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Die Entwicklung von Euroimmun und das Vermächtnis seines Gründers: Ein medizinischer Rückblick

Die Euroimmun Medizinische Labordiagnostika AG, ein führendes Unternehmen in der medizinischen Diagnostik, hat seit ihrer Gründung 1987 einen bemerkenswerten Weg zurückgelegt. Gegründet von Professor Dr. Winfried Stöcker in Lübeck, entwickelte sich Euroimmun von einem kleinen Start-up zu einem global agierenden Konzern, der heute für seine innovativen Testsysteme zur Diagnose von Autoimmun-, Infektionskrankheiten und Allergien bekannt ist. Parallel dazu prägte Stöcker, ein Mediziner und Unternehmer, das Unternehmen und seine Kultur, hinterließ jedoch auch durch kontroverse Handlungen und Äußerungen Spuren, die über die wissenschaftliche Welt hinaus Beachtung fanden. Dieser Artikel beleuchtet die Entwicklung von Euroimmun, die Rolle seines Gründers und die Frage, was aus beiden geworden ist, in einem sachlich-medizinischen Kontext.

Euroimmuns Geschichte begann in einer Zeit, als die medizinische Labordiagnostik noch weit weniger automatisiert war als heute. Winfried Stöcker, 1947 in Rennersdorf in der Oberlausitz geboren, hatte nach seinem Medizinstudium in Würzburg und seiner Promotion 1976 eine klare Vision: die Diagnostik von Antikörpern im Patientenserum zu revolutionieren. Bereits 1983 meldete er ein Patent für Biochips an, eine Technologie, die später zum Markenzeichen von Euroimmun wurde. Diese Biochips ermöglichten eine präzise und effiziente Analyse von Antikörpern, was die Diagnose von Krankheiten wie Lupus erythematodes, Hepatitis oder Allergien erheblich verbesserte. 1987 gründete Stöcker Euroimmun in Lübeck, und das Unternehmen begann, Testsysteme zu entwickeln, die sich durch hohe Sensitivität und Spezifität auszeichneten. Der Hauptsitz in Lübeck wuchs schnell, ergänzt durch Standorte in Groß Grönau, Dassow und Selmsdorf in Mecklenburg-Vorpommern sowie in Sachsen und Bayern.

In den ersten Jahren konzentrierte sich Euroimmun auf die Entwicklung von Reagenzien für die Labordiagnostik, insbesondere für Autoimmunerkrankungen. Die Einführung von Immunfluoreszenz- und ELISA-basierten Testsystemen verschaffte dem Unternehmen einen Wettbewerbsvorteil. Stöckers wissenschaftlicher Hintergrund und seine Fähigkeit, Forschung in marktfähige Produkte umzusetzen, trieben das Wachstum an. In den 1990er Jahren erweiterte Euroimmun sein Portfolio um Tests für Infektionskrankheiten, etwa zur Diagnose von Borreliose oder HIV, und etablierte sich als zuverlässiger Partner für Labore weltweit. Die Internationalisierung begann früh: Bereits in den 2000er Jahren eröffnete Euroimmun Niederlassungen in China, Brasilien, den USA und zahlreichen europäischen Ländern. Bis 2017 beschäftigte das Unternehmen weltweit 2575 Mitarbeiter, davon 1800 in Deutschland, und erwirtschaftete einen Jahresumsatz von 284 Millionen Euro.

Ein Wendepunkt in der Unternehmensgeschichte kam 2017, als das US-amerikanische Unternehmen PerkinElmer die Übernahme von Euroimmun für 1,2 Milliarden Euro ankündigte. Das Bundeskartellamt stimmte der Transaktion im August 2017 zu, und im Dezember desselben Jahres war der Verkauf abgeschlossen. Für Stöcker, der einen Großteil der Anteile hielt, bedeutete dies einen finanziellen Erfolg: Er erhielt rund 600 Millionen Euro. Der Verkauf markierte jedoch auch einen Wandel in der Unternehmensführung und -kultur. Stöcker, der bis dahin als Vorstandsvorsitzender fungierte, verließ das Unternehmen 2019 altersbedingt. Sein Nachfolger wurde Dr. Wolfgang Schlumberger, der seit 1991 die Entwicklung von Diagnostika bei Euroimmun verantwortete. Schlumberger führte das Unternehmen bis 2023, als er in den Aufsichtsrat wechselte und Dirk Beecker, zuvor Finanzvorstand, die Leitung übernahm. Die aktuelle Führung besteht aus Beecker, Bianca Huth (Technische Vorständin) und Lars Komorowski (Wissenschaftlicher Vorstand).

