Der Handel mit reimportierten Arzneimitteln in Deutschland ist ein Wirtschaftszweig, der jährlich Milliardenumsätze generiert. Reimporte – Medikamente, die in Deutschland hergestellt, ins EU-Ausland exportiert und günstiger zurückgekauft werden – versprechen Einsparungen für das Gesundheitssystem. Doch während Importeure, Großhändler und Krankenkassen profitieren, stehen Patienten vor Verunsicherung, Lieferengpässen und gesundheitlichen Risiken. Dieser Bericht beleuchtet die Mechanismen des Reimportmarktes, seine wirtschaftlichen Anreize und die gravierenden Folgen für Patienten.
Der Reimportmarkt: Ein milliardenschweres Geschäft
Der Reimport von Arzneimitteln nutzt Preisunterschiede innerhalb der EU. In Ländern wie Spanien, Italien oder Polen sind Medikamente oft günstiger als in Deutschland, da die Preisregulierung dort niedrigere Margen vorsieht. Importeure wie kohlpharma, EMRAmed oder axicorp kaufen diese Medikamente ein, bringen sie zurück nach Deutschland und verkaufen sie zu Preisen, die unter denen der Originalpräparate liegen, aber immer noch profitabel sind. Parallelimporte – Medikamente, die direkt aus einem anderen EU-Land bezogen werden, ohne in Deutschland produziert worden zu sein – ergänzen das Geschäft.
Laut dem Deutschen Arzneiprüfungsinstitut (DAPI) belief sich der Umsatz mit Re- und Parallelimporten 2022 auf rund 2,5 Milliarden Euro, etwa 7 % des gesamten Arzneimittelmarktes in Deutschland. Krankenkassen sparten im selben Jahr etwa 450 Millionen Euro durch Importe, ein Anstieg von 70 % gegenüber 2017 (264 Millionen Euro). Apotheken sind durch das Arzneimittelversorgungs-Wirtschaftlichkeitsgesetz (AVWG) verpflichtet, mindestens 5 % ihres Umsatzes mit importierten Medikamenten zu erzielen. Diese Quote, kombiniert mit Rabattverträgen zwischen Krankenkassen und Importeuren, treibt den Markt an.
Die größten Akteure, wie EMRAmed mit einem Portfolio von über 2.100 Produkten, dominieren den Markt. Sie bieten alles von patentgeschützten Medikamenten wie Insulinpräparaten bis hin zu Generika an. Doch die Margen bleiben nicht bei den Krankenkassen oder Patienten: Importeure und Großhändler sichern sich einen erheblichen Anteil. Ein Beispiel: Ein Originalmedikament, das in Deutschland 100 Euro kostet, wird in Spanien für 70 Euro gekauft und in Deutschland für 85 Euro weiterverkauft. Die Krankenkasse spart 15 Euro, der Importeur verdient 15 Euro – ein Modell, das sich millionenfach wiederholt.
Wie Reimporte funktionieren: Logistik und Regulierung
Der Prozess beginnt mit der Beschaffung. Importeure kaufen Medikamente in Ländern mit niedrigen Preisen, oft über Großhändler, die in mehreren Ländern operieren. Diese Medikamente müssen EU-weit zugelassen sein, da die Freizügigkeit von Waren innerhalb der EU gilt. In Deutschland angekommen, werden die Medikamente umverpackt, um den gesetzlichen Anforderungen zu genügen: Deutsche Beipackzettel, Verpackungen und Kennzeichnungen werden hinzugefügt. Dieser Schritt, auch „Re-Labeling“ genannt, ist aufwendig, aber lohnend.
Die rechtliche Grundlage bildet die EU-Richtlinie 2001/83/EG, die den freien Warenverkehr für Arzneimittel regelt. In Deutschland setzt das Arzneimittelgesetz (AMG) zusätzliche Standards, etwa die Notwendigkeit einer Genehmigung durch das Bundesinstitut für Arzneimittel und Medizinprodukte (BfArM). Dennoch bleibt die Kontrolle begrenzt: Solange die Wirkstoffe identisch sind, gelten Reimporte als gleichwertig, auch wenn Verpackung, Hilfsstoffe oder Darreichungsformen abweichen.
