca, Roche und Eli Lilly haben alle Adipositas-Medikamente aus China lizenziert .
- Der strategische Vergleich: China, USA und Europa
Um das Ausmaß der chinesischen Verschiebung zu verstehen, ist ein systematischer Vergleich mit den Ansätzen der USA und Europas unerlässlich.
4.1 Die Vereinigten Staaten: Grundlagenforschung unter Druck
Die Stärke der USA liegt unbestritten in der Grundlagenforschung. Die National Institutes of Health (NIH) finanzieren seit Jahrzehnten die Entdeckungsforschung, auf der die gesamte globale Biotech-Industrie aufbaut. Diese Stärke ist jedoch akut gefährdet. Die jüngsten Haushaltskürzungen der Trump-Administration haben die NIH-Finanzierung massiv reduziert. Mitte 2025 wurden 2.000 NIH-Forschungsstipendien im Wert von etwa 3,8 Milliarden Dollar gestrichen, was zur Einstellung von 383 klinischen Studien mit 74.000 Patienten führte .
ING-Analysten beziffern die Bedeutung dieser Kürzungen: Die gestrichenen Zuschüsse entsprechen etwa 23 % der gesamten Frühphasenfinanzierung (Seed bis Growth) des Jahres 2024 . Diese Kürzungen treffen vor allem die hochriskante Grundlagenforschung, die kommerziell nicht tragfähig ist, aber langfristig die größten Durchbrüche hervorbringt.
Hinzu kommen restriktive Visa-Politiken, die es ausländischen Wissenschaftlern erschweren, in den USA zu forschen. Die Einführung von Gebühren in Höhe von 100.000 Dollar für H-1B-Visa untergräbt die Fähigkeit der USA, die besten internationalen Talente anzuziehen . In einer globalisierten Wissenschaftswelt ist dies ein strategisches Eigentor.
4.2 Europa: Der regulatorische Goldstandard ohne industrielle Basis
Europa hat eine paradoxe Position entwickelt. Einerseits setzt die Europäische Arzneimittelagentur (EMA) weiterhin globale Standards für Arzneimittelsicherheit und -qualität. Andererseits verliert Europa in der klinischen Forschung und Innovation dramatisch an Boden. Der Anteil Europas an den globalen klinischen Studien halbierte sich in einem Jahrzehnt von 22 % auf 12 % .
ING konstatiert in seiner Analyse ungeschönt: „Europa ist jetzt in Gefahr, irrelevant zu werden“ . Die Ursachen sind vielfältig: fragmentierte Kapitalmärkte, die es europäischen Biotech-Unternehmen erschweren, die notwendigen Wachstumsfinanzierungen zu erhalten, langsamere Innovationszyklen und ein Mangel an Skalierungsmöglichkeiten. Pfizer-CEO Bourla beobachtet zwar einen „tremenden Wandel“ im europäischen Bewusstsein, dass mehr für Innovation getan werden muss, ob dies jedoch ausreicht, den Rückstand aufzuholen, ist fraglich .
4.3 China: Das integrierte Innovationsökosystem
Im Gegensatz zu den USA und Europa verfolgt China einen ganzheitlichen Ansatz, der alle Phasen der Wertschöpfungskette integriert:
- Grundlagenforschung: Massive öffentliche Investitionen in Spitzenuniversitäten und Forschungsprogramme, ergänzt durch die Rückkehr tausender im Westen ausgebildeter chinesischer Wissenschaftler.
- Translationale Forschung: Ein dichtes Netz von Auftragsforschungsinstituten (CROs) und Auftragsherstellern (CDMOs), das es Startups ermöglicht, ohne eigene Infrastruktur zu skalieren.
- Klinische Entwicklung: Die schnellste Patientenrekrutierung der Welt zu den niedrigsten Kosten.
- Kapitalmärkte: Ein liquider heimischer Kapitalmarkt (Hongkong, Shanghai Star Market, Shenzhen), der Biotech-Unternehmen Finanzierungsmöglichkeiten unabhängig von westlichen Investoren bietet.
