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Das „zweite Gehirn“ im Darm steuert das Immunsystem wie eine Weiche

Forschende am Champalimaud Centre for the Unknown in Lissabon haben entdeckt, wie das Nervensystem im Darm entscheidet, ob das Immunsystem angreift oder repariert. Die Studie, veröffentlicht in „Nature Immunology“, beschreibt erstmals einen direkten Dreier-Dialog zwischen Darmnerven, den deckenden Epithelzellen und dem Immunsystem – und identifiziert dabei den Neurotransmitter VIP (vasoaktives intestinales Peptid) als zentrale Schaltstelle.

Neuronen in der Darmwand, die VIP produzieren, ein Neuropeptid, das zur Regulierung von Immunreaktionen beiträgt. Credits: Fundação D. Anna de Sommer Champalimaud e Dr. Carlos Montez Champalimaud
Neuronen in der Darmwand, die VIP produzieren, ein Neuropeptid, das zur Regulierung von Immunreaktionen beiträgt. Credits: Fundação D. Anna de Sommer Champalimaud e Dr. Carlos Montez Champalimaud

VIP wird von bestimmten Darmneuronen freigesetzt, wenn wir essen. Epithelzellen, die die Darmwand auskleiden, tragen den Rezeptor VIPR1 und empfangen das Signal. Je nachdem, ob VIPR1 aktiviert oder blockiert wird, produziert die Epithelzelle unterschiedliche Botenstoffe (Zytokine), die das Immunsystem in zwei gegensätzliche Programme lenken:

  • Typ-1-Immunantwort („Killer-Modus“): Starke Abwehr gegen Bakterien und infizierte Zellen – wird durch VIP aktiviert.
  • Typ-2-Immunantwort („Reparatur-Modus“): Fördert Heilung, Regeneration und Schutz vor Parasiten – dominiert, wenn VIPR1 blockiert ist.

Tierversuche zeigten dramatische Effekte: Mäuse ohne VIPR1 in den Epithelzellen waren deutlich anfälliger für bakterielle Infektionen wie Salmonella, aber besser gegen Parasiten geschützt. Das Nervensystem im Darm fungiert damit wie eine Weiche, die je nach Situation den passenden Immunweg wählt.

Die Aktivierung durch Nahrungsaufnahme ist evolutionär sinnvoll: Jede Mahlzeit kann Keime mitbringen, deshalb wird beim Essen bevorzugt der Killer-Modus eingeschaltet. Moderne Lebensrhythmen – späte Mahlzeiten, Schichtarbeit, unregelmäßiges Essen – halten das System jedoch dauerhaft im Angriffsmodus. Dadurch fehlt dem Darm die nötige Regenerationsphase, was chronische Entzündungen, Stoffwechselerkrankungen und möglicherweise Krebs begünstigen könnte.

Der Mechanismus ist auch beim Menschen nachweisbar: Menschliche Darmepithelzellen exprimieren ebenfalls VIPR1. Die Entdeckung unterstreicht, wie eng Verhalten (Essenszeiten), Nervensystem und Immunabwehr verknüpft sind – und liefert einen neuen Ansatzpunkt, um entzündliche Darmerkrankungen oder andere Zivilisationskrankheiten besser zu verstehen und zu behandeln.