Die Milz als zentrales Organ im Hämatopoese- und Immunsystem.
Die Milz, das größte lymphatische Organ des menschlichen Körpers, erfüllt eine Vielzahl kritischer Funktionen, die eng mit dem Blutkreislauf verknüpft sind. Sie filtert altes oder beschädigtes Blut, speichert und sequstriert Blutzellen, produziert Antikörper und ist an der Immunabwehr beteiligt. Im Kontext des Blutbilds – der routinemäßigen Analyse des peripheren Blutes, die rote Blutkörperchen (Erythrozyten), weiße Blutkörperchen (Leukozyten), Thrombozyten und weitere Parameter umfasst – dient die Milz als unsichtbarer Regulator. Störungen wie Splenomegalie (Milzvergrößerung) oder Hyposplenismus (verminderte Milzfunktion) manifestieren sich oft indirekt im Blutbild, etwa durch Veränderungen in ZellanZahlen oder -formen.
Bis vor wenigen Jahren basierten Diagnosen der Milzfunktion hauptsächlich auf bildgebenden Verfahren wie Ultraschall oder Szintigraphie. Doch die Forschung hat in den letzten Jahren (insbesondere 2023–2025) Fortschritte bei blutbasierten Biomarkern erzielt, die nicht-invasiv, kostengünstig und routinemäßig einsetzbar sind. Diese Marker erlauben eine präzisere Einschätzung der Milzfunktion und haben prognostische Relevanz, etwa bei onkologischen Erkrankungen, Hämatopoesen-Störungen wie Sichelzellanämie (SCD) oder Autoimmunerkrankungen. In diesem Artikel beleuchten wir die neuesten Biomarker, ihre Messung im Blutbild und ihre klinische Bedeutung.
Klassische Marker der Milzfunktion im Blutbild: Grundlage für moderne Entwicklungen
Das Standard-Blutbild (Complete Blood Count, CBC) liefert erste Hinweise auf Milzstörungen. Bei Splenomegalie sequstriert die Milz vermehrt Blutzellen, was zu einer Panzytopenie führen kann:
- Thrombozyten (Blutplättchen): Häufig reduziert (<150.000/µl), da die Milz bis zu einem Drittel der Thrombozyten-Reserven speichert. Eine Thrombopenie im CBC signalisiert oft eine hyperaktive Milz, wie bei Portalhypertension oder hämatologischen Malignomen.
- Leukozyten: Relative oder absolute Leukopenie, insbesondere Lymphopenie, durch Sequestration. Der Differenzialblutbild zeigt hier eine Verschiebung, z. B. eine Neutrophilie bei entzündlichen Prozessen.
- Erythrozyten: Anämie mit normo- oder mikrozytären Formen; der Milzindex (Milzvolumen mal Thrombozytenzahl) korreliert mit der Schwere.
Bei Hyposplenismus hingegen fehlt die Filtration, was zu einer Anhäufung abnormaler Zellen führt: Howell-Jolly-Körperchen (HJB, DNA-Reste in Erythrozyten) oder Zielzellen (Target Cells) sind im Blutausschmierpräparat sichtbar und deuten auf Asplenie hin. Diese klassischen Marker sind sensitiv, aber unspezifisch und subjektiv (z. B. manuelle Mikroskopie). Neuere Biomarker bauen darauf auf und verbessern die Quantifizierung.
