Übersicht
Deutsche Universitäten sind in nahezu allen Bereichen der digitalen Infrastruktur stark von US-amerikanischen Technologien abhängig. Diese Abhängigkeit umfasst Cloud-Dienste, Produktivitätssoftware, Betriebssysteme, KI-Tools und Forschungsplattformen. Während US-Anbieter wie Microsoft, Google, Amazon und NVIDIA enorme Vorteile in Skalierbarkeit, Benutzerfreundlichkeit und Innovationsgeschwindigkeit bieten, entstehen dadurch erhebliche Risiken für Datenschutz, strategische Autonomie und geopolitische Resilienz. Stand Januar 2026 hat sich das Bewusstsein für diese Problematik in Wissenschaft und Politik deutlich verstärkt – dennoch bleibt der praktische Wandel langsam.
Aktuelles Ausmaß der Abhängigkeit
Die Abhängigkeit ist strukturell tief verwurzelt und betrifft nahezu alle Ebenen des Hochschulbetriebs:
- Produktivitäts- und Kollaborationssoftware
Microsoft 365 (ehemals Office 365), Teams und Outlook dominieren E-Mail, Dokumentenbearbeitung und Videokonferenzen an den meisten Universitäten. Viele Hochschulen haben während der Pandemie massiv auf diese Tools gesetzt und sind seither in einem starken Microsoft-Ökosystem gefangen. - Cloud-Infrastruktur und Speicher
Amazon Web Services (AWS), Microsoft Azure und Google Cloud machen den Großteil der genutzten Cloud-Ressourcen aus. Forschungsdaten, Hochleistungsrechnen (HPC) und KI-Workloads laufen häufig auf US-Hyperscalern – selbst wenn Server physisch in Europa stehen, unterliegen sie oft US-Recht (Cloud Act). - Betriebssysteme und Endgeräte
Windows ist auf den meisten Instituts-PCs Standard, macOS bei vielen Forschenden beliebt. Beide Systeme stammen aus den USA und binden Nutzer langfristig in entsprechende Ökosysteme ein. - KI- und Forschungs-Tools
Große Sprachmodelle (ChatGPT, Gemini, Copilot), wissenschaftliche Suchmaschinen (Google Scholar) und GPU-basierte Rechenleistung (NVIDIA) sind kaum zu ersetzen. Viele KI-Projekte trainieren oder nutzen Modelle in US-Clouds, wodurch Code, Trainingsdaten und Ergebnisse potenziell US-Jurisdiktion unterliegen.
Aktuelle Berichte zeigen: Die deutsche Wirtschaft – und damit auch die Hochschulen – sieht sich zu über 75–80 % als zu stark von US-Cloud- und Software-Anbietern abhängig. An Hochschulen ist die Situation ähnlich oder sogar ausgeprägter, da Innovation und internationale Kooperation oft Vorrang vor Souveränität haben.
Risiken und Konsequenzen
Die Abhängigkeit birgt mehrere konkrete Gefahren:
- Datenschutz und Rechtsunsicherheit
US-Gesetze wie der CLOUD Act erlauben Behördenzugriff auf Daten – unabhängig vom Speicherort. Sensible Forschungsdaten (Medizin, Sozialwissenschaften, KI-Entwicklung) können betroffen sein. - Geopolitische und politische Vulnerabilität
Exportkontrollen, Sanktionen oder politische Kurswechsel in den USA können den Zugang zu Software-Updates, KI-Modellen oder Rechenleistung einschränken. - Verlust von Verhandlungsmacht und Innovationskontrolle
Abhängigkeit bedeutet Preiserhöhungen, plötzliche Nutzungsänderungen oder Vendor-Lock-in weitgehend akzeptieren zu müssen. - Strategische Souveränitätslücke
Europa und Deutschland verlieren langfristig die Fähigkeit, eigene Schlüsseltechnologien in kritischen Bereichen (KI, Cloud, Quantencomputing) eigenständig zu entwickeln und zu kontrollieren.
Alternativen und Wege zur Reduzierung der Abhängigkeit
Es existieren bereits vielversprechende Alternativen, die jedoch noch nicht flächendeckend eingesetzt werden:
- Open-Source-Produktivitätssuiten
Nextcloud (mit OnlyOffice oder Collabora) als Alternative zu Microsoft 365/Google Workspace gewinnt stark an Bedeutung. Viele Hochschulen nutzen bereits Nextcloud für Dateispeicher und Kollaboration. - Sovereign Cloud Stack (SCS)
Der europäische, Open-Source-basierte Cloud-Baukasten wird zunehmend von Hochschulen eingesetzt. Die Friedrich-Alexander-Universität Erlangen-Nürnberg betreibt seit 2025 eine der ersten zertifizierten SCS-Clouds in Deutschland. - Europäische und deutsche Cloud-Anbieter
STACKIT (Schwarz Gruppe), IONOS, Open Telekom Cloud und Open-Source-Lösungen wie OpenStack bieten Alternativen mit europäischer Rechtsgrundlage. - Videokonferenz und Kommunikation
BigBlueButton (Open Source) und Mattermost sind an vielen Universitäten bereits etabliert und ersetzen Zoom/Teams erfolgreich. - KI-Entwicklung
Open-Source-Modelle (Llama, Mistral, europäische Initiativen) und lokale/on-premise-Deployments gewinnen an Boden, um Abhängigkeiten von US-Cloud-KI zu verringern.
Fazit und Ausblick
Stand 2026 ist die IT-Abhängigkeit deutscher Universitäten von US-Technologie weiterhin sehr hoch – trotz wachsendem Problembewusstsein. Die Vorteile der US-Plattformen (Funktionsumfang, Integration, Support) sind für viele Hochschulen derzeit noch gewichtiger als die Risiken. Gleichzeitig nimmt der Druck durch geopolitische Entwicklungen, Datenschutzanforderungen und den Wunsch nach echter Souveränität deutlich zu.
Der Weg aus der Abhängigkeit führt über konsequente Förderung von Open-Source-Lösungen, den Aufbau europäischer Sovereign Clouds und mutige strategische Entscheidungen auf Hochschulebene. Ohne substantielle Investitionen und politischen Willen wird die Abhängigkeit jedoch noch viele Jahre bestehen bleiben – mit allen damit verbundenen strategischen und rechtlichen Risiken.