- Globale Vermarktung: Strategische Partnerschaften mit westlichen Pharmaunternehmen, die den Zugang zu den profitablen US- und EU-Märkten ermöglichen.
Diese Integration schafft systemische Vorteile, die einzelne westliche Unternehmen nicht duplizieren können.
- Die strategischen Implikationen: Von der Partnerschaft zur Abhängigkeit
Die Entwicklung der chinesischen Biotech-Industrie hat tiefgreifende geopolitische und wirtschaftliche Konsequenzen, die weit über den Gesundheitssektor hinausweisen.
5.1 Die Umkehrung der technologischen Abhängigkeit
Historisch war China von westlicher Pharmainnovation abhängig. Diese Abhängigkeit hat sich umgekehrt. Heute sind es westliche Unternehmen, die auf chinesische Innovationen angewiesen sind, um ihre Pipelines zu füllen. Angesichts von Patentabläufen im Wert von schätzungsweise 1000 Milliarden Dollar Umsatz in den nächsten Jahren (darunter Blockbuster wie Keytruda und Opdivo) wird diese Abhängigkeit noch zunehmen .
Die Frage ist nicht mehr, ob westliche Unternehmen mit chinesischen Partnern zusammenarbeiten müssen, sondern zu welchen Bedingungen. Experten wie Petra Jantzer von Accenture warnen: „Ich denke, es gibt jetzt ein Zeitfenster, weil die Chinesen nach Entwicklungspartnern suchen. In fünf bis zehn Jahren könnte das nicht mehr der Fall sein“ . China wird zunehmend in der Lage sein, die wertschöpfenden Stufen der globalen Vermarktung selbst zu übernehmen.
5.2 Die nationale Sicherheitsdimension
Die US-Regierung hat die strategische Bedeutung der Biotechnologie erkannt. Der im Dezember 2025 verabschiedete BIOSECURE Act verbietet US-Behörden den Erwerb von Biotechnologieausrüstung oder -dienstleistungen von „Unternehmen der Besorgnis“ und zielt faktisch auf chinesische Anbieter . Diese gesetzgeberische Reaktion ist jedoch ein zweischneidiges Schwert. Sie mag kurzfristig bestimmte Abhängigkeiten reduzieren, gefährdet aber langfristig den Zugang US-amerikanischer Unternehmen zu den innovationsstärksten Partnern.
EY-Berater Arda Ural bringt es auf den Punkt: „Wenn Sie in einem Regierungsbüro sitzen und dies als nationale Sicherheitsbedrohung betrachten, sollten Sie sich große Sorgen über die Innovation machen, die aus China kommt, nicht aus den USA. Das US-System ist sehr, sehr komplex. Es wird Gewinner und Verlierer geben, basierend auf dem Aufstieg Chinas. Und natürlich ist der Gewinner China, egal wie man es betrachtet“ .
5.3 Der Wandel der globalen Pharmastruktur
Die traditionelle Arbeitsteilung – Forschung in den USA und Europa, Produktion in China – löst sich auf. China entwickelt sich zunehmend zu einem voll integrierten Innovations- und Produktionsstandort. Morgan Stanley prognostiziert, dass bis 2030 chinesische Arzneimittel 35 % der FDA-Zulassungen ausmachen könnten (gegenüber nur 5 % heute) und bis 2040 einen globalen Umsatz von 220 Milliarden Dollar erzielen könnten .
Dieser Wandel wird die Preisstruktur und Verfügbarkeit von Arzneimitteln weltweit verändern. Die Kostenvorteile chinesischer Produktion könnten zu erheblichen Preissenkungen führen – eine Chance für Gesundheitssysteme, aber eine existenzielle Bedrohung für westliche Hersteller mit höheren Kostenstrukturen.
- Herausforderungen und Grenzen der chinesischen Dominanz
Trotz der beeindruckenden Fortschritte wäre es unvollständig, die verbleibenden Herausforderungen zu ignorieren.