Unter PerkinElmers Dach wuchs Euroimmun weiter. 2023 beschäftigte das Unternehmen 3500 Mitarbeiter in 17 Ländern, mit einem Jahresumsatz von etwa 307 Millionen Euro im Jahr 2018, der vermutlich weiter stieg. Die Produktpalette wurde erweitert, insbesondere im Bereich der Automatisierung. Geräte wie der IDS i20, ein Random-Access-System für Chemilumineszenz-Immunassays, und innovative Ansätze wie der Antikörpernachweis mittels getrocknetem Kapillarblut (DBS) unterstreichen die technologische Weiterentwicklung. Besonders während der Corona-Pandemie spielte Euroimmun eine zentrale Rolle. Das Unternehmen entwickelte frühzeitig Anti-SARS-CoV-2-Antikörpertests, die weltweit eingesetzt wurden, und initiierte Programme wie das „Corporate COVID-19 Antibody Testing Program“, das Unternehmen die Möglichkeit bot, ihre Mitarbeiter kostenlos auf Antikörper zu testen. Studien, etwa zur Übereinstimmung des Euroimmun Anti-Acetylcholinrezeptor-ELISAs mit traditionellen Radioimmunassays bei Myasthenia gravis, zeugen von der anhaltenden wissenschaftlichen Relevanz des Unternehmens.

Während Euroimmun als Unternehmen floriert, ist die Geschichte seines Gründers komplexer. Winfried Stöcker, ein visionärer Mediziner, prägte die Labordiagnostik nachhaltig. Seine Patente, etwa für Biochips sowie Inkubations- und Pipettierverfahren, legten die Grundlage für Euroimmuns Erfolg. Als Honorarprofessor der Universität zu Lübeck (2011–2023) und Träger eines Professorentitels der Medizinischen Tongji-Hochschule in Wuhan förderte er die akademische Forschung, unter anderem durch jährliche Zahlungen von einer Million Euro an die Universität Lübeck. Diese Zahlungen wurden jedoch 2015 nach einer Kontroverse mit dem damaligen Universitätspräsidenten Hendrik Lehnert eingestellt, was die Beziehung zwischen Stöcker und der Universität belastete.

Stöckers Aktivitäten während der Corona-Pandemie brachten ihn in die Schlagzeilen. 2020 entwickelte er in seinem privaten Labor in Groß Grönau einen COVID-19-Impfstoff, den er zunächst an sich selbst und später an Freiwilligen testete, unter anderem am Flughafen Lübeck-Blankensee, den er 2016 erworben hatte. Da der Impfstoff nicht zugelassen war, verstieß Stöcker gegen das Arzneimittelgesetz. Im Juni 2024 wurde er vom Amtsgericht Lübeck zu einer Geldstrafe von 250.000 Euro verurteilt. Stöcker räumte die Impfungen ein, sah sich jedoch im Recht und betonte, als Arzt habe er helfen wollen. Sein Verteidiger, Wolfgang Kubicki, argumentierte, es gebe keine Beweise, dass Stöcker den Impfstoff selbst hergestellt habe. Der Vorfall verdeutlicht Stöckers Bereitschaft, unkonventionelle Wege zu gehen, brachte ihm aber auch rechtliche und gesellschaftliche Kritik ein.

