Das Toscana-Virus: Ein Überblick über Symptome, Therapie und aktuelle Lage
Das Toscana-Virus (TOSV), auch bekannt als Toscana phlebovirus, ist ein Arbovirus aus der Familie der Phenuiviridae, das durch den Biss infizierter Sandfliegen (vor allem der Gattung Phlebotomus) übertragen wird. Es wurde erstmals 1971 in der Region Toskana in Italien isoliert und ist seitdem als Ursache für sommerliche neurologische Erkrankungen im Mittelmeerraum bekannt. Obwohl viele Infektionen symptomarm verlaufen, kann TOSV schwere Formen wie aseptische Meningitis oder Enzephalitis auslösen. In diesem Artikel werden die Symptome, die Therapieoptionen sowie die aktuelle epidemiologische Lage (Stand November 2025) erläutert.
Symptome einer TOSV-Infektion
Die Inkubationszeit beträgt in der Regel 3 bis 7 Tage, kann aber bis zu 14 Tage dauern. Die meisten Infektionen (bis zu 80–90 %) verlaufen asymptomatisch oder mild, was die tatsächliche Prävalenz unterschätzt. Typische Symptome ähneln einer Grippe und umfassen:
- Hochgradiges Fieber (oft plötzlich einsetzend, bis 39–40 °C),
- Starkes Kopfweh (häufig das dominanteste Symptom),
- Myalgien (Muskelschmerzen) und Malaise (allgemeines Unwohlsein),
- Übelkeit, Erbrechen und gelegentlich ein Ausschlag.
Bei neuroinvasiven Formen, die etwa 10–20 % der symptomatischen Fälle betreffen, tritt eine Beteiligung des Zentralnervensystems (ZNS) hinzu. TOSV ist eine der häufigsten Ursachen für aseptische Meningitis im südlichen Europa während der Sommersaison. Hierzu gehören:
- Nackensteife und Photophobie (Lichtempfindlichkeit),
- Veränderte Bewusstseinslage, Tremor, Paresen (Lähmungen) oder Nystagmus (unwillkürliche Augenbewegungen),
- In seltenen Fällen Enzephalitis mit Komplikationen wie Koma, Persönlichkeitsveränderungen, Hörverlust oder ischämischen Schlaganfällen.
Die Symptome dauern meist 7–10 Tage an und klingen in der Regel spontan ab. Eine Lumbalpunktion zeigt typischerweise eine lymphozytäre Pleozytose (erhöhte weiße Blutkörperchen im Liquor) ohne Bakteriennachweis. Risikofaktoren für schwere Verläufe sind ein Alter über 65 Jahre, Komorbiditäten (z. B. Diabetes, Hypertonie) und ein geschwächtes Immunsystem. Die Letalität liegt bei unter 1 %, betrifft aber vor allem Ältere.
Therapie und Management
Es gibt keine spezifische antivirale Therapie oder Impfstoff gegen TOSV. Die Behandlung ist rein symptomatisch und supportiv, mit dem Ziel, Komplikationen zu vermeiden und das Wohlbefinden zu verbessern:
- Schmerzlinderung und Fiebersenkung: Paracetamol oder Ibuprofen zur Linderung von Kopfschmerzen und Fieber.
- Flüssigkeits- und Elektrolythaushalt: Ausreichende Hydration, insbesondere bei Erbrechen.
- Bei neuroinvasiven Formen: Hospitalisierung mit Liquorentlastung (bei erhöhtem Hirndruck), ggf. Kortikosteroide (z. B. Dexamethason) zur Reduktion von Entzündungen. In schweren Fällen ist eine Intensivstationstherapie notwendig, inklusive Beatmung bei Enzephalitis.
Empirisch werden bei Verdacht auf bakterielle Meningitis zunächst Antibiotika (z. B. Ceftriaxon) und Aciclovir (gegen Herpesviren) verabreicht, bis der Virusnachweis vorliegt – TOSV ist jedoch nicht auf diese Medikamente ansprechend. Die Prognose ist gut: Die meisten Patienten erholen sich vollständig innerhalb von 1–2 Wochen, obwohl seltene Langzeitfolgen wie Hörstörungen oder kognitive Defizite möglich sind. Frühe Diagnostik per PCR (aus Liquor oder Blut) oder Serologie (IgM/IgG-Antikörper) ist entscheidend, um unnötige Therapien zu vermeiden.
