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Die Grenzen der Ukraine: Historische Entwicklung und ehemals zugehörige Gebiete

Die heutigen Grenzen der Ukraine sind das Ergebnis komplexer historischer Prozesse, die von Kriegen, Verträgen und geopolitischen Veränderungen geprägt wurden. Die Ukraine, als zweitgrößter Staat Europas mit einer Fläche von etwa 603.628 Quadratkilometern, grenzt an sieben Länder: Russland, Belarus, Polen, Slowakei, Ungarn, Rumänien und Moldau. Besonders die westlichen Grenzregionen der Ukraine – Transkarpatien, Bukowina und Galizien – haben eine wechselvolle Geschichte, da sie über Jahrhunderte hinweg unter der Kontrolle verschiedener Staaten standen, darunter Polen, Ungarn und Rumänien. Dieser Artikel beleuchtet die historischen Entwicklungen der ukrainischen Grenzen und identifiziert die Gebiete, die früher zu diesen Nachbarländern gehörten.


1. Historischer Überblick über die Grenzen der Ukraine

Die Ukraine, deren Name etymologisch „Grenzland“ bedeutet, war über Jahrhunderte ein Schauplatz konkurrierender imperialer Mächte, darunter das Polnisch-Litauische Commonwealth, das Habsburgerreich, das Osmanische Reich, das Russische Zarenreich und die Sowjetunion. Die heutigen Grenzen der Ukraine wurden weitgehend nach dem Zweiten Weltkrieg festgelegt, als die Sowjetunion die Gebiete der heutigen Ukraine in der Ukrainischen Sozialistischen Sowjetrepublik (UkrSSR) vereinte. Nach der Unabhängigkeit der Ukraine 1991 wurden diese Grenzen international anerkannt, obwohl sie aufgrund historischer Ansprüche und ethnischer Vielfalt in einigen Regionen umstritten bleiben.

Die westlichen Regionen der Ukraine, die an Polen, Ungarn und Rumänien grenzen, sind besonders interessant, da sie über lange Zeiträume Teil dieser Nachbarstaaten waren. Diese Gebiete wurden durch die Teilungen Polens, die Auflösung der Habsburgermonarchie und die Neuordnung Europas nach dem Zweiten Weltkrieg in die Ukraine eingegliedert.


2. Gebiete, die früher zu Polen gehörten

Historischer Kontext

Polen hatte über Jahrhunderte hinweg erheblichen Einfluss auf die westlichen Gebiete der heutigen Ukraine, insbesondere durch das Polnisch-Litauische Commonwealth (1569–1795). Während dieser Zeit waren weite Teile der Ukraine, insbesondere Galizien, Wolhynien und Podolien, Teil der Woiwodschaften des Commonwealths. Nach den Teilungen Polens (1772, 1793, 1795) fielen diese Gebiete teilweise an das Habsburgerreich (Galizien) und das Russische Zarenreich. Nach dem Ersten Weltkrieg und dem Polnisch-Ukrainischen Krieg (1918–1919) wurden diese Regionen wieder Polen zugesprochen, bis sie nach dem Zweiten Weltkrieg 1945 durch die „Westverschiebung“ Polens (Verlegung der Grenzen nach Westen entlang der Oder-Neiße-Linie) der Ukrainischen SSR zugesprochen wurden.