6.1 Der heimische Markt als Wachstumsbremse
Ein zentrales Problem für chinesische Biotech-Unternehmen ist die begrenzte Wirtschaftlichkeit des heimischen Marktes. Die Preise für innovative Arzneimittel in China sind durch staatliche Erstattungsmechanismen und Verhandlungen stark reguliert und liegen weit unter den Preisen in den USA oder Europa. Wie Zai-Labs COO Smiley anmerkt: „Die wirtschaftlichen Möglichkeiten in China reichen selbst für sehr innovative Medikamente nicht aus, um die langfristigen F&E-Budgets und Risikobereitschaft zu unterstützen“ .
Diese strukturelle Unterbewertung zwingt chinesische Unternehmen dazu, ihre wertvollsten Assets an westliche Partner zu lizenzieren, die dann die globalen Vermarktungsrechte (außerhalb Chinas) erhalten. Dies ist ein strategisches Dilemma: Um zu wachsen, müssen chinesische Unternehmen ihre Innovationen teilen und damit potenzielle zukünftige Konkurrenten aufbauen.
6.2 Verbleibende Technologielücken
Trotz der Fortschritte in ADC und bispezifischen Antikörpern bleiben Bereiche, in denen der Westen führt. Bei völlig neuen Wirkstoffklassen (First-in-Class), bei bestimmten Arzneimittelabgabetechnologien und bei der globalen Marktzulassungserfahrung haben westliche Unternehmen weiterhin Vorteile. Die von der Staatszeitung „Economic Daily“ zitierten Experten räumen ein, dass China in der „ursprünglichen Innovationsfähigkeit“ noch Nachholbedarf hat und dass „die wichtigste Ausrüstung und Kernmaterialien“ wie Hochleistungs-Bioreaktoren und Chromatographiemedien weiterhin importiert werden müssen .
6.3 Geopolitische Fragmentierung
Die zunehmenden Spannungen zwischen den USA und China könnten den Technologietransfer und die Zusammenarbeit erschweren. John Wu von Boston Consulting Group warnt vor den „sich verschärfenden Spannungen zwischen China und den USA auf der Handelsseite“, die Barrieren für den Austausch von Innovationen schaffen . Beschränkungen des Datentransfers und unterschiedliche regulatorische Standards könnten die globalen Lieferketten für Arzneimittel fragmentieren und die Effizienz des gesamten Systems reduzieren.
Fazit: Die nächste Pfizer wird chinesisch sein
Die ING-Bank wagte in ihrer Analyse eine provokante Prognose: „Die nächste Pfizer wird chinesisch sein“ . Diese Aussage ist keine Hyperbel, sondern die logische Schlussfolgerung aus den aktuellen Trends. China hat innerhalb eines Jahrzehnts ein Innovationsökosystem aufgebaut, das in seiner Geschwindigkeit, Effizienz und Skalierbarkeit weltweit einzigartig ist.
Die USA mögen weiterhin die Grundlagenforschung dominieren und die profitabelsten Märkte kontrollieren. Europa mag weiterhin die strengsten regulatorischen Standards setzen. Doch China hat die Kombination aus beidem, die letztlich zählt: die Fähigkeit, Ideen schneller und kostengünstiger als jeder andere in klinisch validierte, vermarktungsfähige Arzneimittel zu übersetzen.
Die strategische Frage für westliche Regierungen und Unternehmen lautet nicht mehr, ob sie mit China zusammenarbeiten sollen, sondern wie. Die Zeiten, in denen China als verlängerte Werkbank für die Herstellung von Generika diente, sind vorbei. China ist heute ein Innovationspartner auf Augenhöhe – und in einigen Bereichen bereits der führende Kopf.
Die nächste Dekade wird zeigen, ob es dem Westen gelingt, seine strukturellen Schwächen zu überwinden und ein wettbewerbsfähiges Innovationsökosystem zu bewahren, oder ob die Zentrifugalkräfte der globalen Fragmentierung zu einer dauerhaften Teilung der biomedizinischen Welt in eine chinesische und eine transatlantische Sphäre führen. Eines ist jedoch bereits heute gewiss: Die Zukunft der Medizin wird maßgeblich in China geschrieben.
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