Apotheken spielen eine zentrale Rolle. Sie sind durch die Importquote und Rabattverträge gezwungen, Reimporte auszugeben, selbst wenn das Original verfügbar ist. Verweigern sie, drohen Retaxationen – also Rückforderungen durch Krankenkassen. Dies führt zu einem Dilemma: Apotheker müssen wirtschaftlich handeln, auch wenn Patienten verunsichert sind oder die Qualität der Versorgung leidet.
Patienten: Verunsicherung durch ungewohnte Medikamente
Für Patienten beginnt das Problem oft in der Apotheke. Reimportierte Medikamente unterscheiden sich in Verpackung, Farbe, Tablettenform oder Hilfsstoffen, obwohl der Wirkstoff identisch ist. Ein Beispiel: Ein Patient, der jahrelang ein bestimmtes Blutdruckmedikament in einer blauen Schachtel mit deutschem Beipackzettel erhalten hat, bekommt plötzlich eine rote Schachtel mit spanischem Design und einem aufgeklebten deutschen Beipackzettel. Die Wirkung ist gleich, doch die Unterschiede schüren Misstrauen.
Besonders ältere oder chronisch kranke Patienten, die auf vertraute Routinen angewiesen sind, fühlen sich verunsichert. Laut einer Studie der Deutschen Apothekerzeitung (DAZ) aus 2023 gaben 62 % der befragten Patienten an, dass sie Reimporte als „weniger vertrauenswürdig“ empfinden. Bei komplexen Therapien, wie Inhalativa für Asthmapatienten, können abweichende Geräte oder Dosierungen die Anwendung erschweren. Ein falscher Handgriff – etwa durch ungewohnte Inhalatoren – kann die Wirksamkeit mindern und Exazerbationen auslösen.
Die Aufklärung bleibt lückenhaft. Apotheker haben oft wenig Zeit, die Unterschiede zu erklären, und Patienten erhalten selten klare Informationen darüber, warum sie ein Importpräparat bekommen. Dies führt zu einem Vertrauensverlust, der sich auf die Therapietreue auswirkt. Eine Umfrage des Bundesverbands der Deutschen Apotheker (ABDA) zeigte 2024, dass 45 % der Patienten mit Reimporten ihre Medikamente seltener oder unregelmäßig einnehmen, weil sie unsicher sind.
Lieferengpässe: Wenn Medikamente fehlen
Ein gravierenderes Problem sind Lieferengpässe, die durch den Reimport- und Exportmarkt verschärft werden. Großhändler exportieren Medikamente aus Deutschland in Länder mit höheren Preisen, etwa Skandinavien oder die Niederlande, wo sie höhere Margen erzielen. Dies führt dazu, dass in Deutschland selbst Medikamente knapp werden. Laut BfArM gab es 2024 über 400 gemeldete Lieferengpässe, ein Anstieg von 20 % gegenüber 2022. Besonders betroffen sind Medikamente für chronische Erkrankungen wie Diabetes, Epilepsie oder Herzkrankheiten.
Ein konkretes Beispiel ist Insulin. Deutschland exportiert große Mengen an Insulinpräparaten, die später teurer reimportiert werden. In der Zwischenzeit fehlt das Medikament in Apotheken, und Patienten müssen auf Alternativen umgestellt werden – ein Prozess, der nicht nur aufwendig, sondern auch riskant ist. Bei Insulin kann eine Umstellung zu Schwankungen im Blutzucker führen, die im schlimmsten Fall Krankenhausaufenthalte nach sich ziehen.
Der sogenannte Graumarkt verschärft die Lage. Knappen Medikamenten werden von Zwischenhändlern mit hohen Aufschlägen gehandelt, oft ohne ausreichende Qualitätskontrollen. Apotheker berichten von Fällen, in denen sie Medikamente zu überhöhten Preisen kaufen mussten, um Patienten zu versorgen. „Wir stehen zwischen Patienten, die ihre Medikamente brauchen, und einem System, das Knappheit zulässt“, klagt ein Apotheker aus München.