Ehemals polnische Gebiete

  • Galizien (Ostgalizien): Ostgalizien, mit der Stadt Lemberg (heute Lwiw), war bis 1772 Teil des Polnisch-Litauischen Commonwealths und anschließend bis 1918 Kronland des Habsburgerreichs. Nach dem Ersten Weltkrieg wurde es Teil der Zweiten Polnischen Republik (1919–1939). 1945 wurde Ostgalizien der Ukrainischen SSR zugesprochen. Heute umfasst es die Oblaste Lwiw, Iwano-Frankiwsk und Teile der Oblast Ternopil.
  • Wolhynien: Diese Region, mit Städten wie Luzk und Riwne, war ebenfalls Teil des Polnisch-Litauischen Commonwealths und später der Zweiten Polnischen Republik. Nach dem Zweiten Weltkrieg wurde Wolhynien der Ukrainischen SSR angegliedert und bildet heute die Oblaste Wolyn und Riwne.
  • Polesien: Teile von Polesien, eine sumpfige Region im Nordwesten der Ukraine, gehörten bis 1939 Polen und wurden nach 1945 der Ukraine zugesprochen. Heute liegt ein Großteil dieser Region in der Oblast Wolyn.

Besonderheiten

Die polnisch-ukrainischen Beziehungen sind durch eine gemeinsame Geschichte geprägt, die sowohl Kooperation als auch Konflikte umfasst, etwa die ethnischen Säuberungen in Wolhynien und Ostgalizien 1943–1944 durch ukrainische Nationalisten, die bis heute Spannungen hervorrufen. Trotzdem unterstützt Polen die Ukraine stark, insbesondere seit dem russischen Angriffskrieg 2022.


3. Gebiete, die früher zu Ungarn gehörten

Historischer Kontext

Ungarn kontrollierte Teile der heutigen Ukraine im Rahmen der Habsburgermonarchie und zuvor im Königreich Ungarn. Die Region Transkarpatien (auch Karpatenukraine genannt) war bis zum Ende des Ersten Weltkriegs Teil des Königreichs Ungarn. Nach dem Vertrag von Trianon (1920) wurde Transkarpatien der neu gegründeten Tschechoslowakei zugesprochen. 1939 annektierte Ungarn die Region kurzzeitig, bevor sie 1945 der Ukrainischen SSR zugesprochen wurde.

Ehemals ungarisches Gebiet

  • Transkarpatien: Diese Region, heute die Oblast Transkarpatien mit Städten wie Uschhorod und Mukatschewo, war bis 1918 Teil des Königreichs Ungarn. Sie ist ethnisch vielfältig, mit einer bedeutenden ungarischen Minderheit (ca. 150.000 Personen). Spannungen zwischen der Ukraine und Ungarn entstanden 2018 durch ein ukrainisches Sprachgesetz, das Ungarisch als Unterrichtssprache einschränkte, sowie durch Ungarns Ausstellung von Pässen an ethnische Ungarn in Transkarpatien.

Besonderheiten

Die ungarisch-ukrainischen Beziehungen sind durch die Rechte der ungarischen Minderheit belastet. Ungarn fördert kulturelle Aktivitäten in Transkarpatien, was von der Ukraine teilweise als separatistisch wahrgenommen wird. Berichte über ungarische Spionageaktivitäten in der Region (2024) haben die Spannungen verschärft.


4. Gebiete, die früher zu Rumänien gehörten

Historischer Kontext

Rumänien kontrollierte Teile der heutigen Ukraine, insbesondere die Bukowina und den Budschak, im Rahmen des Königreichs Rumänien nach dem Ersten Weltkrieg. Diese Gebiete wurden nach dem Zweiten Weltkrieg der Ukrainischen SSR zugesprochen, was bis heute vereinzelt zu historischen Ansprüchen führt.

Ehemals rumänische Gebiete

  • Nördliche Bukowina: Die nördliche Bukowina, mit der Stadt Czernowitz (heute Tscherniwzi), war bis 1918 Teil des Habsburgerreichs (Kronland Bukowina). Nach dem Ersten Weltkrieg wurde sie Rumänien zugesprochen, doch 1940 annektierte die Sowjetunion die Region, die 1945 Teil der Ukrainischen SSR wurde. Heute ist sie Teil der Oblast Tscherniwzi.
  • Budschak: Diese Region im Süden der Oblast Odessa, entlang des Kilijaarms der Donau, war bis 1940 Teil Rumäniens. Nach dem Zweiten Weltkrieg wurde sie der Ukraine zugesprochen.
  • Schlangeninsel: Die Seegrenze zwischen Rumänien und der Ukraine im Schwarzen Meer, einschließlich der Schlangeninsel, war bis zu einer Entscheidung des Internationalen Gerichtshofs 2009 umstritten. Die Insel gehört heute zur Ukraine, doch Rumänien erhielt einen Großteil des umstrittenen Kontinentalsockels.