Neueste Biomarker: Fortschritte in der Quantifizierung und Kombination
Die Forschung der Jahre 2023–2025 hat sich auf automatisierte, objektive und kombinierte Marker konzentriert, die speziell die filtrative und immunmodulatorische Funktion der Milz erfassen. Hier eine Übersicht über die relevantesten:
- Pitted Red Blood Cells (Pocked RBCs oder „gepockte“ Erythrozyten)
Dieser Marker misst die Fähigkeit der Milz, Vakuolen (leere Einschlüsse in Erythrozyten, die Zellmüll enthalten) zu entfernen – ein Prozess namens „Pitting“. Bei intakter Milzfunktion liegt der Anteil gepockter RBCs unter 1,2–3,5 %; Werte über 4,5 % prognostizieren eine Funktionsaussetzung. Im Blutbild wird er mittels Flusszytometrie oder Mikroskopie (Differential Interference Contrast, DIC) erfasst, wobei EDTA-Blut fixiert und analysiert wird. Neueste Entwicklungen: Seit 2022 (mit Validierungen 2023–2025) ermöglicht Deep-Learning-Automatisierung eine präzise Zählung von über 500 Zellen pro Probe. Neuronale Netze (basierend auf VGG19-Architekturen) segmentieren Bilder in Hintergrund, Zellen und Pits, gefolgt von ImageJ-Skripten zur Quantifizierung. Dies reduziert Variabilität (Grenzen der Übereinstimmung ±6 %) und ermöglicht Stabilität der Proben bis zu 24 Monaten. In Studien zu SCD und Thrombozytenpathien korreliert %PIT eng mit Szintigraphie (Goldstandard) und prognostiziert Infektionsrisiken besser als HJB. Klinisch: Ideal für Screening bei Risikopatienten (z. B. post-Splenektomie) und Therapiemonitoring, da es die Milz als „Qualitätskontrolle“ für Erythrozyten widerspiegelt. - Neutrophil-to-Lymphocyte Ratio (NLR) und der Splenic Index Score
Der NLR, ein einfacher Quote aus Neutrophilen und Lymphozyten im Differenzialblutbild, reflektiert systemische Inflammation und Milz-assoziierte Immunsuppression. Erhöhte Werte (>3–5) deuten auf Milzhyperaktivität oder -dysfunktion hin, da die Milz Monozyten und Neutrophilen sequstriert. Neueste Entwicklungen: 2025 wurde der „Splenic Index Score“ als Kompositmarker eingeführt: Er multipliziert den NLR mit dem Milzvolumen (aus CT: V = 30 + 0,58 × Breite × Länge × Dicke in mm³). Medianwert: ca. 877; hohe Scores (>877) korrelieren mit schlechter Prognose bei NSCLC-Patienten unter Immuncheckpoint-Inhibitoren (PFS: 3 vs. 8 Monate; OS: 4 vs. 15 Monate; HR 3,5). Unabhängig von PD-L1-Status oder BMI, reflektiert er myeloid-suppressive Zellen in der Milz, die Immuntherapie-Resistenz fördern. Im reinen Blutbild (ohne Imaging) dient NLR allein als Proxy, z. B. bei Myelofibrose, wo Reduktionen den Therapieerfolg anzeigen. - B-Zell-Subpopulationen (z. B. IgM-Memory-B-Zellen)
Die Milz generiert spezifische B-Zell-Pools für die T-independent-Antwort. Im Flusszytometrie-Blutbild (erweiterter CBC) zeigt Hyposplenismus eine Reduktion von IgM+CD27+ Memory-B-Zellen (<2–6 % der B-Zellen). Neueste Entwicklungen: 2023–2024-Studien zu Infektionsrisiken (z. B. bei Pneumokokken) validierten diesen Marker in Kohorten mit SCD und Zöliakie. Kombiniert mit PIT-RBCs erreicht er eine Sensitivität von >95 % für Hyposplenismus. In der Onkologie (z. B. CAR-T-Therapie) prognostiziert eine tiefe B-Zell-Depletion Rezidive, da die Milz als „B-Zell-Fabrik“ fehlt. - Erythroide Progenitorzellen (EPCs) im Blut und Milz-Kontext
Frühe Vorläufer von Erythrozyten wandern in die Milz und modulieren Anämie. Im Blutbild (erweiterte Hämatopoese-Analyse) steigen CD45+ und CD45– EPCs bei Tumoren, was Splenomegalie auslöst. Neueste Entwicklungen: Eine 2025-Studie (PNAS) zeigte, dass tumorinduzierte EPCs im Blut die Milzvergrößerung vorhersagen und mit schlechter Prognose bei soliden Tumoren korrelieren. Messbar via Flusszytometrie; therapeutisch relevant für Anti-EPC-Strategien.
