EDITORIAL. Von einem freien LabNews Journalisten, der die Solidargemeinschaft noch ernst nimmt.
Stellen Sie sich vor: Sie sind 82, haben ein Leben lang Beiträge in die gesetzliche Krankenkasse gezahlt, Steuern geschuftet, Kinder großgezogen, die Republik aufgebaut. Und jetzt? Jetzt kommt Thomas Lemke, Vorstandsvorsitzender der Sana-Kliniken – ein Mann, der mit seinem Jahresgehalt in die Millionen geht und in Villen residiert –, und erklärt Ihnen: „Sorry, Oma, aber ab 80 gibt’s keine neue Hüfte mehr. Zu teuer. Sparen wir lieber für die Jungen, die noch was leisten können.“ Das ist kein schlechter Sci-Fi-Thriller, das ist die kalte Realität, die dieser Managertyp in einem Podcast bei „Table.Media“ auskotzt. „Müssen wir in jeder Lebensphase die vollumfängliche Medizin zukommen lassen? Implantate, Hüften, Knieersatz – für die über 80?“ Fragt er. Und fügt hinzu: „Wir werden da ranmüssen.“ Als ob es um eine harmlose Diät ginge, nicht um den Tod von Millionen.
Das ist keine Debatte, das ist ein Skandal, der die Grundfeste unserer Gesellschaft zerfrisst. Lemke, dieser selbsternannte Kostenoptimierer, malt das Bild eines Gesundheitssystems, in dem der Wert eines Menschen am Rentenalter gemessen wird. Nicht mehr an Würde, nicht an Beiträgen, nicht an dem, was man geleistet hat – nein, an der Rendite. „In den meisten Ländern der Welt“ gäbe es das schon mit Eigenbeteiligung, prahlt er. Klar, in den USA sterben Alte im Straßengraben, weil sie pleite sind. Ist das unser Vorbild? Und er räumt ein: „Hochproblematische ethisch-moralische Diskussion.“ Problematisch? Das ist der pure Ekel vor dem Leben selbst. Es riecht nach Eugenik light: Die Alten sind Ballast, die Jungen die Zukunft. Wer zahlt schon für einen Körper, der nicht mehr arbeitet?
Das ist kein Einzelfall. Es ist der Höhepunkt einer giftigen Agenda, die seit Jahren brodelt. Erinnern Sie sich an Philipp Mißfelder, den Jungen-Union-Boy aus 2003? Der fragte: „Soll die Solidargemeinschaft 85-Jährigen noch Hüftgelenke finanzieren?“ Damals tobte die Empörung, die CDU distanzierte sich. Heute? Heute wiederholt Lemke das Wort für Wort, und die Politik schweigt. Weil es passt. Die Kosten im Gesundheitswesen explodieren – mindestens 300 Milliarden Euro jährlich, Inflation, Personalmangel. Aber statt die wahren Verursacher anzugehen – Pharma-Lobby, überteuerte Chefarztgehälter (bis zu 600.000 Euro pro Jahr!), unnötige High-Tech-Spielereien – greift man die Schwächsten an. Die Rentner, die 20 Prozent der Wähler ausmachen und die größte Wählergruppe der Republik sind.
Leserreaktionen explodieren vor Wut: „Profit statt Patientenwohl!“, schreien sie in den Kommentaren. „Lasst die Chefs wie Lemke auf 5.000 Euro runter, nicht die Alten verrecken!“ Und: „Übertherapie bei Jungen, weil’s Geld bringt – aber bei Alten sparen, weil die keine Lobby haben.“ Richtig. In Deutschland werden mehr Knie-OPs gemacht als überall in Europa – nicht aus Nächstenliebe, sondern weil Orthopäden damit reich werden. Lemke schlägt sogar ein Bonus-Modell vor: 100–200 Euro, wenn du weniger zum Arzt gehst. Toll, für Gesunde. Für Kranke? Sterben light.
Wenn das umgesetzt wird – und die Ampel-Regierung, die Merz‘ CDU/CSU und SPD, flüstert schon von „Reformen“ – dann ist es vorbei. Die Solidargemeinschaft, unser heiligstes Gut, zerbricht. Rentner, die 40 Prozent der Bevölkerung ausmachen, fühlen sich verraten. Sie, die die Wirtschaft nach dem Krieg aufbauten, die Steuern zahlten, während Politiker Partys feierten. Und jetzt? „Du bist entbehrlich.“ Das ist der Nährboden für Hass. Nicht nur unter Alten – unter allen, die ahnen: Morgen bin ich dran. Die Mittfünfziger, die Kindererzieher, die Alleinerziehenden. Jeder sieht: Das System frisst seine eigenen.
Und wer profitiert? Die AfD. Schaut auf die Umfragen: Im September 2025 knackt sie Rekorde. YouGov: 27 Prozent, erstmals vor der Union. ZDF-Politbarometer: Gleichauf bei 28 Prozent. Infratest dimap: 25 Prozent, neuer Bestwert. Im Osten 37 Prozent in Thüringen, 39 in Sachsen-Anhalt. Warum? Weil die AfD brüllt: „Die Eliten hassen euch! Die Sparen an den Alten, an den Armen, an uns allen – für Migration, für Grüne Ideologie!“ Und die Massen nicken. Nicht weil sie Nazis sind, sondern weil sie sich unverstanden fühlen. Weil Lemkes Worte wie Gift wirken: „Die Alten sind Kostenfaktor.“ Die AfD dreht das um: „Wir schützen die Deutschen – jung und alt!“ Und siehe da: 63 Prozent wollen immer noch die Brandmauer zur Union halten. Aber wenn die Union mitmacht – und Merz‘ „Herbst der Reformen“ riecht schon danach –, kippt das. Die AfD schießt auf 35 Prozent, vielleicht mehr. Absolute Mehrheit? In Koalition mit Verlierern wie FDP oder BSW? Denkbar. Denn die etablierten Parteien haben versagt: Sie lassen Managertypen wie Lemke die Agenda setzen, statt zu kämpfen.
Das ist der Punkt, an dem die Demokratie kippt. Nicht durch Putsche, sondern durch Apathie. Wenn wir zulassen, dass ein Klinikboss über Leben und Tod entscheidet, statt die Gesellschaft, dann haben wir die AfD verdient. Sie ist Symptom, nicht Ursache. Und Lemke? Der sitzt in seinem Vorstandssessel und zählt Euros, während die Republik brennt. Zeit, dass wir aufwachen. Bevor die Alten nicht nur keine Hüfte bekommen – sondern keine Stimme mehr.