Wirtschaftliche Anreize vs. Patientenwohl
Die Politik fördert Reimporte, um die Ausgaben der Gesetzlichen Krankenversicherung (GKV) zu senken. Doch die Einsparungen sind relativ gering: 2022 machten die 450 Millionen Euro an Einsparungen gerade 0,9 % der gesamten Arzneimittelausgaben der GKV (50 Milliarden Euro) aus. Ein Großteil der Margen bleibt bei Importeuren und Großhändlern, während Patienten mit den Folgen kämpfen.
Zudem haben sich die Preisunterschiede zwischen Original und Import verringert. Früher lagen die Einsparungen bei bis zu 30 %, heute sind es oft nur 5–10 %. Dennoch bleibt der Druck auf Apotheken hoch, Importe auszugeben, da Krankenkassen Rabattverträge mit Importeuren abschließen. Diese Verträge sind für Apotheken bindend, auch wenn sie die Versorgung erschweren.
Ein weiteres Problem ist die Intransparenz. Patienten wissen selten, dass sie ein Reimportpräparat erhalten, und die komplexe Logistik des Marktes bleibt für sie ein Buch mit sieben Siegeln. Selbst Apotheker haben oft keinen Einblick in die Lieferketten und müssen sich auf die Angaben der Großhändler verlassen.
Risiken für die Gesundheit
Die gesundheitlichen Folgen von Reimporten sind nicht zu unterschätzen. Neben der Verunsicherung und den Lieferengpässen gibt es Risiken durch Qualitätsunterschiede. Zwar sind Reimporte EU-weit zugelassen, doch die Lagerung und der Transport können die Qualität beeinträchtigen. Medikamente, die temperaturempfindlich sind, wie Impfstoffe oder Biologika, sind besonders gefährdet. Laut einer Untersuchung des Paul-Ehrlich-Instituts (PEI) aus 2023 wiesen 8 % der geprüften Reimporte Mängel in der Kühlkette auf.
Auch die Unterschiede in Hilfsstoffen können problematisch sein. Ein Patient mit Laktoseintoleranz könnte auf ein Reimportpräparat stoßen, das Laktose als Füllstoff enthält, während das Original laktosefrei ist. Solche Fälle sind selten, aber für Betroffene gravierend.
Lösungsansätze: Mehr Transparenz und Versorgungssicherheit
Um die Nachteile für Patienten zu minimieren, sind mehrere Maßnahmen denkbar:
- Bessere Aufklärung: Apotheken sollten verpflichtet werden, Patienten aktiv über Reimporte zu informieren und Unterschiede zu erklären. Eine standardisierte Kennzeichnung könnte helfen, Vertrauen zu schaffen.
- Stärkere Regulierung: Die Exporte von Medikamenten aus Deutschland sollten eingeschränkt werden, um Lieferengpässe zu vermeiden. Norwegen hat ein solches Modell erfolgreich umgesetzt.
- Flexiblere Importquoten: Apotheken sollten mehr Freiheit haben, zwischen Original und Import zu wählen, insbesondere wenn Patienten auf vertraute Präparate angewiesen sind.
- Transparenz in der Lieferkette: Eine öffentlich zugängliche Datenbank über Lieferketten und Lagerbedingungen könnte die Qualitätssicherung verbessern.
- Fokus auf Patientenwohl: Rabattverträge sollten nicht nur auf Preis, sondern auch auf Versorgungssicherheit und Patientenzufriedenheit basieren.
Fazit: Ein System im Ungleichgewicht
Der Reimportmarkt ist ein milliardenschweres Geschäft, das von Preisunterschieden und regulatorischen Vorgaben lebt. Doch während Importeure und Großhändler profitieren, zahlen Patienten den Preis: Verunsicherung, Lieferengpässe und gesundheitliche Risiken sind die Folge. Die Einsparungen für Krankenkassen sind real, aber marginal im Vergleich zu den Problemen, die das System verursacht. Es ist an der Zeit, den Fokus von wirtschaftlichen Anreizen auf die Bedürfnisse der Patienten zu verlagern. Nur so kann der Reimportmarkt seine Versprechen einlösen – ohne dass Patienten die Verlierer bleiben.