Diese Marker werden zunehmend in Routine-Labors integriert, oft durch KI-gestützte Analysen, die die Subjektivität minimieren.
Klinische Bedeutung: Von Diagnostik zur personalisierten Therapie
Die neuesten Biomarker erweitern das Blutbild von einer deskriptiven zu einer prognostischen Toolset. Bei Splenomegalie (z. B. in Leberzirrhose oder Myeloproliferativen Neoplasien) signalisieren niedrige Thrombozyten und hoher NLR Komplikationen wie Varizenblutungen oder Thromboembolien. Der Splenic Index Score hilft, Patienten für Immuntherapien zu stratifizieren – hohe Scores deuten auf Resistenz hin und rechtfertigen Alternativen wie JAK-Inhibitoren.
Bei Hyposplenismus (z. B. post-Splenektomie, SCD oder Autoimmunerkrankungen) warnen PIT-RBCs und B-Zell-Marker vor Überlebensinfektionen (z. B. durch Pneumokokken), was zu prophylaktischer Antibiotikagabe oder Impfungen führt. In der Pädiatrie (SCD-Infanten) korrelieren hohe PIT-Werte mit früher Spleninvolution und erlauben timeliertes Management.
Prognostisch übertrifft der kombinierte Einsatz (z. B. PIT + NLR) etablierte Scores wie EASIX in der Onkologie. Therapeutisch: Ultraschall-gestützte Pulsed-Ultrasound (2024) zielt auf die Milz ab, um Inflammation zu modulieren, wobei Blutmarker den Effekt monitoren. Insgesamt reduzieren diese Biomarker die Abhängigkeit von invasiven Tests und fördern personalisierte Medizin, z. B. durch Risikoadaptierte Vakzinstrategien.
Schluss: Zukunftsperspektiven für das Blutbild in der Milzdiagnostik
Die Milz bleibt ein unterschätztes Organ, doch die neuesten Biomarker wie automatisierte PIT-RBCs, NLR-basierte Scores und B-Zell-Profile revolutionieren ihre Bewertung im Blutbild. Sie verbinden Hämatologie, Immunologie und Onkologie nahtlos und ermöglichen frühe Interventionen, die Lebensqualität und -dauer steigern. Zukünftige Forschung (z. B. molekulare Vakuolen-Marker) wird diese Tools weiter verfeinern, möglicherweise durch integrierte Point-of-Care-Tests. Für Kliniker bedeutet das: Das Blutbild ist nicht mehr nur ein Snapshot, sondern ein dynamischer Spiegel der Milzgesundheit.
Quellen
- https://anr.fr/Project-ANR-20-CE17-0024
- https://www.nature.com/articles/s41598-025-00708-w
- https://www.frontiersin.org/journals/physiology/articles/10.3389/fphys.2022.859906/full
- https://pmc.ncbi.nlm.nih.gov/articles/PMC3062353/
- https://ashpublications.org/blood/article/117/9/2614/28250/Biomarkers-of-splenic-function-in-infants-with
- https://www.mayoclinic.org/diseases-conditions/enlarged-spleen/diagnosis-treatment/drc-20354331
- https://emedicine.medscape.com/article/206208-workup
- https://www.pnas.org/doi/10.1073/pnas.2417473122
- https://onlinelibrary.wiley.com/doi/full/10.1002/ajh.23154
- https://pubmed.ncbi.nlm.nih.gov/40680848/
- https://www.medrxiv.org/content/10.1101/2025.01.31.25321490v1.full-text
- https://pmc.ncbi.nlm.nih.gov/articles/PMC10552697/