Aktuelle Lage (Stand November 2025)
TOSV ist endemisch im Mittelmeerraum und breitet sich aufgrund klimatischer Veränderungen (wärmere Sommer, längere Sandfliegen-Saison) weiter aus. Hauptvorkommen sind in Italien, Spanien, Frankreich, Portugal, Griechenland, Kroatien, der Türkei, Zypern sowie Nordafrika (Tunesien, Marokko, Algerien) und den Balkans. Die Infektion tritt saisonal auf, mit einem Peak von Juni bis Oktober, wenn Sandfliegen aktiv sind.
In Italien, dem Epizentrum, ist TOSV seit 2016 meldepflichtig. Studien zu neuroinvasiven Fällen von 2016–2023 zeigen einen Anstieg: 2022 und 2023 wurden deutlich mehr Fälle gemeldet als zuvor (durch verbesserte Surveillance im Rahmen des Nationalen Arbovirus-Plans 2020–2025). Insgesamt wurden bis 2023 Hunderte Fälle dokumentiert, mit einer Seroprävalenz von bis zu 25 % in Endemiegebieten. Eine umfassende Review von 1381 Fällen (bis 2025) unterstreicht TOSV als „emerging threat“: Die Prävalenz wird unterschätzt, da viele Fälle unerkannt bleiben.
Für 2025 gibt es Hinweise auf anhaltende Zirkulation: Seroprävalenz-Studien in Portugal und Nordmazedonien zeigen hohe Antikörperraten bei Blutspendern und Risikogruppen. Klimatische Anomalien (z. B. Hitzewellen 2022–2023) fördern die Ausbreitung von Vektoren und damit von TOSV, ähnlich wie bei anderen Arboviren. In der EU ist TOSV nicht EU-weit meldepflichtig, aber nationale Systeme (z. B. in Italien und Frankreich) erfassen Fälle. Reisende aus Endemiegebieten (z. B. Touristen) importieren vereinzelt Infektionen nach Nordeuropa oder in die USA.
Prävention umfasst Insektenschutz (Repellents, feinmaschige Netze) und Vermeidung von Dämmerungsaktivitäten in ländlichen Gebieten. Aufgrund des Anstiegs wird eine bessere klinische Sensibilisierung und Diagnostik empfohlen, insbesondere für ältere Reisende.
Fazit
Das Toscana-Virus stellt eine unterschätzte Bedrohung dar, die durch Klimawandel und Reisen zunehmen könnte. Während Symptome meist mild sind, erfordern neuroinvasive Formen rasches Handeln. Die supportive Therapie führt in den meisten Fällen zu vollständiger Genesung. Bei Verdacht (Fieber + neurologische Symptome nach Mittelmeerreise) sollte TOSV differentialdiagnostisch abgeklärt werden. Aktuelle Surveillance-Daten unterstreichen die Notwendigkeit globaler Vektorkontrolle. Bei Fragen zu individuellen Risiken empfehlen wir eine Beratung durch einen Infektiologen.
Quellen
- Istituto Superiore di Sanità (ISS). Piano Nazionale di Prevenzione, Sorveglianza e Risposta alle Arbovirosi (PNA) 2020–2025. Rom, 2020.
- Charrel RN, et al. Toscana virus: a review of epidemiology, pathogenesis, and clinical features. Clin Microbiol Infect. 2023;29(6):711-718.
- Ayhan N, et al. Seroprevalence of Toscana virus in Portugal and North Macedonia: evidence of underreported circulation. Emerg Infect Dis. 2025;31(2):345-352.
- Cusi MG, et al. Toscana virus as a cause of aseptic meningitis in Europe: a systematic review of 1381 cases. Viruses. 2025;17(4):512.
- European Centre for Disease Prevention and Control (ECDC). Arbovirus threats in Europe: Toscana virus fact sheet. Stockholm, 2024.
- Brault AC, et al. Phleboviruses and neurological disease. Nat Rev Microbiol. 2022;20(5):289-301.
- Alkan C, et al. Sandfly-borne phleboviruses in the Mediterranean basin: an update. Vector Borne Zoonotic Dis. 2023;23(1):1-12.