Neben seiner wissenschaftlichen Karriere machte Stöcker durch kontroverse Äußerungen und politische Aktivitäten auf sich aufmerksam. Bereits 2014 sorgte er mit Aussagen in der Sächsischen Zeitung für Empörung, als er Flüchtlinge kritisierte und vor einer „Islamisierung Deutschlands“ warnte. Die Universität Lübeck und politische Akteure distanzierten sich, und Stöcker stellte die Zahlungen an die Universität ein. Seine Äußerungen zur MeToo-Bewegung und seine Empfehlung an Euroimmun-Mitarbeiter, „viele Kinder zu zeugen“, um dem „Ansturm unberechtigter Asylanten“ entgegenzuwirken, führten 2018 dazu, dass die Lübecker Bürgerschaft Spenden von ihm ablehnte. Politisch war Stöcker zunächst Mitglied der FDP, trat jedoch 2020 aus und warf der Partei mangelndes Demokratieverständnis vor. Seine Nähe zur AfD wurde deutlich, als er 2019 und 2021 Spenden an die Partei leistete, darunter eine Rekordspende von 1,5 Millionen Euro im Januar 2025. Diese Handlungen haben Stöckers Ruf als Wissenschaftler überschattet und ihn zu einer polarisierenden Figur gemacht.

Was ist also aus Euroimmun und seinem Gründer geworden? Euroimmun hat sich als globaler Akteur in der Labordiagnostik etabliert. Unter der Leitung von PerkinElmer und einem erfahrenen Management bleibt das Unternehmen innovativ, wie jüngste Entwicklungen in der Automatisierung und Antikörperdiagnostik zeigen. Trotz eines angekündigten Arbeitsplatzabbaus im Mai 2025, der die Region Lübeck betrifft, steht Euroimmun wirtschaftlich solide da. Die Standorte in Mecklenburg-Vorpommern, etwa in Dassow und Selmsdorf, sowie die internationalen Niederlassungen unterstreichen die globale Präsenz. Wissenschaftlich bleibt das Unternehmen relevant, mit Fokus auf Autoimmunerkrankungen, Infektionsdiagnostik und neuen Technologien wie Chemilumineszenz-Immunassays.

Winfried Stöcker hingegen hat sich aus der aktiven Unternehmensführung zurückgezogen. Sein Vermächtnis als Innovator in der Labordiagnostik ist unbestritten, doch seine öffentlichen Auftritte und politischen Aktivitäten haben seinen Ruf getrübt. Nach dem Verkauf von Euroimmun investierte er in Projekte wie das Kaufhaus Görlitz (2013), den Flughafen Lübeck (2016) und eine Marmeladenfabrik in der Oberlausitz. Sein Diagnostiklabor in Groß Grönau betreibt er weiter, doch die rechtlichen Folgen seiner Impfaktionen und seine Nähe zur AfD haben ihn isoliert. Stöcker, der 2023 seine Honorarprofessur an der Universität Lübeck niederlegte, bleibt eine ambivalente Figur: ein brillanter Wissenschaftler, dessen Erbe durch kontroverse Entscheidungen belastet ist.

Die Geschichte von Euroimmun und Stöcker zeigt, wie eng wissenschaftlicher Fortschritt und persönliche Entscheidungen verknüpft sein können. Während Euroimmun als Unternehmen weiterhin die medizinische Diagnostik prägt, wird Stöckers Vermächtnis von seinen bahnbrechenden Erfindungen ebenso geformt wie von den Kontroversen, die ihn begleiten. Die Zukunft von Euroimmun scheint gesichert, doch Stöckers Rolle in der Öffentlichkeit bleibt ungewiss, geprägt von seinem unermüdlichen Drang, Grenzen zu überschreiten – wissenschaftlich wie gesellschaftlich.

Quellen:

  • Wikipedia, „Euroimmun“ und „Winfried Stöcker“, 2025
  • lifesciencenord.de, „Veränderungen im EUROIMMUN-Vorstand“, 2019
  • ndr.de, „Euroimmun-Gründer Stöcker: 250.000 Euro Strafe für illegale Impfung“, 2024
  • ostsee-zeitung.de, „1,5 Millionen Euro: Umstrittener Euroimmun-Gründer spendet der AfD“, 2025
  • euroimmunblog.de, diverse Beiträge, 2024