Besonderheiten

Die Beziehungen zwischen Rumänien und der Ukraine haben sich seit den Euromaidan-Protesten (2013–2014) und besonders seit dem russischen Angriffskrieg (2022) verbessert. Dennoch gibt es vereinzelt Stimmen in Rumänien, die die Rückgabe historischer Gebiete fordern, wie etwa der Philosoph Andrei Marga im Jahr 2022.


5. Aktuelle Grenzen und geopolitische Herausforderungen

Die heutigen Grenzen der Ukraine umfassen:

  • Im Westen: Polen (ca. 530 km Grenze), Slowakei, Ungarn (ca. 137 km), Rumänien (ca. 531 km Landgrenze).
  • Im Süden: Moldau und das Schwarze Meer.
  • Im Osten und Norden: Russland und Belarus.

Die Grenzen sind völkerrechtlich anerkannt, doch die Annexion der Krim durch Russland (2014) und der Krieg im Donbas haben die territoriale Integrität der Ukraine infrage gestellt. In den westlichen Regionen gibt es keine offiziellen Gebietsansprüche von Polen, Ungarn oder Rumänien, jedoch werden historische Narrative gelegentlich für politische Zwecke genutzt, wie etwa die Forderung nach Rückgabe von Gebieten durch einzelne Intellektuelle oder Medien.

Die westlichen Grenzregionen sind ethnisch vielfältig, mit polnischen, ungarischen und rumänischen Minderheiten, was zu Spannungen führen kann, etwa durch Sprachgesetze oder kulturelle Förderung durch Nachbarstaaten. Die Ukraine steht zudem vor der Herausforderung, ihre nationale Identität zu stärken, während sie historische Ansprüche und geopolitische Spannungen balanciert.


6. Fazit

Die Grenzen der Ukraine sind das Ergebnis eines komplexen historischen Prozesses, der durch imperiale Herrschaft, Kriege und Verträge geprägt wurde. Ehemals polnische Gebiete wie Ostgalizien, Wolhynien und Polesien, ungarische Gebiete wie Transkarpatien und rumänische Gebiete wie die nördliche Bukowina und der Budschak wurden nach 1945 Teil der Ukraine. Diese Regionen bleiben aufgrund ihrer ethnischen Vielfalt und historischen Verbindungen zu den Nachbarländern sensibel. Während Polen, Ungarn und Rumänien keine offiziellen Gebietsansprüche stellen, können historische Narrative und Minderheitenrechte die Beziehungen belasten. Die Ukraine steht vor der Aufgabe, ihre territoriale Integrität zu wahren und gleichzeitig gute Nachbarschaftsbeziehungen zu fördern, insbesondere im Kontext des andauernden Konflikts mit Russland.


Quellen:

  • ZOiS Spotlight: Umstrittene postsowjetische Grenzen
  • Wikipedia: Grenze zwischen Rumänien und der Ukraine
  • wir-hn.de: Gebietsansprüche gegenüber der Ukraine
  • Länder-Analysen: Ukrainisch-polnische Beziehungen
  • Austria-Forum: Von Galizien zur westlichen Ukraine
  • Wikipedia: Polnisch-ukrainische Beziehungen
  • Athen Nachrichten: Polen, Rumänien und Ungarn
  • Wikipedia: Ukrainisch-ungarische Beziehungen
  • Posts auf X: @daily_romania, @blaugroen, @HolyVoidDreamer, @JCAvlas_jr