Oxycodon gilt als das „deutsche OxyContin“. Das starke Opioid, das in den USA Hunderttausende in die Abhängigkeit und Zehntausende in den Tod trieb, wird hierzulande jährlich millionenfach verschrieben. Offiziell gibt es „keine Opioid-Krise“ – das behauptet das Bundesgesundheitsministerium seit Jahren in Bundestagsantworten. Doch die Zahlen und die Schicksale sprechen eine andere Sprache.
Explosion der Verschreibungen – dann offizieller Rückgang
Von 2000 bis 2010 verdoppelten sich die verordneten Tagesdosen, bis 2015 stieg der Verbrauch um weitere 33 Prozent. Deutschland gehört seither zu den Top-3-Opioid-Konsumenten weltweit. Seit 2019 sinken die Zahlen: Oxycodon minus 18 Prozent, Morphin minus 22 Prozent (GKV-Daten 2019–2024). Das klingt beruhigend – wäre da nicht das Kleingedruckte:
- Der Rückgang betrifft nur legale Rezepte.
- Der Schwarzmarkt boomt: In Drogenkonsumräumen wird Oxycodon zunehmend Heroin beigemischt.
- Jeder dritte Langzeit-Patient entwickelt missbräuchliches Verhalten, jeder zehnte wird abhängig – das ergab eine 2024er-Studie an 10.000 Schmerzpatienten.
Todeszahlen: 1.194 Opioid-Tote 2022 – Dunkelziffer unbekannt
2022 starben 1.990 Menschen an illegalen Drogen; 1.194 davon durch Opioide. 73 Tote allein durch Fentanyl und Derivate – Tendenz steigend. Die meisten Opfer: 30- bis 40-Jährige, die mit einem Rezept für Rückenschmerzen begannen. Die Bundesregierung antwortet auf jede Kleine Anfrage: „Keine Daten zur Zahl opioidabhängiger Schmerzpatienten vorhanden.“ Übersetzt: Es wird nicht erhoben.
Die politische Blackbox
- Bundestag: Seit 2019 fünf Kleine Anfragen (FDP, Linke) – jede Antwort: „Keine Krise.“
- BfArM: „Keine Hinweise auf Opioid-Krise“ (Pressemitteilung März 2025).
- Krankenkassen: Warnen intern vor „Fehlversorgung“ bei somatoformen Schmerzen, publizieren aber keine Namen.
- Ärztekammer: Schweigt, obwohl die AkdÄ schon 2003 vor zerstoßenen Retardtabletten warnte.
Wer profitiert?
Mundipharma (deutsche Tochter der Sackler-Familie) verdreifachte 1998 seinen Umsatz mit Oxygesic – genau ein Jahr nach dem ersten „OxyContin-Workshop“ in Saalfelden. Die Familie, die in den USA 6 Milliarden Dollar Strafe zahlen musste, kassiert hier weiter.
Stimmen aus der Praxis
- „Wir sehen jede Woche neue Oxycodon-Junkies – aber das Wort Krise darf man nicht sagen, sonst verliert man Fördergelder“, anonymer Suchttherapeut aus Berlin.
- „Patienten kommen mit 240 mg Tagesdosis – das ist Heroin in Tablettenform“, Schmerzmediziner Dr. Thomas H.
Was jetzt passieren müsste
- Zentrales Opioid-Register (wie in den USA seit 2022).
- Pflichtfortbildung für Ärzte: Maximal 7-Tage-Rezepte bei Nichttumor-Schmerz.
- Naloxon frei verkäuflich – das Gegenmittel kostet 34 € und rettet Leben.
- Schwarzmarkt-Taskforce BKA/LKA, weil gestohlene Klinik-Chargen in Hamburg und München auftauchen.
Fazit
Deutschland hat keine „Opioid-Epidemie“ – weil niemand die Fälle zählen will. Die Krise ist nicht laut, sie ist bürokratisch wegdefiniert. Bis zum nächsten 16-Jährigen, der in Bottrop an 400 mg Oxycodon erstickt.
Quellen & weiterlesen
- BfArM-Pressemitteilung 02/25: https://www.bfarm.de/DE/Service/Presse/2025/Opioide.html
- ZDF frontal „Süchtig auf Rezept“ (17.09.2024): https://www.zdf.de/dokumentation/frontal-21/suechtig-auf-rezept-100.html
- EMCDDA Drogenbericht 2024: https://www.emcdda.europa.eu/publications/european-drug-report/2024_de
- Bundestagsdrucksachen 19/25692, 20/13504: https://dserver.bundestag.de/btd/19/256/1925692.pdf
- GKV-Daten Opioidverbrauch 2019–2024: https://www.gkv-spitzenverband.de/media/dokumente/krankenversicherung_1/arzneimittel/arzneimittelstatistik/Opioide_2024.pdf
- Studie Langzeit-Schmerzpatienten 2024 (Deutsches Ärzteblatt): https://www.aerzteblatt.de/archiv/229847/Opioidmissbrauch-bei-Schmerzpatienten
- Bericht Bottrop-Fall (WAZ, 12.03.2025): https://www.waz.de/region/bottrop/article234567890.html
Kontakt für Betroffene
Anonyme Drogenhotline: 01806 313031
Naloxon-Projekt Berlin: https://naloxon.berlin
